20. Februar 2017, 10:00 Uhr

Weitblick

Fit für Generationen

Muschenheim und Rüddingshausen machen beim Wettbewerb »Unser Dorf hat Zukunft« mit. Die Ortsvorsteher verraten, was in den kommenden Jahren getan wird, damit die Orte attraktiv bleiben.
20. Februar 2017, 10:00 Uhr
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Von Thomas Brückner

Bei der Frage, was »sein« Dorf denn vor allem aus- und zukunftsfähig mache, muss Rüddingshausens Ortsvorsteher Ewald Thomas nicht lange nachdenken: »Wir haben einfach eine gute Gemeinschaft«. So sieht es auch sein Muschenheimer Amtskollege Burkhard Seipp. »Das Besondere ist unsere uralte Kultur, ich erwähne hier nur das Megalithgrab Heiliger Stein – der Beweis für Besiedlung, die 4000 bis 5000 Jahre zurückreicht«, fügt er noch an. Jetzt aber geht es nicht mehr um Historie, sondern um das, was die Dörfer in den kommenden Jahren ausmachen wird.

Genau genommen heißt der Wettbewerb »Unser Dorf hat Zukunft«. Er soll, so sieht es das Land als Ausrichter, die Menschen motivieren, für eine Stärkung des Gemeinwesens aktiv zu werden. Darum war es schon den Vätern des 1961 erstmals ausgelobten Wettstreits gegangen. Freilich waren die Schwerpunkte andere: Damals wollte man mit schöneren Dörfern gegen die »Abwanderung in die urbanen Zentren« angehen, das Image eines von Staub, Misthaufen und Enge geprägten Landlebens aufhübschen.

Heute ist der demographische Wandel in den Fokus gerückt: Überalterte Dörfer mit sinkender Einwohnerzahl, in denen kaum mehr ein Bäcker oder Lebensmittelladen überleben kann – eine Herausforderung für die Politik, auf kommunaler wie Landesebene.

 

Demographischer Wandel im Fokus

 

Gewandelt haben sich die Bewertungskriterien seit dem »Neustart« des Wettbewerbs Ende der 90er. Auf Plätze in gepflegt-sterilem Grün, Fensterbänke in voller Blüte, die Beseitigung jeder »Dreckecke« kommt es nicht mehr an. Punkte werden heute in diesen Kategorien vergeben: Entwicklung des Ortes (Zusammenarbeit Kommune und Dorf, dörfliche Identität); bürgerschaftliche Aktivitäten und Selbsthilfeleistungen; Baugestaltung; Grüngestaltung; das Dorf in der Landschaft. Eigenverantwortung, Stärkung des Gemeinwohls und der Solidarität in einem Ort, bestenfalls nachhaltig.

»Das passt zu uns, und es bringt uns was«, sagt Ewald Thomas. Und ist sich darin einig mit allen Mitgliedern des Ortsbeirats Rüddingshausen. Die haben schon seit Monaten ihre Köpfe rauchen lassen: Was wäre noch zu tun, wie können wir mit welchen konkreten Maßnahmen erreichen, dass unser Dorf auch noch morgen attraktiv ist?

Beim Ortsrundgang kann Thomas fast an jeder Ecke Belege für eine »gute Gemeinschaft«, für Selbsthilfeaktionen aufzeigen. Nicht nur, aber auch was die Grüngestaltung angeht: Dafür steht etwa die Anlage bzw. Pflege einer der ökologisch wertvollen, aber hierzulande gefährdeten Streuobstwiesen. Oder das Pflanzen von Jubiläumslinden auf dem »Läushübel«, dem Aussichtspunkt im Feld. Oder von Bäumen, die Kreuzungspunkte markieren. In dem Ort im Norden des Landkreises ist die dörfliche Identität noch ausgeprägt: Man steht zu seinem Ort, gerade, wenn es um Gemeinschaftsleistungen geht: Auf dem Friedhof zeigt Thomas auf den Anbau der Leichenhalle: Das Material hat die Gemeinde gestellt, die Arbeit aber haben im Wesentlichen die Bürger erledigt. Und noch 16 000 Euro spendiert. Thomas: »Das ist bei den Rüddingshäusern noch so: Wird Hilfe gebraucht, kommen sie.« Dafür steht auch die ehrenamtliche Arbeitsgruppe, die manches erledigt, was der Bauhof nicht schafft.

Vieles ist schon im Fluss in dem Dorf mit den ersten Windrädern im Kreis Gießen (Foto oben), vieles hat bei der 725-Jahr-Feier 2013 Fahrt aufgenommen und soll mit dem Wettbewerb weiteren Antrieb erhalten.

