14. März 2010, 22:30 Uhr

Grünberg wird im literarischen Führer nicht erwähnt

Grünberg (sc). Kalt war es im Grünberger Barfüßerkloster, doch gemeinsam mit dem »Barfüßer Förderkreis Kultur« kündigte Buchhändler Fritz Reinhard den Frühling an - um genau zu sein: den »Grünberger Bücherfrühling«. Mit Dr. Adolf Fink hatte er dazu einen kompetenten Rezensenten geladen, der als Dozent an der Buchhändlerschule Frankfurt einen immer aktuellen Zugang zum Verlagswesens hat.
14. März 2010, 22:30 Uhr

Grünberg (sc). Kalt war es im Grünberger Barfüßerkloster, doch gemeinsam mit dem »Barfüßer Förderkreis Kultur« kündigte Buchhändler Fritz Reinhard den Frühling an - um genau zu sein: den »Grünberger Bücherfrühling«. Mit Dr. Adolf Fink hatte er dazu einen kompetenten Rezensenten geladen, der als Dozent an der Buchhändlerschule Frankfurt einen immer aktuellen Zugang zum Verlagswesens hat.

Der Germanist kündigte seine Zusammenstellung, die er in Stapeln vor sich auf dem Tisch aufgebaut hatte, als subjektive Zusammenstellung an, die aber nicht willkürlich sei. Und so eröffnete er seine Einblicke in den aktuellen Literaturbetrieb bzw. dessen »Output« mit dem »Literarischen Führer Deutschland«, der in aktueller Auflage im Insel Verlag erschienen ist. Diesen empfahl er als literarischen Reiseführer, der über die Erwähnung der aufgelisteten Orte in der Literatur Auskunft gibt. »Grünberg ist darin nicht erwähnt«, bedauerte er und scherzte: »So ist auch nichts Falsches geschrieben worden.«

Kleiner Ausflug in die Nachbarstadt Laubach

Einen kleinen Ausflug in die Nachbarstadt Laubach machte Fink mit einem Hinweis auf den Band »Die Schlossbibliothek zu Laubach«, die sein Studienkollege und Freund Burghard Wellenkötter verfasst habe.

Bei den Neuerscheinungen aus dem Literaturbetrieb empfahl er die Sammlung »Ohrentheater« von Norbert Abels, sie sei eine geeignete Abendlektüre. Denn sie fasse Beiträge des Chefdramaturgen an der Frankfurter Oper zusammen, die er in den letzten 15 Jahren zu jeder Neuinszenierung geschrieben habe. Der Frage »Wie ernährten sich die großen Denker« widmet sich das Buch »Der Philosoph im Topf«, es beschreibt die Essgewohnheiten der Denker aus der Antike bis hin zu Sartre. - »Biografien haben in Deutschland aufgeholt«, konstatierte der Fachmann. Wenn sie hier auch nicht in dem Maße Bedeutung hätten wie im angelsächsischen Raum. Als aufregend und spritzig geschriebene Biografie des Historikers Golo Mann charakterisierte Fink die Neuerscheinung des Autors Tilmann Lahme. Weitere empfehlenswerte Biografien seien das Buch über Sofia Andrejewana Tolstaja, die Frau Leo Tolstois und die Doppelbiografien über das Ehepaar Caroline und Wilhelm Humboldt sowie über Karl Marx und Friedrich Engels »Übersetzungen altern schneller als Originale«, befand Fink und so empfahl er - gewürzt mit viel Hintergrundwissen zu den Themen - auch neu übersetzte alte Bücher.

Darunter den großen deutschen Roman des 17. Jahrhunderts »Der abenteuerliche Simplicissimus«, den Reinhard Kaiser in ein verständliches Deutsch gebracht habe. Charakterisierend für das letzte Jahr empfand Fink die Bücher, die von Hinterbliebenen über ihre verstorbenen Eltern bzw. Ehepartner verfasst wurden. Als ungeheuer große Leistung und das überraschendste aller Bücher beschrieb er »Tod einer Untröstlichen« von David Reiff über den Tod seiner Mutter, der amerikanischen Journalistin und Autorin Susan Sontag.

Mit Informationen zu den letztjährigen Preisträgern setzte Fink seine Exkursion in die Welt der Literatur fort, und gab auch seine ganz persönliche Geschichten und Begegnungen mit einigen dieser Personen preis. So beschrieb er die Nobelpreisträgerin für Literatur, Herta Müller, als sehr sympathisch. Das Buch von Kathrin Schmidt, »Du stirbst nicht«, für das sie den Deutschen Buchpreis erhielt, sei ein bemerkenswertes Buch, die Autorin als Person hatte er jedoch in weniger guter Erinnerung.

Provinzromane bildeten einen weiteren Schwerpunkt seiner Vorstellungen. In »Grenzgang«, von Stephan Thome, einem aus Biedenkopf stammenden Autor, werde mikroskopisch eine Kleinstadtatmosphäre entwickelt. »Es ist zweifelsohne von einer literarischen Feder geschrieben«, urteilte Fink. Noch mehr Lob fand er indes für »Empörung« von Philipp Roth, einem Roman über die amerikanische Provinz. »Er hat ein ungeheures Gespür für die richtigen Schnitte und das richtige Tempo. Dabei kennt er die Provinzialität gut und zeigt zugleich, dass Schicksal global ist«, schwärmte der Buchliebhaber. Mit »Nur eine Rose als Stütze«, einem Gedicht aus dem Band »Sämtliche Gedichte« von Hilde Domin wechselte Fink in die Lyrik. Zur Erheiterung seines Publikums spielte er einen kurzen Ausschnitt einer erst kürzlich gefundenen Aufnahme von Robert Gernhardt aus dem Audiobuch »Fertig ist das Sackgedicht«.

Seinen Epilog ziert Fink mit einem kleinen Textauszug aus »Buchhandhabungen und andere gute Ratschläge« und beendete so seinen detaillierten und überaus gebildeten Ausflug in die Welt der Bücher. (Foto: sc)

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