02. Juni 2017, 17:41 Uhr

Neu im Kino

Kinokritik zu "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Sascha Jouini

02. Juni 2017, 17:41 Uhr
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Aus der Redaktion

Unser Kinokritiker hat "In Zeiten des abnehmenden Lichts" gesehen. Hier seine Kritik

Zu den starken Momenten des Films zählt der Beginn: Regisseur Matti Geschonneck beleuchtet mit scharfer Beobachtungsgabe das unterkühlte Verhältnis zwischen Kurt (Sylvester Groth) und dessen Sohn Sascha (Alexander Fehling). Kurt hat kein Verständnis dafür, dass Sascha seine Doktorarbeit aufgibt und illegal in einer leerstehenden Ostberliner Wohnung lebt. Die familiäre Distanz reicht über Generationen. So findet Kurt ebenso wenig Zugang zu seinem Stiefvater Wilhelm (Bruno Ganz).

Nun steht indes der verpflichtende 90. Geburtstag des einstigen SED-Funktionärs an. Parteigenossen, Nachbarn und andere Weggefährten wollen ihm gratulieren – kurz vor der politischen Wende im Frühherbst 1989. Es soll eine bedrückende Feier werden, geht doch eine Ära zu Ende. Wilhelm macht keinen Hehl daraus, dass für ihn Abtrünnige wie Flüchtlinge Verräter sind. Nicht nur die DDR ist in Auflösung begriffen, vielmehr auch seine eigene Familie. Sascha hat sich in den Westen davongemacht, Kurt versucht dies zu verheimlichen. Der Anfangsechziger scheint zudem mit der Alkoholsucht seiner russischen Frau Irina (Evgenia Dodina) überfordert. Auch Wilhelms Ehe mit Charlotte (Hildegard Schmahl) ist an einem Tiefpunkt angelangt. Charlotte hätte lieber ein anderes Leben geführt, so hat sie sich nicht heimisch gefühlt, als sie 1952 mit ihrem Mann nach längerem Mexiko-Aufenthalt in die DDR zurückkehrte.

Über weite Strecken wirkt der Film recht anstrengend. Zum einen liegt dies an der steifen Atmosphäre auf der Feier. Zum anderen mutet die Familie befremdlich an in ihrem Unvermögen, menschliche Wärme zu zeigen. Immerhin liefert das auf dem gleichnamigen Roman (2011) von Eugen Ruge basierende Drehbuch Anhaltspunkte hierfür: Wilhelm ist im Zweiten Weltkrieg nur knapp dem Tod entronnen, prägende Schicksalsschläge erlitt auch Kurt während seiner Inhaftierung in sowjetischen Arbeitslagern. Gleichwohl verfolgt man die Geschichte emotional unbeteiligt, der nüchterne Stil vermag trotz guter schauspielerischer Leistungen kaum zu fesseln.

Überdies weckt der ästhetisch ausgefeilte Vorspann falsche Erwartungen. Zu sehen ist eine stimmungsvoll aufgenommene Herbstlandschaft; die kürzer werdenden Tage symbolisieren den politischen Umbruch. Im weiteren Verlauf indes bekommt man es mit einem ebenso konventionell wie spröde inszenierten Kammerspiel zu tun. Man merkt, dass sich Geschonneck vorwiegend Fernsehfilmen widmet – die visuellen Möglichkeiten, die das Kino bietet, schöpft er kaum aus. Gewünscht hätte man sich mehr Experimentierfreude etwa in den Kameraperspektiven oder szenischen Kontrasten. So hinterlässt der Film einen mittelmäßigen Gesamteindruck, kann als Porträt einer in die Sackgasse geratenen autoritären Gesellschaft nur ansatzweise überzeugen. Sascha Jouini



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