26. Oktober 2019, 18:00 Uhr

NS-Konzentrationslager

Am Abgrund der Geschichte: Was eine Fahrt nach Buchenwald bei Schülern bewirkt

Die Generation der letzten Zeitzeugen stirbt aus, die Tatorte mahnen weiter. Was bewirkt der Besuch einer Gedenkstätte bei jungen Menschen? Unterwegs mit Grünberger Schülern bei einer Fahrt nach Buchenwald.
26. Oktober 2019, 18:00 Uhr
Das Eingangstor des früheren NS-Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar. Die Gefangenen mussten es Tag für Tag passieren, wenn sie zur Zwangsarbeit geschickt wurden. (Foto: Katharina Brand/Gedenkstätte Buchenwald)

Der Raum ist eng und kalt, das Licht schummrig. Graue Farbe blättert von der Wand ab. Dazwischen ein großformatiges Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigt haufenweise Leichen. Abgemagert, übereinander geschüttet wie totes Vieh. Stumm stehen ein paar Neuntklässler aus Grünberg vor diesem bedrückenden Bild. Ein Eindruck, der hängenbleibt, zumindest irgendwo im Hinterkopf. Ob man will oder nicht. Wie so vieles an diesem Ort.

Natürlich wissen die Schüler, wohin sie die zweieinhalbstündige Busfahrt führt. Sie haben im Geschichtsunterricht darüber gesprochen, werden das Thema Nationalsozialismus bis Weihnachten in mehreren Fächern in Kleingruppen bearbeiten, auch im Kunstunterricht.

Buchenwald rückt allmählich näher, doch von der finsteren Aura dieses Ortes ist im Bus kaum etwas zu spüren. »Alter, jetzt geht's los!«, ruft ein Junge, als der Bus eine von Bäumen gesäumte Straße oberhalb von Weimar passiert. »Diese Straße heißt ›Blutstraße‹«, sagt der Busfahrer durch das Mikrofon, er kennt sich hier schon aus. »Toller Name«, albert ein Schüler. Es geht vorbei am ersten Hinweisschild zur Gedenkstätte. Im Bus wird es allmählich ruhiger.

Zehntausende Menschen sind im NS-Konzentrationslager Buchenwald gestorben. Sie wurden ermordet, sind verhungert, an Krankheiten oder infolge harter Zwangsarbeit umgekommen. Wie lässt sich das Erinnern an diesen Teil deutscher Geschichte wach halten, das unsagbare Leid vermitteln?

An der Grünberger Gesamtschule ist die Exkursion nach Buchenwald seit fünf Jahren ein Pflichttermin, alle neunten Klassen fahren hierher. Der Beschluss wurde schulintern gefasst, das Land schreibt solche Fahrten nicht verpflichtend vor. »Die Eltern müssen keine Zustimmung geben, sie erhalten nur eine Mitteilung über die Fahrt«, sagt Peter Molzberger, Aufgabenfeldleiter Gesellschaftswissenschaften an der TKS und bei der Fahrt als Geschichtslehrer dabei. Wenn Eltern Bedenken haben, versuche man diese im Gespräch auszuräumen. »Letztes Jahr sind zwei Schülerinnen nicht mitgefahren, da haben die Eltern gesagt: ›Die sind zu sensibel, die weinen da‹«, berichtet er. Dass Eltern ihr Kind aus politischen Gründen nicht mitfahren lassen wollen - etwa, weil sie das Erinnern ablehnen, - habe er noch nicht erlebt. Ob hinter jeder Krankmeldung für eine Buchenwald-Fahrt tatsächlich eine Krankheit steckt, kann er freilich nicht wissen.

Wie sinnvoll wäre eine verpflichtende Gedenkstättenfahrt wie diese für alle Schüler? Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat sich kürzlich dafür stark gemacht. Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) ließ dagegen gegenüber der Frankfurter Rundschau verlauten, er begrüße zwar Gedenkstättenfahrten von Schülern, lehne sie als Verpflichtung aber ab.

Molzberger war schon zehnmal mit Klassen in Buchenwald, er sieht die Sache etwas anders als sein oberster Chef. »Die Leugnung des Holocaust steht immer im Raum, da hilft diese Fahrt.« Seine Erfahrung: Wer einmal in Buchenwald war, zweifelt zumindest nicht mehr an der historischen Wahrheit des millionenfachen Mordes.

Molzberger erlebt im Unterricht immer mal wieder Jugendliche, die mit der menschenverachtenden NS-Ideologie und deren neuen Verfechtern liebäugeln. Die seien dann bei diesem Thema eher still. Wie kann ein Lehrer mit rechtsextrem gesinnten Schülern umgehen? »Das ist die Königsfrage«, sagt Molzberger nach langem Überlegen. »Ich bin immer für klare Worte, etwa in die Richtung: ›Willst du wirklich einem Massenmörder hinterherlaufen, der sechs Millionen Juden ermorden ließ?‹«

Am Parkplatz vor der Gedenkstätte herrscht reger Betrieb. Die Grünberger Gruppe hat einen engen Zeitplan, für die Begleitausstellung bleibt diesmal keine Gelegenheit. Ein junger Mann mit Brille, Mütze und Windjacke kommt um die Ecke. Als »Guide« wird er einen Teil der Neuntklässler samt Lehrer durch das Lager führen. Er animiert die Schüler, Fragen zu stellen. Die Lehrer werden ihn später dafür loben, wie empathisch und altersgerecht er mit den Schülern umgegangen sei.

