27. Februar 2018, 21:38 Uhr

Für andere da sein

Sie halten Hände und nehmen in den Arm. Sie hören zu und reden. Sie singen, basteln, spielen. Zweimal im Monat kümmern sich Ehrenamtliche des Cafés Vergissmeinnicht einen Nachmittag lang um pflegebedürftige Menschen und verschaffen Angehörigen ein paar Stunden Luft.
27. Februar 2018, 21:38 Uhr
Musik ist ein fester Bestandteil im Café Vergissmeinnicht. Einmal im Monat wird unter professioneller Anleitung gesungen. (Foto: ti)

Zwei Thermoskannen stehen auf dem Tisch, ebenso Milch, Zucker und Kuchen. Dazwischen liegen Luftschlangen, in der Mitte thront ein Vase voller Rosen. Es ist kurz vor drei Uhr an einem Dienstagnachmittag im Licher Seniorenzentrum, die Tafel im Nebenraum der Cafeteria ist gerichtet – das Café Vergissmeinnicht hat geöffnet. Einige Ehrenamtliche sind schon da, ihre »Gäste« trudeln langsam ein. So nennen die Betreuer die älteren, pflegebedürftigen Menschen, um die sie sich zweimal im Monat einen Nachmittag lang kümmern. Die meisten sind dement, andere leiden unter körperlichen oder psychischen Einschränkungen. Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz heißt das im Fachjargon, wie die examinierte Pflegekraft Nicole Jäger erklärt.

Vier bis acht Frauen und Männer sind es derzeit, die das ambulante Angebot von DRK und Oberhessischem Diakoniezentrum regelmäßig nutzen, jeweils am ersten und dritten Dienstag im Monat zwischen 15 und 18 Uhr. Mehrere geschulte Ehrenamtliche und Nicole Jäger widmen sich den Pflegebedürftigen. Widmen, das bedeutet unter anderem für eine reich gedeckte Kaffeetafel sorgen, Geschichten vorlesen, Gespräche führen oder in den Arm nehmen. Während am ersten Dienstag im Monat im Anschluss eine Musiktherapeutin die Regie übernimmt, steht zwei Wochen später immer ein kreatives Angebot im Mittelpunkt, das wiederum von den Ehrenamtlichen vorbereitet wird und meist jahreszeitlich inspiriert ist. Am Ende gibt es meist Bewegungsspiele und Gedächtnistraining.

»Guten Tag, lieber Herr Burow, schön, dass Sie da sind.« Silke Kammer hat im Nebenraum die ersten Töne auf der Gitarre gespielt und angesungen, dazu Percussion-Instrumente verteilt. Senioren und Betreuer stimmen mit ein. Jeder wird gesanglich persönlich begrüßt, dann geht es los. Meist sind es alte Schlager oder Volkslieder, die hier erklingen. »Die Texte haben die meisten sofort parat«, sagt die Musiktherapeutin, die eine Stunde lang die Regie übernimmt. Nicht nach Konzept, wie sie erklärt. Denn demente Menschen leben im Moment. Da wird auch viel erzählt, vor allem von früher. Kammer: »Was raus will, wird von mir aufgenommen und umgesetzt.«

Und während die Senioren – gut betreut – in Erinnerungen schwelgen, können ihre Angehörigen einmal durchatmen. Heidi Burow beispielsweise. Die 68-Jährige aus Villingen bringt ihren Mann gerne nach Lich. »Es ist die einzige Zeit, in der ich mal in Ruhe einkaufen oder mich einfach in ein Café setzen und entspannen kann«, sagt Burow, für die die Pflege ihres schwer herzkranken und dialysepflichtigen Partners ein Vollzeitjob ist. Burow: »Ich bin sehr dankbar, dass es das Angebot gibt.« Außerdem wirkt sich die Zeit im Café Vergissmeinnicht positiv auf das Verhalten ihres Mannes aus, sagt Burow. »Er ist anschließend immer viel ausgeglichener.«

Solche Aussagen sind den insgesamt elf Ehrenamtlichen, die sich im Café Vergissmeinnicht engagieren, Dank genug. Ebenso wie das Lächeln, das sich – unter anderem beim Singen und Musizieren – auf den Gesichtern der »Gäste« einstellt. »Es kommt einfach so viel zurück«, findet Karin Schmidt. »Man wird angestrahlt und bekommt gute Laune.« Ebenso geht es Hiltrud Keil. »Es macht Freude, zu sehen, dass die Menschen sich wohlfühlen«, beschreibt sie ihre Motivation.

Sechs Ehrenamtliche und Nicole Jäger sind an diesem Nachmittag für fünf Gäste vor Ort, ein traumhafter Betreuungsschlüssel. Doch so ist es nicht immer, denn die Helfer engagieren sich unterschiedlich intensiv. Keil: »Jeder schenkt, was er zur Verfügung hat.« Dennoch ist das Ziel, dass einem Gast in der Regel ein Betreuer zur Verfügung steht, damit jeder die notwendige Aufmerksamkeit bekommt, wie Jäger sagt.

In Anspruch nehmen kann das ambulante Angebot jeder, der die Betreuungs- und Entlastungsleistung der Pflegekasse in Anspruch nehmen kann. 125 Euro sind das pro Monat, weiß Jäger. Voraussetzung ist die Einstufung in einen Pflegegrad.

»Du, du liegst mir im Herzen« ist gerade verklungen, die Musikstunde fast zu Ende. Silke Kammer leitet zum Abschiedslied über und verlässt dann die Runde. Jetzt noch ein bisschen Gedächtnistraining und Bewegungsspiele, dann heißt es 14 Tage warten, bis das Café Vergissmeinnicht wieder öffnet.

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