Kreis Gießen

Besondere Behandlungen

Skalarwellen-Messung und Infusionen mit Vitaminen. Was darf ein Informatiker in Diensten eines Facharztes leisten? Das Amtsgericht Gießen befasst sich mit Besonderheiten in einer Facharztpraxis.
04. April 2019, 10:00 Uhr
Rüdiger Soßdorf
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Foto: Hanak

Gießen (so). Muss ich Montag wiederkommen? Dann muss ich 100 Patienten umbestellen...« Richterin Elnaz Rezaian ist ob der Nachfrage des Arztes auf der Anklagebank leicht irritiert und erinnert den erfahrenen Mediziner daran, dass ihm die Ladung zu den Verhandlungsterminen schon im Oktober zugegangen sein müsste. Für gestern, für den kommenden Montag und für den 15. April...

100 Patienten am Tag? Die Praxis des renommierten Facharztes in einer Kreisgemeinde brummt offensichtlich. Und dennoch lief da wohl längst nicht alles so, wie es sein sollte.

Kameras in der Praxis

Kameras zum Überwachen der Praxisräume, ein Tresor für Bargeld unter der Empfangstheke, Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln, Dunkelfeld-Mikroskopie oder Skalarwellenmessung, die eher in den Bereich der alternativen diagnostischen Verfahren einzuordnen sind – es waren schon einige Besonderheiten, die gestern beim ersten Verhandlungstag vor dem Gießener Amtsgericht an die Öffentlichkeit getragen wurden.

Arzt und Mitarbeiter angeklagt

Angeklagt ist der 38-jährige iranische Informatiker Max N.: Er war von 2015 bis 2017 in der Praxis des weit über die heimischen Grenzen hinaus bekannten Mediziners angestellt. N. wird vorgeworfen, in dieser Zeit heilkundlich gearbeitet zu haben, ohne dazu berechtigt zu sein. Im Raum steht der Vorwurf möglicher körperlicher Schädigung von Patienten. Sein Arbeitgeber, der Arzt, wird der Beihilfe angeklagt.

Das Spektrum der therapierten Erkrankungen reicht von Multipler Sklerose über Borreliose und Gesichtslähmung bis hin zu Krebs. Kennengelernt haben sich der Arzt und der Informatiker vor wenigen Jahren über einen gemeinsamen Bekannten, einen Heilpraktiker und Physiotherapeuten.

Was war der Job des Angeklagten?

2015 wurde N. in der Arztpraxis angestellt. Doch seine Aufgabe dort erschien gestern nicht so ganz eindeutig. Auf einer Visitenkarte steht »Praxismanager«. Sein Anwalt schildert ihn eher als Medizintechniker. Patienten haben derweil den Eindruck gehabt, der Mann habe dort als Heilpraktiker gearbeitet – oder habe wenigstens einen medizinischen Hintergrund. So berichtet es ein Polizist, der im Januar 2017 bei Durchsuchungen der Praxis und des Privathauses des Facharztes zugegen war. Denn dort wurde eine Einliegerwohnung abends oder an Wochenenden für Behandlungen genutzt. Nach Beginn der Ermittlungen wurde das Arbeitsverhältnis im übrigen aufgelöst.

Stress in der Praxis

Warum war es dazu gekommen? Eine Zeugin hatte der Polizei in der Adventszeit 2016 Hinweise gegeben, in der Praxis stimme etwas ganz und gar nicht. Wenig später hatte sich der Arzt selbst bei der Polizei gemeldet und von Problemen berichtet: Seine Arzthelferinnen seien unzufrieden, es gebe Ärger und Merkwürdigkeiten. Sein Mitarbeiter, Max N. wolle von den Helferinnen »bekocht« werden, übernachte gelegentlich in der Praxis. Die von N. dort installierten Kameras haben das Fass dann wohl zum Überlaufen gebracht, erinnert ein Polizist.

Max N. hatte in Limburg schon einmal mit der Justiz zu tun, weil er eben jene Skalarwellenmessung dort praktizierte – mehr aus wissenschaftlichen Gründen, wie er darlegte. Therapeutisch gearbeitet habe er jedoch nicht. Das Gericht in Limburg hatte ihm dargelegt, dass es aber eine medizinische Behandlung sei, die einer Zulassung bedürfe. Ergo tat er sich mit dem Arzt zusammen.

Teils widersprüchliches

Sein ehemaliger Arbeitgeber schilderte das etwas anders: Von Dunkelfeld-Mikroskopie habe er schon etwas verstanden, von der Skalarzellenmessungen nicht – das sei Part von Max N. gewesen. Aber, so sagt er: »Bei chronisch Kranken ist die Schulmedizin schnell am Ende. Da sucht man Alternativen«. Und: »Wer heilt, hat recht«. Widersprüchlich auch die Darstellungen, was es mit den Infusionen auf sich hatte: Vornehmlich Mischungen aus Vitaminen und Antioxidantien, wie der Arzt berichtet. Man habe sich bei Infusionen und Therapien abgestimmt, sagt er. Max N. sagt, er habe den Arzt lediglich beraten. Inwieweit er Infusionen eigenständig bereitgestellt oder in Einzelfällen gar selbst angelegt hat, ist strittig. Der Arzt hatte bei der Hausdurchsuchung zu Protokoll gegeben: »Max N. macht das Gleiche wie ich«. Eine Aussage, die er später zurückzog. Unterlagen zu Ausbildung und Qualifikation hat er sich von seinem damaligen Mitarbeiter übrigens nicht zeigen lassen.

Arzt steht zu seiner Verantwortung

Aber der Arzt sagt heute klipp und klar: »Die fachliche Verantwortung hatte natürlich ich!« Er sei immer informiert gewesen, was sein Mitarbeiter mache. Und Max N. sagt, es habe niemand gesundheitlich Schaden genommen, er habe sich nie als Therapeut, sondern als Informatiker vorgestellt.

Warum aber Kameras in der Praxis? Um die Arbeit dort zu kontrollieren oder effektiver zu machen? Oder, wie der angeklagte Informatiker sagt, weil Medikamente verschwanden? Wobei es nach seinen Darlegungen letztlich wohl zu dem Fehlbestand im Arzneimittelschrank kam, weil der Chef selbst einfach etwas entnahm und an Patienten weitergab, ohne dies zu dokumentieren.

Fortsetzung folgt

Und warum die Barzahlungen respektive Zahlungen auf ein separat eingerichtetes Konto? Der Anwalt des Iraners versichert: Nicht, weil sich sein Mandant bereichern wollte, sondern vielmehr weil die Praxis in wirtschaftlicher Schieflage war. Trotz Arbeit von 6 Uhr in der Früh bis open end, trotz 100 Patienten am Tag...

Die Fortsetzung folgt am Montag mit Aussagen der Arzthelferinnen und von Patienten.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Besondere-Behandlungen;art457,573069

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