24. Februar 2017, 18:00 Uhr

Fastnachtszüge

Der TÜV hat auch an Fastnacht das letzte Wort

In den nächsten Tagen rollen die Fastnachtszüge durch die Straßen. Seit rund sechs Jahren geht im Kreis Gießen nichts ohne obligatorischen TÜV für die Wagen. Ein Blick hinter die Kulissen der Zugbauer.
24. Februar 2017, 18:00 Uhr

Spätestens an Weiberfasching, so behaupten zumindest manche Narren, schlüge ihr Herz in einem anderen Takt: »Hum – ba, hum – ba – tää – te –rää – tää – te – rää!«. Wohl nur eine Mär. Oder wie der Wiener sagt: "An Schmäh". Sicher aber ist: Wie in Köln und Mainz, so sind jetzt auch im Gießener Land die Fastnachter im Dauerstress: Tanzgarden, Büttenredner, Prinzenpaare – ein Auftritt jagt den anderen. Nicht minder stark gefordert sind die Zugbauer: Auf dass alles rechtzeitig fertig wird und toll anzusehen ist, werkeln sie bis zur letzten Minute an den Motivwagen. Das war schon immer so.

Erst seit einigen Jahren aber gilt dabei ein Hauptaugenmerk dem Thema »Sicherheit«. Davon weiß auch Wilfried Groh (im Foto mit den Helferinnen Angela Dietz und Evelyn Rosenfeld) zu berichten. Seit elf Jahren ist er Zugmarschall des KV 1908 Laubach. Wir haben ihn in der Werkstatt seines Vereins besucht und kurz von der Arbeit abgehalten.

Versicherung ratsam

Erst wenige Tage alt ist diese Meldung: Beim Fastnachtszug im fränkischen Teuschnitz stürzt ein 29-Jähriger rückwärts von einem Wagen und erleidet schere Kopfverletzungen. Vor Jahresfrist endete ein ähnlicher Unfall im schwäbischen Geislingen gar tödlich: Als eine Musikgruppe den als Piratenschiff gestalteten Motivwagen entert, bricht eine Bordwand, eine 32-Jährige stürzt auf die Straße, wird vom Zugfahrzeug überrollt.

Zum Glück sind solch krasse Fälle die absolute Ausnahme. Dennoch stellt sich auch bei vergleichsweise harmlosen Vorfällen die Frage: Wer kommt für Körper- oder Sachschäden auf? Der Verband der Deutschen Versicherungswirtschaft nennt – neben Zuschauern und Zugteilnehmern – als potenziellen »Anspruchsgegner« den Veranstalter. Der müsse den Zug so organisieren, »dass Schädigungen der Teilnehmer und Zuschauer vermieden werden.« Eine Haftung komme etwa infrage, wenn er verkehrsunsichere Wagen zulasse, dadurch jemand zu Schaden kommt. Eine »Veranstalter-Haftpflichtversicherung« wird daher empfohlen.

Haflinger steht Modell

Karnevalsvereine, Festkomitees oder eigens gegründete Gesellschaften richten zumeist die Züge aus. Für Letzteres ein Beispiel ist die GbR Mücker Umzug, die einen der größten närrischen Lindwürmer der Region auf die Füße stellt und bei 1660 angemeldeten Teilnehmern jüngst vermeldete: »Kapazitätsgrenze erreicht!«

An diese Dimensionen kommt Laubach nicht heran. Der Zug am morgigen Samstag umfasst »nur« 70 Nummern mit geschätzten 700 Teilnehmern, 16 Motivwagen und vielen Fußgruppen. Die dürften ob ihrer phantasievollen Kostüme auch heuer ein Hingucker sein, kommt doch das Kampagnemotto kreativen Geistern entgegen: »Wiener Schmäh«.

Die Wochen, bevor die Narren Laubachs Straßen erobern, ist Wilfried Groh fast immer in der Wagenwerkstatt. Auch an diesem kalten Samstagmorgen. Vor allem am Prinzenwagen ist noch einiges zu tun. Bezüge zu Wien sind aber bereits unübersehbar – seien hier jedoch nicht näher beschrieben. Soll doch der Motivwagen eine Überraschung sein. Nur so viel sei verraten: Für eine Wien-typische Deko standen – mangels passender Rasse – »Fritze Bauer’s« Haflinger Modell. Kein Schmäh!

Der 69-Jährige Laubacher ist Zug-Marschall und zugleich Zug-Bauer. Beweise seines kreativen, handwerklichen Können liefert er immer wieder auch beim Bühnenbild der Prunksitzungen: Die Rückwand der Sport- und Kulturhalle verwandelte er heuer in die prachtvolle Fassade der Wiener Hofburg. »Das ist aber das Verdienst des gesamten Teams, vergessen Sie die ja nicht!«, beeilt er sich anzufügen. Wird gemacht: Dietmar Bittner, Markus Roth, Silke Kirchner, Anke Gall, Angela Dietz, Lothar Hillgärtner und Susanne Bernklau komplettieren das Team.

