17. September 2019, 21:32 Uhr

Eine Frage der Aufarbeitung

17. September 2019, 21:32 Uhr

Zeitzeugen und Fachleute im intensiven Austausch: Ein überregionales und überkonfessionelles Publikum sprach der Fachtag »Kinder in Heimen von 1945 bis 1975 - und heute?« an, der kürzlich von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und der Evangelischen Stiftung Arnsburg (ESTA) in der Multifunktionshalle der ESTA ausgerichtet wurde.

Vor 75 Teilnehmern ordnete Anette Neff, Historikerin der EKHN, in ihrem Vortrag »Von Pippi Langstrumpf und anderen ›Schmuddelkindern« die pädagogischen Vorstellungen und ihre Umsetzung in Heimen in die Zeitumstände ein. Viele Härten der Nachkriegsgesellschaft lösten sich schnell auf, während sie in (nicht in allen) Heimen weiter existierten. Die Stigmatisierung der Heimerziehung, das schamvolle Verschweigen von Missständen durch die Opfer wie auch die gesellschaftliche Ächtung von abweichenden Lebensentwürfen könne sehr gut an Liedern wie Franz Josef Degenhardts »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern« und selbst in der 1968 produzierten, ab 1969 im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Verfilmung von Astrid Lindgrens »Pippi Langstrumpf« aufgezeigt werden, so Neff.

Doch gerade der große Erfolg des Lindgren’schen Buches seit 1945 mache deutlich, dass schon lange vor den pädagogischen Umwälzungen im Gefolge von »1968« auch bei vielen Erwachsenen die Vorstellung eines weniger rigiden Erziehungsstils und einer größeren Freiheit für Kinder existiert habe. Das selbstständige, freie, unbeaufsichtigte Spielen von Kindern in Heimen sei nicht üblich gewesen, erläuterte die Historikerin. Hier habe das Kinderheim Arnsburg eine Ausnahme gebildet. Aber auch dort waren körperliche Züchtigungen als Reaktion auf Verfehlungen, wie in der überwiegenden Zahl der anderen Heime und auch in den Familien, allgegenwärtig. Die Erziehungsmethoden und Umstände waren so vielfältig wie die Heime selbst. Zum Leid vieler Kinder gab es jedoch eine große Anzahl von Heimen, in denen Erniedrigungen und Misshandlungen zum Alltag gehörten und unter dem Deckmantel von Erziehung vollzogen wurden. Rund 800 000 Kinder und Jugendliche waren in der Zeit von 1945 bis 1975 in Westdeutschland in Heimen untergebracht. Viele von ihnen mussten anerkanntermaßen Unrecht über sich ergehen lassen.

Im Anschluss führte Oberkirchenrätin Dr. Petra Knötzele (EKHN) in die von der EKHN entwickelte Wanderausstellung ein. Sie skizzierte den langen Weg der bisherigen Aufarbeitung durch die Kirche und die Entstehung der Ausstellung nach vielen Gesprächen mit betroffenen Zeitzeugen.

In einer Diskussionsrunde wurden erste Ideen zur Verbesserung der heutigen Situation in Heimen zum Ausdruck gebracht. Dazu gehörte eine höhere Anerkennung für den Beruf der Erzieher und Pädagogen durch entsprechende Wertschätzung und Entlohnung. Am Nachmittag kamen die Teilnehmenden zu Gesprächsrunden zusammen. Dabei wurden die ausführlichen Berichte von Zeitzeugen in die Diskussion eingebunden. Deren Perspektive bereicherte den Meinungsaustausch an zwei weiteren Tischen. Hier wurde über die Maßnahmen in der heutigen Zeit beraten: Ombudsstelle, Kinderschutzkonzepte, Beschwerdemanagement und Partizipationsmöglichkeiten wurden auf ihre Wirkung und ihr Ausbaupotenzial hin hinterfragt. Am Abend fanden sich viele Teilnehmer im Kino Traumstern ein, um den Film »Herz, Kopf, Tisch - die Rolle der Medizin in der Heimerziehung« anzuschauen und das Gespräch mit der anwesenden Filmemacherin Sonja Töpfer zu suchen.

Die Ausstellung »Kinder in Heimen von 1945 bis 1975« ist noch bis 24. September von 10 bis 14 Uhr in der ESTA in Lich (Höhlerstr. 4) zu sehen. Die Finissage findet am 24. 9. um 15.30 Uhr statt. Informationen und Anmeldung unter Tel. 0 64 04/6 63 20.

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