20. Dezember 2018, 22:11 Uhr

Bis ins hohe Alter daheim

Alte Menschen haben sich ihr Leben in den eigenen vier Wänden eingerichtet. Ein Verlassen der gewohnten Umgebung kommt trotz vieler Schwierigkeiten nicht in- frage. Wohnraumberater können helfen. Sie führen Gespräche, begutachten Apartments und empfehlen Veränderungen.
20. Dezember 2018, 22:11 Uhr

Lieschen Müller ist 89 Jahre alt. Ihr halbes Leben wohnt sie in ihrer 65-Quadratmeter-Wohnung im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses. Sie kennt sie aus dem Effeff. Jeder noch so kleine Winkel ist ihr bekannt. Doch seit ein paar Jahren schafft das Vertraute Probleme. Denn es wurde vor 50 Jahren alles andere als seniorengerecht gebaut. Sanierung? Fehlanzeige! Über den Badewannenrand kann Lieschen Müller nicht mehr steigen. Die Toilette ist ihr zu niedrig, das Fenster über der Küchenarbeitsplatte zu weit weg, um es zu öffnen. Früher ist sie einfach hochgeklettert. Das geht nicht mehr. Doch die alte Dame möchte nicht ausziehen, wünscht sich nichts sehnlicher, als so lange wie möglich selbstständig in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben. Nur wie? Professionelle Wohnraumberater helfen.

Menschen wie Ramona Nowaczyk von den Johannitern. Die 49-Jährige, die eigentlich ausgebildete Rettungssanitäterin ist und seit knapp acht Jahren in der Hausnotruf-Zentrale in Linden arbeitet, hat sich zur hauptamtlichen Wohnraumberaterin schulen lassen.

Seitdem ermittelt Nowaczyk mit betroffenen Senioren vor Ort, welche Veränderungen in deren Wohnung dort für mehr Sicherheit sorgen. Das können kleine Dinge sein, wie das Anpassen der Betthöhe, das Anbringen einer helleren Beleuchtung und Handläufen oder das Wegräumen von Teppichen. »Viele Menschen bauen sich ihre Stolperfallen selbst«, weiß Nowaczyk. Aber auch Umbauten wie den Austausch der Badewanne gegen eine bodengleiche Dusche, die mit einem Rollstuhl befahren werden kann, gehören dazu.

Um zu erfahren, was nötig ist, sucht die Fachfrau zunächst das Gespräch. »Ich frage die Betroffenen, wo sie selbst Probleme sehen«, erklärt sie ihre Vorgehensweise. Dann nimmt sie die einzelnen Wohnbereiche unter die Lupe. Wenn klar ist, was sich ändern muss, ist in vielen Fällen Geduld gefragt. »Ältere Menschen haben sich in ihren Wohnungen eingerichtet. Sie fühlen sich wohl. Da braucht es mitunter viel Überzeugungarbeit«, sagt Nowaczyk.

Vor allem dann, wenn sie sich nicht selbst an die Expertin gewandt haben, sondern die Initiative von den Angehörigen ausging. »Meistens muss es ein Initialerlebnis geben. Beispielsweise einen Sturz. Dann sind die Menschen einsichtig.« Ist eine Entscheidung gefallen, gibt Nowaczyk Tipps zum weiteren Vorgehen. Sie informiert über die Möglichkeit von Zuschüssen, stellt Kontakte zu Pflegekasse oder Sozialamt her.

Und in welchen Fällen rät die Wohnraumberaterin vom Verbleib in den eigenen vier Wänden ab? Wer im zweiten Obergeschoss oder noch weiter oben wohne und plötzlich im Rollstuhl sitze, müsse aus seinem Apartment raus, wenn kein Fahrstuhl zur Verfügung stehe, sagt Nowaczyk. Im ersten Stock gibt es dagegen Möglichkeiten der Veränderung. Eine Rampe im Treppenhaus oder ein Balkon-Lift beispielsweise. »Bei allem darüber hinaus sind Treppen das K.o.-Kriterium für Rollstuhlfahrer«, so die Expertin.

Wohnraumberater wie sie gibt es nicht nur bei den Johannitern, sondern auch andernorts im Landkreis. Hauptamtliche wie Ehrenamtliche. Bei der Beratungs- und Koordinationsstelle für ältere und pflegebedürftige Menschen (BEKO) beispielsweise oder im Seniorenbeirat der Rabenau. Auch die Gemeinden Biebertal und Wettenberg haben Mitarbeiter zu Wohnraumberatern ausbilden lassen. In Anbetracht der stetig steigenden Zahl älterer Menschen ist der Bedarf offenbar da. Deshalb empfiehlt der Kreisseniorenbeirat auch die Einrichtung einer Wohnberatungsstelle. Im April hat er einen entsprechenden Antrag gestellt.

Die Stelle soll bei der Sozialer Wohnungsbau GmbH oder der Kreisverwaltung angesiedelt werden. Neben der klassischen Wohnraumberatung, wie Ramona Nowaczyk sie macht, sollen von dort aus auch Wohnprojekte fachlich begleitet werden. Neben Mietern und Wohnungseigentümern sollen vor allem Initiativen, Vereine und Ortsgemeinschaften unterstützt werden. Derzeit liegt der Antrag bei der Wohnungsbaugesellschaft zur Beratung, da eine solche Einrichtung der interkommunalen Abstimmung bedarf, sagt Kreis-Pressesprecherin Nadine Jung auf Anfrage dieser Zeitung. Mit einer Entscheidung ist frühestens in der kommenden Gesellschafterversammlung im März 2019 zu rechnen. (Foto: ti)

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