06. September 2019, 18:00 Uhr

Eine Hommage an die Kneipe

Besucher können am Wochenende bei »Kunst in Licher Scheunen« wieder allerlei entdecken. Etwa den »Blauen Kaktus« in der Dippemühl. In der Kneipe, die Karl Anton Koenigs in die alte Scheune eingebaut hat, werden sie selbst Teil der Installation.
06. September 2019, 18:00 Uhr
Die Kneipe als eine Bühne und jeder, der in ihr sitzt, ist ein Statist: Karl Anton Koenigs mit seinem Baumeister Philipp Päßler (r.) hinter dem Tresen im »Blauen Kaktus«, der Kneipe mit Blick in den Dachstuhl. (Foto: nab)

Noch wird fleißig gesägt, gepinselt und dekoriert im Hof der Dippemühl. Denn die Installation, die Karl Anton Koenigs für »Kunst in Licher Scheuen« in die gut 300 Jahre alten Scheune einbaut, ist gewaltig. Wo einst altes Stroh und Spinnweben hingen und in den vergangenen Jahren noch seine Großmutter, Madeleine Gräfin Solms-Laubach, ihre Gemälde ausstellte, baut der junge Künstler nun eine Kneipe ein.

Die Wände hat Koenigs, der vor zwei Jahren nach Lich zog, mit seinem Team mit Holz vertäfelt. Eigens für die Kneipe ersteigerte er einen Treppenaufgang aus der ehemaligen DDR, der in den ersten Stock führt, wo Besucher auch ganz ungewöhnlich auf den Sitzen eines Bahnabteils Platz nehmen können oder am Geländer von Barhocker aus auf Theke und Tor blicken.

Koenigs, der schon im vergangenen Jahr mit seiner KAKversum-Installation für Aufsehen sorgte, ist damit ein Coup gelungen. Der »Blaue Kaktus« macht jeden Gast zu einem einzigartigen Teil einer begehbaren Installation. Und Koenigs feiert die Kneipe als klassischen Ort der Begegnung, als unverzichtbaren Platz im deutschen Seelenleben.

Egal, wohin man schaut, überall gibt es Überraschungen. Die Ideen sprudeln aus dem redseligen Künstler nur so heraus. Aufgetrieben hat er beispielsweise einen Alkomaten aus den 1950er Jahren, der - wenn man entsprechende Parameter einstellt und 20 Pfennig einwirft - einem sagt, wie lange man noch da bleiben muss, um wieder nüchtern zu sein. Die Eingangstür ist eine echte Kneipentür aus Ettingshausen, das Inventar stammt aus einer alten Kneipe in Bielefeld.

Doch das ist noch nicht alles: Über der Theke gibt es in zweieinhalb Metern Höhe eine Empore für Musiker. Selbstverständlich hat Koenigs auch an eine Jukebox gedacht. Zudem kann man sich mit Kopfhörern in Videoinstallationen à la Stammtischgespräch vertiefen oder im Zeitraffer den Aufbau verfolgen. Und als wäre das nicht genug, stellt auch noch sein Schwager Friederich Oetker Kollagen in der Kneipe aus.

Schade nur, dass der Kneipe kein langes Leben beschert ist, nach drei Wochen wird sie wieder abgebaut. Da ist Koenigs ganz Künstler. »Dinge, die nur für eine gewisse Zeit sind, sind besonders,«, sagt er. »Jeder, der da war, wird sich an sie erinnern.« Die Kneipe sei dann Kult. Der »Blaue Kaktus« ist damit auch eine Anspielung ans überall grassierende Kneipensterben.

Koenigs, der in Laubach aufgewachsen ist, in Berlin bei dem selbst ernannten »Hauptstadtphotographen« Edgar Herbst (er stellt in der Ziegelgasse aus) die Gesellschaftsfotografie lernte und jüngst ein Kunststudium in Köln absolvierte, hofft, dass sein Karl-Anton-Koenigs-Universum zum Hotspot für alle Kunstschaffenden wird. Mit einer Liveband am Samstagabend möchte er die Gemeinschaft zelebrieren, »Licher« zapfen und als Wirt hinter dem Tresen seine Gäste im »Blauen Kaktus« begrüßen. Doch Obacht, wer auf das Toilettenhäuschen geht, sollte lächeln.

Eine Frage bleibt. Wie kam er auf dem Namen »Blauer Kaktus«? Das sei ein Wettbewerb in der Familie gewesen, erzählt Koenigs. »Meine Tante hat den Namen gefunden, in dem auch KAK verkommen sollte. Jetzt hat sie das ganze Wochenende über Freibier.« Außerdem passe der Name ja auch gut zu einer verranzten Kneipe, sagt Koenigs und lacht: »Blau, besoffen und stachelig, wie eben ein Wirt so ist.«

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