02. Mai 2019, 10:00 Uhr

Radverkehr

Fahrrad statt Auto: Wie kann die Verkehrswende im Kreis Gießen gelingen?

Jeder zweite Weg, der mit dem Auto gefahren wird, ist auch auf dem Land kürzer als fünf Kilometer. Was müssen Kommunen im Kreis Gießen tun, um den Radverkehr anzukurbeln? Ein Zehn-Punkte-Plan.
02. Mai 2019, 10:00 Uhr
Überdachte Abstellmöglichkeiten für Fahrräder: Bei der Firma Schunk in Heuchelheim eine Selbstverständlichkeit. (Foto: jjs)

Fahrrad fahren ist klimaschonend und gesund. Auf kurzen Strecken kommt man mit dem Rad sogar schneller vorwärts als mit dem Auto. "Das Fahrrad hat auf dem Land wie in der Stadt große Potenziale", schreibt Jan Fleischhauer vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub Gießen in einem Gastbeitrag für diese Zeitung.

In den Städten ist allen bewusst, dass der Autoverkehr große Probleme bereitet. Der Radverkehr wird dort zusammen mit Bus und Bahn als Lösung des Ganzen gesehen. Auf dem Land diskutiert man dagegen seltener über die Radverkehrsförderung. Doch Statistiken zeigen, dass das Fahrrad auf dem Land ebenso wie in der Stadt große Potenziale hat, die aber von einigen Kommunen nicht gesehen werden.

75 Prozent aller Wege werden im ländlichen Raum innerorts zurückgelegt. Jeder zweite Weg, der mit dem Auto gefahren wird, ist auch auf dem Land kürzer als fünf Kilometer. Die durchschnittliche Länge der täglichen Wege, die eine Person im kleinstädtischen, dörflichen Raum bewältigt, beträgt 14 Kilometer. In zentralen Städten ist sie mit elf Kilometern nicht viel geringer (Quelle: Mobilität in Deutschland 2017).

Um den Radverkehr auf dem Land durch bessere Infrastruktur zu fördern, sollten die Kommunen im Landkreis folgende Aspekte angehen:

 

1. Raumplanung

Ein zentrales Problem auf dem Land ist, dass Einkaufsmöglichkeiten, Arbeitsplätze, aber auch Bildungsangebote immer mehr zentralisiert wurden und werden. Hier sollten die Kommunen gegensteuern, indem sie z. B. den Einzelhandel in der Ortsmitte halten, so wie dies in Krofdorf geschieht, und indem sie Supermärkte und Geschäfte so weit möglich auf die Ortsteile verteilen und nicht konzentriert in Gewerbegebieten fernab der Wohngebiete ansiedeln.

 

2. Sichere Abstellplätze für Fahrräder

Im kleinstädtisch-dörflichen Raum hat inzwischen mehr als jeder zehnte Haushalt ein Pedelec. Elektroräder sind auf dem Land weiter verbreitet als in zentralen Städten. Hochwertige Fahrräder lässt aber keiner gerne unangeschlossen stehen, auch wenn auf dem Land seltener Räder gestohlen werden als in der Großstadt. Daher bedarf es an allen öffentlichen Gebäuden (wie Rathäusern, Bürgerhäusern, Schulen oder Schwimmbädern) mindestens Fahrradbügeln, die es zulassen, den Fahrradrahmen an einem festen Gegenstand anzuschließen. Die oftmals vorhandenen Felgenklemmer sind völlig ungeeignet. Hier haben alle Kommunen im Landkreis massiven Nachholbedarf.

Auch der Landkreis ist leider an seinen Schulen seit Jahren im Bereich »sicheres Fahrradparken« nicht vorangekommen. Mehr als 80 Prozent der Schulen haben keine sicheren Fahrradabstellanlagen, obwohl der Landkreis beim Klimaschutz Vorreiter sein will. Sichere Fahrradabstellanlagen fehlen im ländlichen Raum oft auch bei Geschäften und vielen Arbeitgebern. Größere, moderne Arbeitgeber wie die Schunk-Gruppe zeigen, dass es anders geht. Sie investieren in gute, überdachte Abstellplätze für ihre Beschäftigten, etwa in Heuchelheim oder Lindenstruth. Kommunen im ländlichen Raum sollten die Schaffung guter Abstellplätze durch Stellplatzsatzungen, die sichere Fahrradabstellplätze an Neubauten vorschreiben, unterstützen. Bisher hat nur die Stadt Gießen eine solche Regelung.

 

3. Wegweiser für Alltagsradler

Im ländlichen Raum gibt es oftmals verkehrsarme Wege abseits der Hauptstraßen, die sich mit dem Fahrrad gut befahren lassen. Damit diese Routen aber auch gefunden werden, bedarf es Wegweisern für den Radverkehr. Derzeit gibt es im Landkreis Gießen nur eine touristische Wegweisung. Für Alltagswege fehlt ein ausgewiesenes, dichtes Netz, was der Landkreis aber bald ändern möchte.

 

4. Sinnvolle StVO-Beschilderung

In vielen Gemeinden wurden die Verkehrsschilder nur mit Blick auf den Autoverkehr aufgestellt. Einige Beispiele: Obwohl Feld- und Forstwege nur für Autos gesperrt sein sollen, ist das Radfahren laut offizieller Beschilderung oftmals ebenso verboten. Einbahnstraßen wurden eingerichtet, ohne daran zu denken, dass sie für Radverkehr problemlos freigegeben werden könnten. Drängelgitter oder Umlaufsperren wurden aufgestellt, um Autoverkehr abzuhalten, aber auch Lastenräder und Räder mit Kinderanhänger können nicht passieren.