Zurück in die kalte Halle im Industriegebiet: Neben dem großen Prinzenwagen, von dem herab Ihre Lieblichkeit Angela I. und Seine Tollität Prinz Björn I. die Huldigungen der Narren entgegennehmen, stehen drei weitere kleinere Anhänger. Auch für sie aber gilt: »Sicherheit zuerst«. Ein Auge drauf hat der TÜV. Wie Groh erläutert, hat der KVL für alle Gefährte Gutachten eines Sachverständigen erstellen lassen, kommt zudem vor jedem Umzug aufs Neue der Prüfer vorbei.

Neben der technischen Sicherheit – erwähnt seien hier nur die Funktionstüchtigkeit von Beleuchtung, Betriebs- und Feststellbremse – stehen potenzielle Gefahren für die mitfahrenden Jecken im Fokus. So muss die Brüstung eine Mindesthöhe von einem Meter haben, achtet der TÜV auf sichere Stehflächen und Haltevorrichtungen. Ist alles okay, gibt’s die spezielle Zulassung.

Vereine, die in Laubach mitfahren wollen, müssen den Sicherheitscheck nachweisen. So steht’s in der Zugordnung: »Fahrzeuge und Anhänger müssen den Richtlinien des TÜV Hessen entsprechend eine Zulassung für Brauchtumsveranstaltungen haben, sofern Personen darauf befördert werden.«

Erst zwei Tage vor der GAZ hatte der Mann vom TÜV an der Tür der Zugwerkstatt angeklopft. »Der kommt jedes Jahr«, erzählt Groh. Hat aber Sinn, schon wegen der meist neuen Aufbauten. »Er schaut auch darauf«, sagt der Zugmarschall, und zeigt auf die Wagenverkleidung zum Boden hin. Auf dass kein Zuschauer unter die Räder kommt, darf der Zwischenraum maximal 25 Zentimeter betragen. Die TÜV-Abnahme gibt’s natürlich nicht umsonst, rund 80 Euro macht das pro Wagen. Was nur ein Posten für den Verein ist. Kapellen, Kamelle, GEMA und mehr kommen hinzu. »Und dann beschweren sich manche noch über die 2 Euro für die Zugplakette! Wir legen dabei drauf.«

Für Groh ist der im Kreis Gießen vor rund sechs Jahren erstmals verordnete »Umzugs-TÜV« eine sinnvolle Sache. Ginge es nach ihm, würde der Nachweis überall verlangt. Zumal: Mit der »Zulassung für Brauchtumsveranstaltungen« einher geht eine Erweiterung des Versicherungsschutzes von der Zugmaschine auf den Anhänger, der Fahrer der Traktoren ist also abgesichert.

Sicherheit wird also großgeschrieben. Im Vorfeld, bei der Abnahme der Wagen, wie beim Umzug selbst. Dazu zählen etwa Absperrgitter an Engstellen (so sie vorhanden sind). Einen weiteren wichtigen Aspekt fügt Groh hinzu: »Alle Teilnehmer bei uns sind verpflichtet, mindestens zwei erwachsene Zugbegleiter, ausgestattet mit Warnweste, bei jedem Pkw und Motivwagen zu stellen.« Sind die Anhänger für den Fahrer der heute oft riesigen Zugmaschinen nicht einsehbar, ist entsprechend mehr Personal zu stellen.

Kein Zug wie jeder andere

Gemäß Zugordnung zu achten hat Groh unter anderem auch darauf, dass Konfettikanonen nur mit Pressluft oder Federkraft betrieben werden und vom Wurfmaterial keine Verletzungsgefahr ausgeht (Glasbehältnisse verboten). Dass Fahrer, Zugbegleiter und Pferdeführer nüchtern bleiben sollen, auch das wird heute in Laubach (und anderswo) verlangt.

Der KVL aber kann auf eine besonders lange Geschichte zurückblicken. Gegründet wurde der nämlich schon am 10. Februar 1908, als 32 Jecken ihren Beitritt besiegelten. Wie in der Chronik zu lesen: »Auch wurde beschlossen, am 3. März 1908 am Fastnacht-Dienstag nachmittags einen Umzug abzuhalten.« Der fand tatsächlich statt, wie alte Fotos beweisen, und begründete eine – mit Unterbrechungen - bis heute währende Tradition. Nur: Nach Brüstungshöhe, Feststellbremsen oder Munitionierung der Konfettikanonen fragte vor 109 Jahren noch niemand.

Bei der Premiere blies damals übrigens das Königlich Bayerische Jägerbataillon einen Marsch nach dem anderen. Heute sind es »ziemlich andere Klänge«. Woraus sich eine weitere Herausforderung für den Zugmarschall ergibt: »Eine Kapelle direkt hinter einem Wagen mit lauter Techno-Musik, das gibt Ärger.« Trotz allem Freizeitstress: Für Wilfried Groh ist der Umzug doch eine wahre Freude. Heuer noch mehr als sonst: Auf dem Prinzenwagen thront nämlich mit Ihrer Lieblichkeit Angela I. seine Tochter. Auch das kein Schmäh.

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