Manch ein sogenannter Superstar benötigt die Hilfe einer Künstleragentur, um seinen Lebensweg gemäß Erwartung des verwöhnten Publikums mediengerecht aufzupolieren. Anni Janiec geb. Lotz (Zinßersch Anni) benötigte zwar 92 Jahre und paar Monate, aber keine Fremdhilfe für denselben Effekt. Anlässlich der Fortsetzung der Lesung aus ihren Lebenserinnerungen durch Anette Schwarz blieb in der Remise des Heimatmuseums am Sonntag kein Platz frei. Brunhilde Trenz, Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins, sagte, Anni habe ein bewegtes Leben gehabt, sei immer wieder mit neuem Mut aufgestanden. Das Buch zu beiden Lesungen verspricht großes Lesevergnügen für schlappe zehn Euro.

Es war ein Erntedankfest mit Tanz in der Sporthalle, als Anni Janiec einst einen jungen Mann zum Tanz bat. »Ein Blick, und das Schicksal war besiegelt.« Kurt war Buchhalter und 28 Jahre alt. Am 19. September 1948 heiratete das Paar. Im elterlichen Fleischerfachgeschäft absolvierte der Ehemann eine Lehre, später die Meisterprüfung. Den sieben Wochen alten Säugling Jürgen adoptierten sie. Jürgen machte mit 17 sein Abitur und studierte Informatik in Darmstadt.

Erste Supermärkte und Gefriertruhen machten es dem Fleischerhandwerk schwer. 1970 schloss der Familienbetrieb, Kurt verdiente sein Geld im Konsum - 900 Mark und ein freier Wochentag. 16 Jahre machte das Ehepaar Busreisen, war in Spanien, England und der polnischen Heimat von Kurt. Wenige Wochen vor der goldenen Hochzeit starb Kurt an einer Krebserkrankung, sie war 74 und Witwe. Das Alleinsein war nichts für sie. Heinrich Müller meldete sich auf eine Kontaktanzeige, beide hatten einen Hund. Janiec damals: »Wenn sich die Hunde vertragen, sehen wir uns weiter.« So geschah es. Die Reiserei setzte die Seniorin mit dem neuen Partner fort. Man besuchte etwa Venedig. Sohn Jürgen starb mit 54 an Herzversagen im Bett. Heinrich erwischte ein Herzanfall auf der Heimreise. Ihr Mann wurde in Innsbruck eingeäschert und die Urne nach Allendorf gebracht. Allein bleiben mochte Janiec wiederum nicht. Hermann, Kavalier der alten Schule, fand Anni als Köchin klasse - sie erhielt den Zuschlag.

Reisen führten die beiden nach Wien, Passau, Malaga, Gibraltar, Ägypten und Florida. Ein Hotel in Antalya/Türkei wurde zur zweiten Heimat. Das Liebespaar (beide 80) sprach von Heirat. Annis Schwester Elfriede wollte sie für verrückt erklären, doch die Hochzeitsglocken läuteten trotzdem.

Hermann starb an Krebs. Anni nimmt Tabletten, kann damit »heute gut leben«. Und den Nikelsmarkt beobachtet sie stundenlang durch ihr Panoramafenster. (Foto: Archiv)

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