Von den historischen Gebäuden ist nicht mehr viel übrig, die Schüler brauchen Vorstellungskraft. Der Guide spricht über den Weg in die Diktatur, die Ausgrenzung von Juden und Andersdenkenden, den Alltag im Lager. Immer mehr Fragen werden laut: Warum sind die Juden eigentlich ermordet worden? Ist Vergasen ein schmerzhafter Tod? Und was haben die Menschen unten in Weimar vom KZ mitbekommen?

Ein kalter Wind zieht über den Hang und treibt mächtige Wolken vor sich her. Einige Schüler tragen bunte Jacken und Rücksäcke. Es sind die einzigen Farbtupfer auf der tristen Ebene hinter dem Tor mit der Aufschrift »Jedem das Seine«.

»Ich wusste schon, dass das passiert ist, aber nicht, wie es aussieht«, sagt ein Schüler nach der Führung. Allein rund sechs Millionen ermordete Juden. Die Zahl ist so groß, dass kein Mensch sie fassen kann. Auch das massenhafte Töten in Buchenwald ist schwer zu begreifen. Vielmehr können Details an diesem konkreten Ort eine zumindest vage Vorstellung vom großen Ganzen des grausamen Systems vermitteln. Etwa die Überbelegung einer Baracke: Unterhalb des Appellplatzes standen einst Holzbauten, jede ein paar Dutzend Meter lang und mehrere Meter breit. Schwarze Steine markieren heute ihre Grundrisse. »Wie viele Menschen waren in einer Baracke?«, fragt ein Schüler. »Teilweise 400, gegen Kriegsende sogar noch deutlich mehr«, antwortet der Guide.

Ein weiteres Detail weckt die Aufmerksamkeit der Schüler: Das Metalltor wird von zwei langgezogenen Gebäuden flankiert. In einem befanden sich Arrestzellen, mit Klappen über Kopfhöhe statt Fenstern. Wozu sie dienten, erschließt sich den Schülern nicht. Der Guide erklärt es: Hier wurden Gefangene in Einzelhaft genommen, wenn sie es aus Sicht der Lagerleitung verdient hatten. Die Klappen konnten geschlossen und geöffnet werden - auch das Gefühl, wann Tag und wann Nacht ist, sollte den Inhaftierten dort genommen werden.

Die Führung durch die Gedenkstätte erstreckt sich über ein paar Hundert Meter und gut anderthalb Stunden. Gegen Ende stoppt die Gruppe vor einem Holzzaun. Dahinter ein Flachbau mit hohem Schornstein: das Krematorium. Der Guide erklärt den Schülern, was sie jenseits des Zauns erwartet: Die »Pathologie«, wo den Ermordeten Zahngold herausgebrochen wurde; die Öfen, in die die Leichen geschoben wurden; der Nachbau einer Genickschussanlage, getarnt als Messung der Körpergröße. »Gibt es jemanden, der nicht mitgehen möchte?«, fragt der junge Mann. »Das wäre auch völlig in Ordnung.« Diesmal gehen alle hinein. Sie sehen die Leichenberge auf dem Foto, mancher wagt einen Blick in einen der Öfen.

Es fließen keine Tränen, doch die Beklemmung ist greifbar. Manchem Schüler huscht ein verlegenes Lächeln übers Gesicht, andere pressen die Lippen nervös zusammen. Es scheint, als überforderten die Eindrücke auch die Mimik. »Viele können schwer ausdrücken, was sie umtreibt«, sagt Kunstlehrerin Katja Rischmann.

Vor der Rückfahrt noch einmal auf Toilette, dann ein kurzer Fußweg über den Parkplatz. Die Lehrer zählen durch, der Bus setzt sich in Bewegung. Es geht auf die Autobahn Richtung Hessen.

»Ein Trabi! Alter, wie geil ist das denn?«, entfährt es einem Schüler. Als er auf die Welt kam, wurde dieses DDR-Auto schon nicht mehr gebaut. Wie weit enfernt mag sich für ihn da erst die NS-Herrschaft anfühlen? »Das ist für die Schüler ganz weit weg, tiefste Geschichte«, sagt Lehrer Molzberger. »Wenn sie hier sind, begreifen sie erstmal, dass es doch nicht so weit weg ist.«

Im Bus steigt die Stimmung allmählich wieder. Die Schüler freuen sich auf zu Hause, reden über Gott und die Welt. Doch manche sind nun stiller als am Vormittag. Einige Gesichter verraten, dass es in den Köpfen dahinter rattert.

Ganz hinten sitzt ein Junge mit bedrückter Miene. Was würde er einem Mitschüler sagen, der das, was Deutsche im NS-System anderen Menschen angetan haben, gar nicht so schlimm findet? »Er sollte auch hierher fahren«, sagt der Junge und schaut wieder aus dem Fenster.

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