29. März 2019, 22:07 Uhr

»Das Buch stirbt nicht aus«

Stirbt das Lesen aus? Rasend schnell schrumpft die Zahl der Buchkäufer, mehr als sechs Millionen Deutsche sind innerhalb von fünf Jahren ausgestiegen. Gleichzeitig geht die Zahl der Ausleihen in kommunalen Bibliotheken leicht zurück – auch im Kreis. Ein Besuch in der Licher Stadtbücherei.
29. März 2019, 22:07 Uhr
Die Ausleihzahlen in Büchereien im Kreis Gießen gehen leicht zurück. (Foto: srs)

Isabella ist abgetaucht. Tief versunken in einer anderen Welt. Die 13-Jährige hat es sich auf einem Sessel nahe des Eingangs der Licher Stadtbücherei gemütlich gemacht. Sie liest von Tigern in Mangrovenwäldern in der Zeitschrift »Geolino«. Auf einem kleinen Tisch vor ihr hat sie einen dicken Schinken abgelegt: einen Comic-Roman mit knallbuntem Cover und dem Titel »Alles Bombe«.

Auf die Frage, seit wann sie sich für Bücher interessiert, überlegt Isabella einen Moment. Die Mutter springt ein. »Sie war erst ein Jahr alt, da hat sie schon Bilderbücher angeschaut.« Die Tatsache, dass bundesweit immer weniger Menschen Bücher lesen, findet sie »schlimm«. Wenige Meter entfernt sitzt an der Theke eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Bücherei. Im Hauptberuf ist sie Deutschlehrerin. Jugendliche für das Lesen von Büchern zu begeistern, sagt sie, sei ein nahezu unmögliches Unterfangen. Es hänge sehr davon ab, ob auch die Eltern lesen.

Die Zahl der Buchkäufer bundesweit ist innerhalb von fünf Jahren um 6,4 Millionen zurückgegangen, auf nun 29,6 Millionen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die Statistik veröffentlicht. In Büchereien im Kreis Gießen ist währenddessen ein Rückgang der Ausleihzahlen zu vermelden – allerdings längst nicht so dramatisch. Alexander Budjan von der Hessischen Fachstelle für öffentliche Bibliotheken spricht von einem »schleichenden Prozess«. Die Ausleihe von E-Books nehme zu, berichtet er, »kann den Rückgang bei Printmedien aber nicht eins zu eins ausgleichen«. Hessenweit wurden 2017 in öffentlichen Büchereien 17 403 Medien ausgeliehen – vor zehn Jahren waren es noch 18 256.

In Lich und Hungen ist die Entwicklung vergleichbar. Seit 2013 sind die Ausleihen von 24 643 auf 23 354 im vergangenen Jahr zurückgegangen. Ein gegenläufiger Trend ist allerdings im selben Zeitraum bei der Kinder- und Jugendliteratur zu verzeichnen: Hier gab es einen Anstieg von 7265 auf 8476 Ausleihen. Die hessenweit und auch im Kreis zu beobachtende Entwicklung, erläutert Budjan, liege in einer Vielzahl von Aktivitäten zur Leseförderung begründet. Auch in der Stadt Gießen ist bei Kinder- und Jugendliteratur die Zahl von 70 300 auf 71 800 angestiegen.

Auf einen bemerkenswerten Einbruch bei den Ausleihzahlen macht Manuela Gries, die stellvertretende Leiterin der Gießener Stadtbibliothek, aufmerksam: 2013 kam die Bibliothek auf knapp 524 000 Ausleihen. Im Jahr darauf aber sank die Zahl auf 471 000. »Grund dafür war die Einführung einer Leihgebühr auf unseren DVD-Bestand.« Bei Büchern könne man indes nicht von einem Einbruch sprechen. Ausleihen online glichen einen leichten Rückgang »fast eins zu eins« aus. »Hier findet gewissermaßen eine Verlagerung, aber kein wirklicher Einbruch statt.«

Am Eingang der Licher Stadtbücherei steht Abdul Ashemi vor einem Regal mit Hörbüchern. Der Flüchtling aus Afghanistan hält die CD »Der kleine Ritter Renk« in den Händen. »Zum Lernen der deutschen Sprache ist es ideal, hier Bücher zu leihen.«

Leise knarren die Treppenstufen auf dem Weg in den ersten Stock der Bücherei. »Ich komme hierher, weil ich die Atmosphäre so mag«, sagt eine ältere Langgönserin, die in den Regalen stöbert. Ihr Name soll nicht in der Zeitung erscheinen. »Da denken die Leute nur: Die hat zu viel Zeit zum Lesen.« Anne Dietz, die Leiterin der Bibliothek, glaubt, dass Büchereien geeignete Wege finden müssten, um für sich zu werben. »Viele wissen doch gar nicht, dass man bei uns die aktuellen Bestseller ausleihen kann.« Vor allem eines indes hält Dietz fest: »Nein, das Buch stirbt nicht aus.«

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