Kreis Gießen

Betreuungslandschaft wird bunter

Eine Betreuung ähnlich der in der eigenen Familie, dazu hohe Flexibilität und die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse. Ein neues Angebot in der Kindertagespflege macht es möglich.
16. Januar 2019, 10:00 Uhr
Christina Jung
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ARCHIV – Die Tagesmutter Kerstin Hladnik spielt am 22.02.2013 in Oferdingen (Baden-Württemberg) mit den beiden Tageskindern Emily (r) und Sophia. (zu dpa: »Landeskongress Kindertagespflege-Verband fordert mehr Geld für Tagesmütter« vom 18.10.2017) Foto: Franziska Kraufmann/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++

Der Bedarf an Betreuungsplätzen für unter Dreijährige ist groß und seit Bestehen des Rechtsanspruchs 2013 stark gestiegen. Viele Städte und Gemeinden haben damit zu kämpfen. Doch nicht überall ist es möglich die Nachfrage von Eltern zu befriedigen.

Im Landkreis betritt man deshalb jetzt Neuland: Eine Kooperation zwischen Jugendamt, Arbeiterwohlfahrt (AWO) und interessierten Kommunen soll mithilfe von Tagesmüttern Abhilfe schaffen.

Biebertal ist Pilot-Gemeinde. Hier gehen im Februar die ersten beiden Kindertagespflegestellen an den Start. In Rodheim und Frankenbach sollen in zwei Gruppen je fünf Kinder von einer Tagesmutter betreut werden.

Tagesmütter als Angestellte

Das neue daran: Die Tagesmütter sind nicht selbstständig tätig, sondern Angestellte der AWO, welche Träger der Kindertagespflegestellen ist. Sie werden nach Tarif bezahlt.

Ausfallzeiten wie Krankheit und Urlaub sind über eine zusätzliche halbe Stelle abgedeckt, was den Eltern eine bessere Planbarkeit ermöglicht. Außerdem werden die Tagesmütter seitens der AWO fachlich begleitet und von Verwaltungsaufgaben entlastet.

Den Eltern bietet das Modell zum einen die Möglichkeit einer Betreuung in familienähnlichen Strukturen, zum anderen ein hohes Maß an Flexibilität, wie AWO-Geschäftsführer Jens Dapper bei der Unterzeichnung des Kooperationsvertrages betonte.

»Wir können hier auf die Bedarfe viel individueller eingehen«, so Dapper. Heißt zum Beispiel: Ist der Wunsch nach längeren Betreuungszeiten da – die sind zunächst montags bis freitags von 7.30 bis 15 Uhr –, wird nachjustiert. Als Konkurrenz zu den selbstständigen Tagesmüttern versteht man das Angebot, dessen Konzept auf den Kindertagespflege-Standards des Landkreises basiert, bei der AWO nicht, vielmehr als Ergänzung.

Linden in den Startlöchern

Das Modell, das im benachbarten Lahn-Dill-Kreis bereits erfolgreich praktiziert wird, stößt auch bei anderen Kommunen im Gießener Land auf Interesse.

In Linden hatte der Sozialausschuss im Dezember bereits eine einstimmige Beschlussempfehlung für die Stadtverordnetenversammlung abgegeben, zwei Kindertagespflegestellen einzurichten. Einzig die richtigen Räume sind noch nicht gefunden. »Auch mit anderen Bürgermeistern sind wir im Gespräch«, sagte Dapper.

Staufenberg allerdings, ursprünglich ebenfalls interessiert, ist laut Bürgermeister Peter Gefeller wieder zurückgerudert. Zum einen, weil die baulichen Maßnahmen für die ins Auge gefassten Räumlichkeiten um einiges teuerer würden, als geplant.

Zum anderen weil in diesem Jahr durch einen Anbau an den Kindergarten in Treis und einen Kita-Neubau in Daubringen zusätzliche Betreuungsplätze entstehen und die Stadt die Tagespflegeplätze dann möglicherweise nicht mehr braucht.

Hilfe für Biebertal

In Biebertal dagegen wird das Angebot dringend benötigt. Die wachsende Nachfrage an Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren war bereits im Bürgermeisterwahlkampf 2017 Thema gewesen. Bisherige Maßnahmen reichten nicht aus, um den Bedarf zu decken.

»Ich bin sehr froh, dass das so schnell geklappt hat«, freute sich Bürgermeisterin Patricia Ortmann. Eltern erwarteten heute familienfreundliche und individuelle Strukturen, das neue Angebot berücksichtige dies. Ortmann: »Wir müssen uns mit der Zeit bewegen.«

Bedarfe haben sich geändert, deshalb müssen wir neue Wege gehen

Hans-Peter Stock

Hans-Peter Stock, beim Landkreis Dezernent für Jugend und Soziales, pflichtete ihr bei. »Bedarfe haben sich geändert, deshalb müssen wir neue Wege gehen«, so Stock. In seinen Augen ermöglichen die Kindertagespflegestellen zudem mehr Chancengleichheit, vom ersten Tag an.

Doch die ist nicht umsonst. Mit Betriebskosten von rund 65 000 Euro pro Standort rechnet die Bürgermeisterin. Hinzu kommen einmalige Investitionskosten für Dinge wie Zaun, Sandkasten, Sonnensegel, Spielgerät, Fenstersicherung, Handläufe oder Klemmschutz. Nicht zu vergessen die Ausstattung der Räume wie Bettchen, Geschirr, Spielzeug, etc.

Wenn die Gruppen kommenden Monat ihre Arbeit aufnehmen, werden sie nicht gleich voll belegt sein. Christina Bräutigam, die die Kindertagespflegestellen seitens der AWO koordiniert, sprach von einem »langsamen Start«. Nach und nach werden die Kinder eingewöhnt. Die Biebertaler Rathauschefin rechnet damit, dass die Einrichtungen im Sommer voll belegt sind. Ortmann: »Wir haben keinen Druck.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Betreuungslandschaft-wird-bunter;art457,539722

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