10. April 2019, 22:07 Uhr

32 neue Stolpersteine

Über 70 000 Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig seit 1992 zur Erinnerung an die Opfer des Nazi-Regimes verlegt. In Langsdorf, Hungen und Grüningen sind gestern 32 neu dazugekommen.
10. April 2019, 22:07 Uhr
Mittwochmorgen, 9 Uhr, in Langsdorf: Gunter Demnig lässt sechs Stolpersteine in das Pflaster vor dem einstigen Wohnhaus der Familie Oppenheimer ein. Später folgen weitere Aktionen in Hungen und Grüningen. Insgesamt verlegt der Künstler 32 Messingtafeln zur Erinnerung an vertriebene und ermordete Juden. (Fotos: us/rge)

Hier ruht in Frieden mein lieber Mann, unser guter Vater...: Seit 85 Jahren erinnert diese Grabinschrift auf dem jüdischen Friedhof in Hungen an Moritz Oppenheimer aus Langsdorf. Nun kann man den Namen des von der SS ermordeten Viehhändlers auch in seinem Heimatdorf wieder lesen. Vor dem einstigen Wohnhaus der Familie Oppenheimer glänzen seit gestern sechs messingfarbene »Stolpersteine«. Der Künstler Gunter Demnig hat sie zur Erinnerung an Moritz, dessen Ehefrau Bertha und die vier Kinder ins Pflaster der Straße Am Himmerich eingelassen. Für Demnig war Langsdorf die erste von insgesamt drei Stationen im Landkreis Gießen. Auch in Hungen und in Grüningen verlegte er Plaketten, die die Erinnerung an die einstigen jüdischen Bewohner wachhalten sollen.

 

Nachfahren ausfindig gemacht

 

Die Oppenheimers in Langsdorf wurden vom nationalsozialistischen Terror früh und brutal getroffen. Ursula Jack beschäftigt sich schon seit Jahren mit den historischen Hintergründen. Sie berichtete, das mit Dolchen und Schusswaffen bewehrte Anhänger der SS in der Nacht zum 1. Juli 1934 in das Haus der Familie eingedrungen waren. Moritz Oppenheimer wurde dabei schwer verletzt. Obwohl ihm ein Arzt aus Lich und der als Sanitäter ausgebildete Zimmermann Otto Bausch zu Hilfe eilten, starb er zwei Tage später im Krankenhaus. Seine Frau und die Kinder, die ebenfalls Verletzungen erlitten hatten, emigrierten nach ihrer Genesung über Kulmbach in die USA.

Ursula Jack ist es gelungen, Nachfahren von ihnen ausfindig zu machen. »Ein persönlicher Kontakt konnte bisher nicht hergestellt werden«, sagte sie bei der schlichten und anrührenden Gedenkfeier. Mitgestaltet wurde sie von Konfirmanden, die ihre Wünsche für eine friedlichere und gerechtere Welt vortrugen. Bürgermeister Bernd Klein merkte an, dass es noch immer Leute gebe, die sich gegen das Gedenken sträuben. »Doch die Stadt Lich hat gemeinsam gesagt: Wir wollen das.« Die Verlegung weiterer Stolpersteine auch in der Kernstadt ist geplant.

In Hungen erinnert seit 1990 ein Gedenkstein mit etwa hundert Namen an die vertriebenen oder ermordeten Juden aus der heutigen Großgemeinde. Für alle möchte die AG Spurensuche Stolpersteine verlegen lassen. Gestern ist die Initiative ihrem Ziel ein gutes Stück nähergekommen. Vor den Wohnhäusern der Familien Katz (Kaiserstraße 5), Stein (Kaiserstraße 9) und Oppenheimer (Gießener Straße 16) brachte Gunter Demnig bei seinem inzwischen dritten Besuch 15 Messingtafeln an. Insgesamt 37 sind nun in den Gehwegen der Innenstadt zu finden. Besonders erfreut zeigten sich die Mitglieder der AG Spurensuche und Bürgermeister Rainer Wengorsch darüber, dass Nachfahren der Familien Katz, Stein und Oppenheimer an der Zeremonie teilnahmen und dafür die weite Anreise aus Israel, Kanada und Südafrika auf sich genommen hatten. Der Kontakt zu den Familien wird teils schon lange gepflegt. Ernst Katz, der 1934 nach der Freilassung aus dem KZ Osthofen nach Palästina emigrierte, war einst Initiator des Gedenksteins am jüdischen Friedhof.

Nun stand seine Tochter Yael Chalfan mit Kindern und Enkel tief bewegt vor dem Elternhaus ihres 2003 verstorbenen Vaters. Ihr Wunsch: »Möge der Stolperstein beachtet werden und daran erinnern, was die Menschheit kann, aber nicht darf.«

Der erste von elf Stolpersteinen, den Demnig in Grüningen verlegte, erinnert an Adolf Hess. Der gebürtige Grüninger musste sein Heimatdorf 1940 verlassen, wurde 1942 erst nach Theresienstadt, dann nach Treblinka deportiert und ermordet. 2009 waren auf Initiative des mittlerweile verstorbenen Frank Pötter bereits 20 Stolpersteine in Watzenborn-Steinberg verlegt worden. Heute trägt unter anderem Tim van Slobbe die Stolperstein-Initiative in Pohlheim. Am Abend, nach einer Andacht mit Pfarrer Matthias Bubel und dem Chor Laudate, führte ein Rundgang zu allen elf Stolpersteinen. Sie sind neben Adolf Hess den Angehörigen der Familie Engel-Wallenstein, Engel und Bella Goldschmidt gewidmet.

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