20. Mai 2018, 18:00 Uhr

»Singender Postbote«

Gerhard Fay – morgens Briefträger, abends Opernsänger

Als »singender Postbote« ist Gerhard Fay aus Grüningen bekannt. Dass er mit seinen 79 Jahren manchmal älter als sein Publikum ist, macht ihn vor allem eines: dankbar.
20. Mai 2018, 18:00 Uhr

Von Patrick Dehnhardt , 1 Kommentar
Gerhard Fay beim Proben in seinem Garten in Grüningen. Die Blumen sind eine weitere Leidenschaft des 79-Jährigen.

Die Bienen summen von Blüte zu Blüte, eine Meise fliegt vorbei, bleibt auf einem Obstbaum im Garten von Gerhard Fay sitzen. Zunächst lauscht der Senior ihrem Gezwitscher. Als Fay schließlich eine Liedzeile anstimmt, scheint der Vogel aufzuschauen. Das mag Zufall oder aber dem wohlklingenden Gesang Fays geschuldet sein.

Trotz seiner 79 Jahre ist die Bühne noch immer Fays zweites zu Hause. Bei größeren Veranstaltungen wie in diesem Sommer bei »Musik im Park« in Großen-Buseck tritt er ebenso regelmäßig auf wie bei Geburtstagen in Seniorenzentren. Nur wird der Grüninger dann nicht nur als Gerhard Fay, sondern immer noch mit dem Zusatz »der singende Postbote« angekündigt. Sein Künstlername hat ja durchaus Bewandtnis. Bis zu seinem 60. Lebensjahr trug Fay Briefe aus und saß hinter dem Postschalter. Ein beruflicher Werdegang ganz im Zeichen der Familientradition: Sein Großvater war Postkutscher gewesen, sein Vater hatte ebenfalls bei der Post gearbeitet. Selbst Fays Sohn hat später diesen Weg eingeschlagen. In Grüningen ist Fay nur der »Post-Gerhard«.

 

Von Elvis Presley inspiriert

 

Für seine Ausbildung war er einst nach Friedberg gegangen. Da der Wochenlohn von 20 DM sehr schmal war, arbeitete er nebenbei in einer Gaststätte auf der Kaiserstraße – dort erlebte er Elvis Presley. Seine Leidenschaft für die Musik flammte wieder auf. Bereits als Kind war sie entfacht. Seit damals begleitet ihn auch sein Lieblingslied: das »Ave Maria«.

Nach jenen Begegnungen mit Presley in Friedberg nahm Fay Gesangsstunden. Um sich das überhaupt leisten zu können, half er seiner Lehrerin im Haushalt, schleppte Kohlen, arbeitete im Garten. Seine Gesangslehrerin war es auch, die ihm den Kontakt zum Gießener Stadttheater vermittelte. Dort stand Fay ab 1969 auf der Bühne. Der Tenor sang im Chor bei Opern, Operetten und Musicals mit. »Das war eine schöne Zeit. Ich habe alle großen Sänger kennengelernt.«

 

Oper mit Presskopf auf dem Kopf

 

Ein Stück ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: Die Zauberflöte. Er sollte einen Priester mit Glatze spielen. Da er seine Haare aber nicht abrasieren wollte, wurden die Maskenbilder kreativ. »Da haben die uns die Hülle vom Presskopf übergezogen und angeschminkt.« Fay lebte zwischen zwei Welten: Morgens trug er die Post aus, abends stand er auf der Bühne. Auf dem Weg zwischen den Häusern lernte er die Texte auswendig. Die Menschen in Linden, Friedberg oder Gießen kannten bald ihren singenden Briefträger, der mitunter komplett in Manuskripte versunken war. Dafür gab es dann zum Geburtstag aber auch das eine oder andere gesungene Ständchen vom ihm.

 

Wegen Schlagern angefeindet

 

Dass Fay auch an Gesangswettbewerben teilnahm und dabei Schlager vortrug, kam nicht überall gut an. »Schlager? So etwas singt man doch nicht!«, entrüstete sich etwa ein Theaterbesucher. Das Stadttheater legte ihm nahe, sich entweder gegen den Schlager zu entscheiden oder zu gehen. So nahm Fay seinen Hut.

Bereut hat er diesen Schritt nicht. Durch die zahlreichen Auftritte bundesweit hat er viele Menschen kennengelernt, viele Freundschaften geschlossen, mit vielen interessanten Künstlern auf der Bühne gestanden. Er trat mit den »Amigos« auf, als diese noch zu dritt waren. Dass sie später so erfolgreich wurden, freut ihn: »Ich bin froh, dass die so ein Glück hatten.« Er selbst hatte auch Angebote, ins Showgeschäft zu gehen, unter anderem von Ernst Mosch. Er entschied sich aber auf Anraten seiner Eltern dagegen.

 

Noch immer vor Auftritt aufgeregt

 

Ein erfülltes Leben hat er auch so: Die Enkel und Urenkel, die schönen Stunden mit seiner Frau und der eigene Garten – das alles macht jetzt seinen Tag aus. Und dann sind da noch die Proben für die Auftritte. Auf dem Hessentag und der Bundesgartenschau hat er bereits gesungen, ebenso im Fernsehen. »Da haben sie nur Angst, dass man sich versingen könnte. Deshalb hat man da Ohrstöpsel, über die der Text kommt.« Ein Freund von Playback ist er trotzdem nicht geworden, auch wenn er die Panik vor großen Auftritten gut kennt. »Du wirst angekündigt. Und auf einmal vergisst du den Anfang. Da kommt der Schweiß. Aber sobald du die Musik hörst, hast du es wieder.«

Doch auch die vermeintlich unspektakuläreren Auftritte in Seniorenzentren und Altenheimen haben für Fay ihren Reiz. Zusammen mit seinem langjährigen Partner Oswald Menz, der einige Lieder speziell für ihn umschreibt, tritt er in solchen Einrichtungen auf. Dabei braucht es viel Fingerspitzengefühl, sagt der 79-Jährige. Helene Fischer etwa kennt dann beispielsweise nicht jeder im Publikum: »Wenn die Menschen dement sind, wollen sie alte Lieder hören. Dann leuchten ihre Augen.« Dass sein Publikum in so einem Fall teilweise jünger als er ist, lässt ihn dafür dankbar sein, dass er noch immer auftreten kann. Ans Aufhören denkt er jedenfalls noch lange nicht: »Es ist eine Freunde, wenn ich Menschen durch meinen Gesang froh machen kann.«

 

  • Der Name »Singender Postbote« wurde Gerhard Fay bei einem Auftritt in der Rheingauhalle verpasst. Damals kündigte ihn der Moderator so an. Zwei Lieblingslieder haben ihn in 70 Jahren als Sänger begleitet: Das »Ave Maria« und das »Wolgalied«.
  • Fay ist am 29. Juli im Laubacher Schlosspark und am 2. August im Schlosspark Großen-Buseck zu sehen.

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