 

5. Verkehrsberuhigung

Damit alle sicher mit dem Fahrrad fahren können, ist es sinnvoll, in allen Wohngebieten Tempo-30-Zonen auszuweisen. Hier gibt es große Unterschiede zwischen den Kommunen im Landkreis: Während in Heuchelheim und Lich über 90 Prozent aller Nebenstraße Tempo-30-Zonen sind, gilt in Rabenau, Grünberg und Staufenberg in mehr als der Hälfte der Nebenstraßen noch Tempo 50. Auch vor allen Schulen und Kitas sollte Tempo 30 herrschen. Auch auf Hauptverkehrsstraßen ist das inzwischen rechtssicher möglich.

 

6. Befestigung und Ausbau von Radrouten

Damit bei jedem Wetter das Fahrrad auch im Alltag genutzt wird, sollten alle Radrouten asphaltiert sein. Bei landwirtschaftlichen Wegen zwischen den Dörfern ist das jedoch häufig noch nicht der Fall. Sofern keine kürzeren Alternativen über landwirtschaftliche Wege vorhanden sind, kann es sinnvoll sein, außerorts entlang von stark befahrenen Hauptstraßen Geh- und Radwege anzulegen. Hier kommt es aber sehr darauf an, dass die Wege an Einmündungen und Kreuzungen auch sicher geführt werden.

Auf unbeleuchteten Radwegen an Hauptstraßen sollten die Radwege weiße Randmarkierungen bekommen, sodass geblendete Radfahrer auch bei Dunkelheit nicht vom Weg abkommen. Diese Lösung gibt es bisher leider nur in Gießen in Richtung Europaviertel und auf dem Radweg zwischen Langgöns und Holzheim.

 

7. Sichere Querungen

Die meisten Unfälle geschehen an Einmündungen und Kreuzungen. Daher ist es nötig, dass am Beginn und Ende von Geh- und Radwegen (z. B. am Ortseingang), aber auch wenn Radrouten eine Hauptstraße kreuzen, sichere Querungen (z. B. Mittelinseln) gebaut werden. Das ist leider bisher im Gießener Land kaum geschehen.

 

8. ÖPNV und Radverkehr verknüpfen

Die Mehrheit der Bahnhöfe hat überdachte und sichere Fahrradabstellanlagen. An einigen Stationen ist die Nachfrage aber größer als das Angebot (z. B. in Buseck, Lich, Linden, Reiskirchen und Trais-Horloff), sodass hier Ausbaubedarf besteht. Ebenfalls sollte es an allen größeren Bahnhaltepunkten abschließbare Fahrradboxen geben, die Pendler mieten können. Fahrradboxen gibt es bisher nur in Linden und Gießen, wo sie ausgebucht sind. Auch an den Bushaltestellen sollten Fahrradbügel aufgestellt werden, weil die Wege zur Bushaltestelle im ländlichen Raum oft weiter sind als in der Stadt. Bei Bussen und Bahnen ist darauf zu achten, dass im Mehrzweckabteil nicht nur Platz für Rollstühle und Kinderwagen ist, sondern auch für Fahrräder.

 

9. Infrastruktur ist nicht alles

Ob Rad gefahren wird, liegt aber nicht nur an der Infrastruktur, sondern hängt vor allem davon ab, welches Image das Radfahren hat und wie es kulturell verankert ist. Wenn der Lehrer mit dem Rad zur Grundschule fährt, fahren auch viele Kinder mit dem Rad zur Schule und sind konzentrierter im Unterricht. Wenn die Chefin mit dem Rad fährt oder die Mitarbeiter ein Jobrad vom Betrieb angeboten bekommen, fahren diese auch häufiger mit dem Rad und sind seltener krank. Wenn Kinder schon in jungen Jahren das Radfahren von den Eltern lernen und auch im Alltag praktizieren, erfreuen sie sich auch als Erwachsene daran, fast alle Wege mit dem Rad zurücklegen zu können. Infrastruktur ist also nicht alles.

Von daher begrüßen wir es als ADFC, dass nicht nur die Stadt Gießen, sondern auch die Städte Hungen und Grünberg dieses Jahr die Aktion »Stadtradeln« durchführen. Wenn die Bürgermeister, Stadtverordnete und andere bekannte Personen als Vorbilder mitmachen, motiviert dies zum Radfahren ebenso wie die Veranstaltungen »Autofreies Lumdatal« oder »Grünberg auf der Rolle«.

 

10. Bürgerbeteiligung

Bei der Förderung des Radverkehrs ist wichtig, die Bürger mitzunehmen. Derzeit erstellt ein Planungsbüro ein Radverkehrskonzept für den Landkreis. Dabei stimmen sich Kreis und Kommunen ab. Leider ist aber bisher keine Bürgerbeteiligung vorgesehen, obwohl es in vielen Kommunen (z. B. Biebertal, Lich, Reiskirchen und Laubach) unabhängig vom ADFC engagierte Gruppen gibt, die sich vor Ort Gedanken über die Verbesserung der Radverkehrssituation machen. Auch die Projektwerkstatt Saasen hat für das Wiesecktal schon Konzepte entwickelt. Es wäre sinnvoll, all diese Ideen zu berücksichtigen.

 

Jan Fleischhauer (39) ist Vorstandsmitglied des ADFC Gießen und Referent für Verkehrsplanung und Verkehrssicherheit des ADFC Hessen. Fleischhauer arbeitet als Dozent am Institut für Didaktik der Physik an der Universität Gießen.

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