10. August 2017, 19:38 Uhr

Herzliches Zusammentreffen

10. August 2017, 19:38 Uhr
Ehrenamtliche Helfer und Geflüchtete, die sich einst in der Gemeinschaftsunterkunft Röderheide kennengelernt haben, tauschen sich aus und bringen somit auch symbolisch die Betreuungszeit zum Abschluss. (Foto: pm)

Die Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete wurde geschlossen, aber die Freundschaften bleiben bestehen: Seit einigen Wochen wird die Gemeinschaftsunterkunft für geflüchtete Menschen in Odenhausen-Röderheide nicht mehr benötigt. Dieser Tage trafen sich diejenigen, die einmal dort gewohnt hatten, mit ehrenamtlich Tätigen, um sich auszutauschen und gemeinsam zu feiern, was in dieser Zeit erreicht werden konnte.

Im Herbst 2014 kamen die ersten Menschen nach Odenhausen in die Gemeinschaftsunterkunft (GU) auf der Röderheide. Sie kamen aus Syrien, Albanien und dem Kosovo. Und es trafen sich Freiwillige aus Odenhausen und Umgebung, die Unterstützung anbieten wollten. Dies begann mit einem Willkommen bei Kaffee, Tee und Kuchen und beidseitiger anfänglicher Unsicherheit, erinnert sich Heike Spohr im Namen des Helferkreises.

Die Gruppe der Ehrenamtlichen traf sich in der Folge regelmäßig, um Organisatorisches und Inhaltliches zu besprechen. Ihre Angebote für die Geflüchteten reichten von der Unterstützung mit Einkaufsfahrten, der Begleitung zu Ämtern und Ärzten bis hin zu sogar täglichem Deutschunterricht, je nach individuellen Zeitkapazitäten. Als die ersten Familien nach Albanien abgeschoben wurden, kamen weitere Geflüchtete aus Afghanistan, aus dem Irak und aus Algerien.

Die tiefen Ängste und Sorgen von Familienvätern um ihre Frauen und Kinder in der Heimat wurden für alle spürbar beklemmend präsent, ebenso die Ängste vor Abschiebung, berichtet Spohr. Aber es gab auch Spaß und Austausch, oft bei einem Glas Tee, zuweilen beim Kartenspiel, manchmal auf den langen Fluren einer Behörde.

Nun trafen sich Ehrenamtliche und Geflüchtete an der Lahn in Odenhausen, um bei Kaffee, Tee und Kuchen gemütlich zusammenzusitzen und sich auszutauschen über den Stand der Dinge, auch um die Phase, die in direktem Zusammenhang mit der Gemeinschaftsunterkunft stand, symbolisch zu einem Abschluss zu bringen.

Und alle sprechen Deutsch

Es war ein herzliches Zusammentreffen mit viel Spaß und vielen Gesprächen, heißt es im Bericht des Helferkreises. Während Ende 2014 noch alle auf Englisch und Übersetzungen angewiesen waren, um miteinander zu sprechen, wurde nun auf Deutsch geredet – und Sprache war kein Hindernis mehr. Auch sieben Kinder tobten und spielten ausgelassen – und beantworteten in fließendem Deutsch die Fragen, die auch an sie gestellt wurden.

Es hat sich viel verändert. Seit Eröffnung der GU sind mehr als zweieinhalb Jahre vergangen. Einige der geflüchteten Menschen sind zu Verwandten in andere Städte gezogen. Andere sind geblieben – in Salzböden, in Lollar, in Gießen, in Biebertal und in Leihgestern. Viele der Familienväter, die bereits Ende 2014 kamen, konnten ihre Familien nachholen. Die Kinder gehen hier in den Kindergarten und in die Schule. Viele Erwachsene haben einen Job gefunden: in einer Goldschmiede, im Metallbau, im Baugewerbe. Andere verfolgen ihre Berufsausbildung oder die Fortsetzung ihres bereits im Heimatland ausgeübten Berufes: Ein Kinderarzt ist auf dem Weg, auch hier seine Zulassung zu erlangen. Zwei Chemiestudenten haben ihre Deutschkenntnisse so weit vertieft, dass sie nun an einer Hochschule angenommen werden können. Einige sind glücklich in ihrem Job, andere unglücklich, weil sie etwa in einem Handwerk gelandet sind, obwohl sie vorher zum Beispiel Fotograf waren und viel am Computer gearbeitet haben. Manche erzählen von netten Kollegen, andere davon, wie sie von einigen am Arbeitsplatz gemobbt werden.

Ist damit für die Geflüchteten Normalität eingetreten? In mancher Hinsicht schon, aber in einigen Bereichen gibt es Fragen und Probleme, insbesondere bei der Wohnungssuche, berichtet Spohr. Und alle teilen das gemeinsame Leid, dass in ihrem Heimatland nach wie vor viele Menschen sterben und unter unmenschlichen Bedingungen leben müssen. »Diejenigen, die bis zu uns geflohen sind, werden noch lange den Schutz eines sicheren Lebens hier in Deutschland benötigen – und hoffentlich auch genießen können.«

Diejenigen, die sich zusammenfanden, um ehrenamtlich zu unterstützen, haben sich auch verändert. Sie haben viel gelernt in diesen zweieinhalb Jahren – vieles, was gemeinhin unter interkultureller Kompetenz zusammengefasst wird. Und sie haben ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, sein Heimatland verlassen zu müssen, um zu überleben. Es sind Freundschaften entstanden, die überdauern und die geprägt sind von Offenheit, Zugewandtheit und Herzlichkeit.

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