06. Oktober 2019, 20:17 Uhr

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06. Oktober 2019, 20:17 Uhr
Becky Sharp (Meike Weber) und der junge Lord Joseph Sedley (Marian Moldenhauer).

Ist das Treis an der Lumda zum »Trump-Land« geworden und hat die Todesstrafe eingeführt? Die Frage mag sich am Freitag der eine oder andere Besucher der Sport- und Kulturhalle des Staufenbergers Stadtteils gestellt haben. Jedenfalls stand unübersehbar eine Guillotine auf der Bühne. Eben jenes unappetitliche Gerät, bei dem jeder weiß: Das Ende naht. Das Fallbeil jedoch hatte hier seinen Einsatz schon um 19.35 Uhr, also kurz nach der Intro-Musik für das Musical »Becky Sharp - Aufstieg einer Mörderin«, das der Chor der evangelischen Kirchengemeinde Treis nun erstmals aufführte. Innerhalb dreier Stunden sollte es gleich vier Tote gaben - und kein Happy-End. Das schafft mancher »Tatort« nicht.

Nicht jugendfrei - wie das Leben

Und: Das erste Opfer an diesem Abend, Lord Joseph Sedley (gespielt von Marian Moldenhauer), wird am Ende sogar nochmals sterben. Zwischendurch wird ausgiebig erzählt, wie es zum unplanmäßigem Ableben des unglücklich Verliebten überhaupt kommen konnte. Wer jetzt Blut gerochen hat, sollte schleunigst einen Platz reservieren. Drei Aufführungen des Musicalchors sind noch geplant.

Am Premierenabend mimte Meike Weber die Hauptperson. Autor und Komponist Claus Martin hat seine Geschichte dem Roman »Vanity Fair« von William Makepeace Thackeray aus dem Jahr 1849 nachempfunden. Das Buch wurde ins Deutsche übersetzt als »Jahrmarkt der Eitelkeiten«.

Pfarrer Andreas Lenz begrüßte das Publikum zur Premierenvorstellung. 41 Jugendliche hätten anderthalb Jahre geprobt, viele Helfer ein Übriges getan. Daniela Werner halte alles zusammen. Die Reihen applaudierten erstmals heftig. Lenz mahnte, »es ist nicht jugendfrei, aber das ist das Leben auch nicht. Moralische Fragen stellen sich in den Konflikten des Lebens«.

Mit der Hinrichtung des bedauernswerten Lord Sedley ist auch die erste Massenszene verbunden. Oft tummeln sich viele Darsteller als singendes Volk im »Musical Dome« Treis. Lenz hatte wohl an Köln gedacht, als er eingangs das Bürgerhaus so bezeichnete. Nun ist das spezielle Kölner Bauwerk hoch modern, die Treiser Halle dagegen. Abgesehen von dieser unveränderbaren Äußerlichkeit ist bei Daniela Werner, Chor, Musiker und Helfer im Laufe von Jahren ein grundlegender Wandel eingetreten, aus einem »Versuchsballon« eine professionell aufgebaute Show entstanden, die keine Wünsche offen lässt. Den Aufwand mit »gigantisch« zu beschreiben, wäre auch nicht übertrieben, eigentlich ist er mehrere Nummern zu groß für eine Ortschaft im ländlichen Raum - deshalb umso erstaunlicher.

Allein schon die Ausstaffierung von 41 Personen mit historisierenden Kostümen spricht dafür - kein Verleih war damit beschäftigt, sondern Anni Hillgärtner. Man sollte ihr die goldene Nähnadel verleihen. Ihre Arbeitsstunden möchte man nicht zählen.

Zu den Superlativen des Musicals zählt der Auftritt Ihrer Majestät, König George IV. von England (gespielt von Lars Bauer). Böse Zungen behaupten, der echte Herrscher sei »dümmer wie eine Kleiderpuppe«, doch das Treiser Publikum zeigte Manieren und huldigte ihm stehend.

Die adelige englische Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebt ihren Standesdünkel. Eine Bürgerliche wie Becky Sharp kann eigentlich nur mittels Heirat daran teilhaben, denn Adel ist alles und ohne Adel ist die beste Ausbildung nichts. Alles Hinterhältige der gehobenen Society eignet sich Becky daher quasi zwangsläufig an. Man bedauert und bewundert sie gleichermaßen.

Weitere Vorstellungen von »Becky Sharp« gibt es am Wochenende: Freitag, 11. Oktober, und Samstag, 12. Oktober, jeweils 19.30 Uhr sowie am Sonntag, 13. Oktober, um 15 Uhr, wiederum in der Sport- und Kulturhalle Treis. (vh/Fotos: vh)

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