25. Oktober 2019, 22:17 Uhr

Geschichte eines Auswanderers

25. Oktober 2019, 22:17 Uhr
Rachelle Garniez und Erik Della Penna beeindrucken bei der Multimediashow im Licher Kino mit ihrem feinsinnigen Vortrag. (jou)

Begeisterten Zuspruch fand am Donnerstag im Kino Traumstern die Multimedia-Performance »Ein Abend in New York«. Die zahlreichen Besucher zeigten sich tief beeindruckt vom Bildvortrag des Musikproduzenten Ulrich Balß, der sich auf die Spuren seines Großvaters begab, sowie den nuancierten Gesangsdarbietungen des Duos Rachelle Garniez und Erik Della Penna.

Zur Thematik führte das Lied »Muss i denn zum Städtele hinaus« hin, das zu Beginn der 15-monatigen Reise von Balß’ Opa Theodor Trampler in Bremerhaven gespielt wurde. Arbeitslos geworden, bricht Theodor Anfang 1928 nach New York auf, um seine Frau und zwei Kinder durchzubringen. Die Abreise inspirierte Garniez und Della Penna zu einem stimmungsvollen Abschiedssong.

Musikduo untermalt Multimediashow

Im Verlauf vermochte die persönliche Geschichte mehr und mehr in Bann zu schlagen. Man spürte, in welch hohem Maße sich Balß seinem 1975 gestorbenen Großvater verbunden fühlt und wie ihn Neugier ergriff, als er 2015 eine Kiste mit Briefen von ihm fand. Zentrale Aspekte daraus bildeten die Basis für sein Buch »New York - Past & Present«.

Die Schiffsfahrt in der zweiten Klasse sollte sich als recht komfortabel erweisen, wie Balß ausführte; die exquisiten Speisen waren Trampler ungewohnt. Bei der Ankunft sieht er zuerst die Freiheitsstatue. Hierzu rezitierte Garniez auf Englisch Emma Lazarus’ Sonett »The New Colossus«, für Balß ein »Plädoyer für Freiheit und Offenheit«.

Insgesamt bildeten Text, Musik und Fotos an diesem Abend eine sich wechselseitig bereichernde Einheit. Garniez und Della Penna, in Lich keine Unbekannten, beschränkten sich nicht auf Songdarbietungen, untermalten zudem den Vortrag klanglich dezent.

Trampler schrieb regelmäßig seiner Frau Martha sowie den Eltern und Geschwistern. Dass Leute in Not geraten und ihre Familie ernähren müssen, sei ein aktuelles Thema, stellte Balß zu Recht fest. Sein Großvater schaffte es tatsächlich, monatlich 40 Dollar in die Leipziger Heimat zu schicken und die Reisekosten zurückzuzahlen. Er wohnte bei deutschen Freunden in Manhattan. Besonders faszinierte, wie Balß Stadtfotos von Trampler eigenen Neuaufnahmen gegenüberstellte, dabei oft die gleiche Perspektive gewählt hatte. Zugleich näherte sich Garniez mit dem Song »I was born on Manhattan Island« der Sphäre musikalisch an. Für ein weiteres Glanzlicht sorgte sie mit »Am I blue?«

Ein Freund verschaffte Trampler einen Job in der Buchbinderei. In einem Brief betont er, Glück gehabt zu haben; manche Migranten mussten monatelang Arbeit suchen. Im Gepäck hatte Trampler nicht nur seine Kamera, sondern auch ein Fahrrad, mit dem er ausgedehnte Touren unternahm. Ungewöhnlich für die damalige Zeit: Zur Sicherheit hatte er eigens eine Vorderlampe montiert.

Die Fotos verliehen dem Vortrag große Anschaulichkeit; beeindruckend etwa das Panoramabild vom Woolworth-Turm oder das schmale, mit einem Stahlkorsett errichtete »Bügeleisengebäude«.

Lobenswert, dass Balß umfassend recherchiert hatte, auch den Bekanntenkreis berücksichtigte, auch wenn sich die Spurensuche nach 90 Jahren zuweilen als schwieriges Unterfangen herausstellen sollte.

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