Kreis Gießen

Das Erz brachte Brot in die Dörfer

»Zukunft braucht Herkunft« sagte der Gießener Philosoph Odo Marquard (†). Dieser Geist herrschte auch bei der Wanderung »Auf den Spuren des Bergbaus in Biebertal«. Franz Gareis, Obersteiger a. D. und Bergingenieur, führte rund 70 Interessierte. Es gibt in der Region kaum einen kompetenteren als den 82-Jährigen, wenn es darum geht das Thema Bergbau zu vermitteln.
26. Februar 2019, 22:17 Uhr
Volker Mattern
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Ein Blick in den Brielstollen. (Fotos: m)

»Zukunft braucht Herkunft« sagte der Gießener Philosoph Odo Marquard (†). Dieser Geist herrschte auch bei der Wanderung »Auf den Spuren des Bergbaus in Biebertal«. Franz Gareis, Obersteiger a. D. und Bergingenieur, führte rund 70 Interessierte. Es gibt in der Region kaum einen kompetenteren als den 82-Jährigen, wenn es darum geht das Thema Bergbau zu vermitteln.

Welcher Schlag Menschen waren und sind die Bergleute, welchen Einfluss nahm diese Industrie auf die Region, wie veränderte sie den Alltag der Menschen und welche Bedeutung hatte sie in weltpolitischer Hinsicht? Der Fellingshäuser Gareis nahm mit auf eine fünfeinhalbstündige Zeitreise. Vom Parkplatz Obermühle wurde gestartet, nachdem Franz Gareis die Teilnehmer mit einem zünftigen »Glück auf« begrüßte und zur Einstimmung Hammer und Schlegel zeigte, Werkzeuge aus dem Bergbau mit großer Symbolkraft. Zehn Kilometer lang war die Route über das östliche Biebertal durch die Gemarkungen Bieber und Fellingshausen. Mit dabei Bürgermeisterin, Patricia Ortmann und Christian Liebetruth, Fachkraft für Tourismus in den Kommunen des Gleiberger Landes sowie Dr. Rainer Haus, der sich in vielen Publikation wissenschaftlich mit dem Erzbergbau, dem Hüttenwesen und der Montangeschichte beschäftigt hat. Erster Anlaufpunkt war das Mundloch des Wasserlösungsstollens der Grube Königsberg. 1952 erfuhr die Grube einen ersten großen Wassereinbruch. Sie wurde unrentabel und musste frühzeitig stillgelegt werden. Ein Anstieg in Richtung »Radfeld« bot einen wunderbaren Weitblick über die Steinmühle und den Standort des ehemaligen Hochofenwerks der Bieber Hütte. Das Tagebaugelände »Radfeld« mit dem »Nicolausschacht« als Teil der Grube Abendstern und das westlich gelegene, weniger bekannte Brauneisen-Abbaugebiet »Thiergarten« waren weitere Stationen, nach denen es an Abraumhalden vorbei zum »Brielstollen« ging, den man bis unter den Tagebau »Thiergarten« vorgetrieben hatte, um Manganerz abzubauen. Weiteres Ziel war die bebaute Ortslage von Bieber, wo versteckt in einer Sackgasse neben einem Wohnhaus noch der Mund des »Idastollens« sichtbar ist, der mit knapp über 1000 Metern Länge zur Grube »Eleonore« gehörte. Das Wohnhaus war einst das Maschinenhaus, in dem eine Dampfmaschine einen Generator antrieb. Nach einem kurzen weiteren Stopp an den Informationstafeln der Bergbauausstellung ging es das Kehlbachtal hinauf, am ehemaligen Kalksteinbruch Drebes und an den beiden Erzverladestation vorbei. Dort endeten die Seilbahnen der Grube Friedberg und der Gruben in der Königsberger Gemarkung. Dort im Kehlbachtal war der Umschlagplatz der Erz- und Kalksteinförderung ; von dort aus ging das Material mit der Schmalspurbahn »Bieberlies« Richtung Heuchelheim und Gießen. Weiter führte die Wanderung vorbei am »Meilhardt-Stollen« in die Fellingshäuser Gemarkung zur Grube »Friedberg«, der Heimatgrube von Franz Gareis, der bis zur Schließung dieser Grube 1961 dort noch gegraben hat. Ihre Ergiebigkeit lag bei rund einer halben Million Tonnen manganhaltigen Brauneisenerz, das der Bergmann von der 130-Meter-Sohle förderte.

Es war berührend, als Gareis den Teilnehmern einen Einblick in seinen Tagesablauf als Bergmann der Grube »Friedberg« vorlas. Zuvor führte die Wanderung entlang des Fellingshäuser Grubenweg, vorbei am alten Sportplatz und dem Hotel Keltentor, die alle Teil der Geschichte des Bergbaus der Grube »Friedberg« sind. Am oberen Ende der Pfarrstraße ist eine Rekonstruktion des »Deutschen Türstocks« zu sehen, wie er beim Stollenausbau angewandt wurde.

Tour jetzt auch im Netz

Vorbei am einstigen Tagebau der Grube Eleonore, dem Wassertümpel »Stumme Loch« als Tagebaurelikt und der Grube Meilhardt war der Endpunkt der fünfeinhalbstündigen Exkursion nicht mehr weit. Franz Gareis dankte Wolfgang Gerlach, der die Route als Wanderweg für alle zugänglich im Internet eingestellt hat. Zu finden unter de.wikiloc.com.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Das-Erz-brachte-Brot-in-die-Doerfer;art457,557512

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