 

Fluglärm-Flüchter aus Frankfurt

 

Thomas und seine Mitstreiter im Ortsbeirat haben sich daher vorgenommen, die Mitbürger zu animieren, die in diesem Dorf noch gute soziale Infrastruktur zu stärken. Das heißt konkret: Einkaufen im letzten Lebensmittelladen, die Kleinen in die Kita zu schicken und in die Grundschule. Mit Patenschaften von und Kooperationen mit Vereinen will man die noch attraktiver machen. »Wir müssen das Bewusstsein schärfen, dass die Schule wichtig ist.« Gerade für junge Familien. Bei denen wirbt man dafür, ihren Traum von den eignen vier Wänden im Ort zu realisieren, Scheunen umzubauen, Baulücken zu schließen, Altbauten zu sanieren. Thomas kann aus dem Stegreif gleich vier junge Bauherren aufzählen, die das beherzigt haben. Darunter Daniel Hahn (28), der hinterm Elternhaus ein Einfamilienhaus hochzieht. Ein Positivbeispiel für die vielzitierte und geforderte »Innenverdichtung«, sind doch Baugebiete auf dem flachen Land kaum mehr zu vermarkten und genehmigungsfähig.

Weiteres Verdichtungspotenzial ist vorhanden: Wie beim Rundgang zu sehen, stehen schon ein Dutzend Häuser leer, gibt es auch noch einige Baulücken.

Als wichtig für die Zukunftsfähigkeit des Dorfes erkannt hat Thomas, dass man die Neubürger »an die Hand nehmen muss«. Die gibt es hier durchaus. Etwa der Russlanddeutsche, der einen Aussiedlerhof übernommen hat, das Frankfurter Paar, das vorm Fluglärm geflüchtet ist, die nunmehr schon vier polnischen Familien, die Häuser gekauft haben. »Man muss«, postuliert der Ortsvorsteher, »besonders die ansprechen, die sich nicht integriert fühlen oder es nicht sind.« Das breite Vereinsspektrum sei da hilfreich, und spätestens über die Kinder schaffe man das meistens. Für das Einbinden der Zuzügler ist eine neue Initiative geplant, gemeinsam mit der neuen Schulleiterin. Arbeitstitel: »Brauchtumspflege«.

Die Breite der Wettbewerbskriterien, so heißt es in der Ausschreibung des Landes, soll die Bürger nicht zuletzt zu »hoher Kreativität und Innovation bei der Entwicklung von Gestaltungsideen anregen«. Dem stellen sich auch die Muschenheimer.

Am Rathausplatz des Licher Stadtteils steht dafür, so sieht es Ortsvorsteher Burkhardt Seipp, ein sichtbares Beispiel: Der alte Brunnen mit dem Charme der 60er wurde neugestaltet, jetzt sprudelt das kühle Nass aus großen Findlingen.

So weit wie in Rüddingshausen, wo Ortsbeirat und Vereine seit Dezember Ideen sammeln, ist man in der Wetterau noch nicht. Just heute Abend, 19 Uhr, im Gerätehaus, soll sich ein Arbeitskreis bilden – Interessenten willkommen.

Ideen für ein zukunftsfähiges Dorf gibt es natürlich bereits jetzt. Beim Ortstermin nennt Seipp als oberstes Ziel, die Einwohnerzahl zu halten bzw. zu steigern. »Wir müssen preisgünstigen, zeitgemäßen Wohnraum anbieten.« Und das, mangels Neubaugebiet, im alten Kern. Wobei sich Seipp vorstellen könnte, dass auch die Stadt Lich finanzielle Anreize dem gewährt, der die leerstehenden Häuser (sechs an der Zahl) saniert oder Scheunen umbaut. Das Dorf braucht vor allem junge Familien. Ohne die ist der Kindergarten als wichtiger Standortfaktor auf lange Sicht nicht zu halten.Wie Thomas sieht auch Seipp die Notwendigkeit, die Grundversorgung sicherstellen. In Muschenheim gibt’s schon lange keinen Lebensmittelladen mehr, dafür aber einen Brötchenshop in einer Garage und eine Metzgerei.

Auch wegen der Bedeutung als »Kommunikationszentrale« für die Alten seien die zu erhalten. Apropos soziale Infrastruktur: Der Licher Stadtteil hat für das Gemeindeschwesterprojekt bundesweite Beachtung erfahren.

Als zukunftsweisendes Projekt sei abschließend der kulturhistorische Weg genannt, der entlang des Megalithgrabs Heiliger Stein und des Nachbaus eines Kastells, das an den nahen Limes erinnert, führt. Seipp: »Auch das macht unser Dorf interessant. Die gute Luft, die intakte Natur, das Freizeitangebot mit Radwegen in alle Himmelsrichtungen sowie das rege Vereinsleben gibt es umsonst dazu.«

Ob und wie das alles ankommt bei der Bewertungskommission? Im Juni wird sie erwartet, dann wird es sich weisen.



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