14. Oktober 2017, 21:00 Uhr

Belastete Faser

Kommt bald die Abwrackprämie für Asbest?

In den 60er- und 70er-Jahren wurden im Landkreis rund 21 000 Gebäude hochgezogen. Die IG BAU fürchtet, dass viele noch mit Asbest belastet sind und fordert Konsequenzen.
14. Oktober 2017, 21:00 Uhr
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Aus der Redaktion
Als Welldach ist Asbest sofort erkennbar. Oft versteckt es sich aber in Fugen oder unter Böden. (Foto: IG BAU/pm)

Es steckt in Böden, Dächern, Wänden und ist im Landkreis Gießen auch nach Jahrzehnten noch eine Gefahr: Asbest. Das sagt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Sie will das Material möglichst rasch aus dem Verkehr ziehen und fordert hierfür mehr staatliche Förderung. »Wir brauchen eine Sanierungs- und Abwrackprämie für Asbest«, erklärt Bezirkschefin Doris Hammes.

Zwar sei der Bau mit Asbestfaser seit 1993 verboten. Risiken berge allerdings der heimische Altbaubestand. »Hausbesitzer schrecken bislang oft vor den hohen Kosten der Entsorgung zurück. Damit bleibt das Problem auch 30 Jahre nach dem Asbest-Boom aktuell«, sagt Hammes.

Material steckt auch unter Fliesen

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes entstanden im Landkreis Gießen allein zwischen 1960 und 1979 – in der Hochphase der Asbest-Zeit – rund 21 000 Wohngebäude. »Ein Großteil davon dürfte immer noch mit dem Baustoff belastet sein«, schätzt die Gewerkschafterin.

Die Spätfolgen seien bis heute spürbar: »Das Einatmen von Asbeststaub kann zu Asbestose, Lungen- oder Kehlkopfkrebs führen.« Laut Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) erkranken im Zusammenhang mit Asbest jedes Jahr fast 4000 Menschen.

Hausbesitzer schrecken bislang oft vor den hohen Kosten der Entsorgung zurück

Doris Hammes

Das Material findet sich dabei nicht nur unter Linoleum-Böden und auf dem Schuppendach, sondern etwa auch unter älteren Fliesen, in Nachtspeicheröfen oder im Wandputz. »Wer sich für eine Sanierung entscheidet, kann zwar Fördermittel bei der KfW-Bank bekommen.

Doch auf der teuren Asbest-Entsorgung bleibt der Hausbesitzer meist sitzen. Hier können schnell ein paar Tausend Euro zusammenkommen.« Die Folge: Das Material bleibe oft an der alten Stelle im Haus. Wenn saniert werde, lande es manchmal sogar im Hausmüll.

Entsorgungskosten erstatten


Bezirkschefin Hammes meint: »Mit einer Abwrackprämie kann die Politik einen direkten Beitrag für mehr Gesundheitsschutz leisten. Davon würden im Landkreis Hausbesitzer, Mieter und Bauarbeiter gleichermaßen profitieren.«

Denkbar sei ein eigenes KfW-Förderprogramm für Asbest. Per Zuschuss könnte Hauseigentümern somit ein Großteil der Entsorgungskosten erstattet werden, schlägt die Gewerkschafterin vor.

Asbest

Darum ist das Material gefährlich

Werden die Fasern eingeatmet, können sie sich in der Lunge festsetzen. Spätfolgen aus dem ungeschützten Umgang mit Asbest sind häufig Krebserkrankungen. »Der fahrlässige Umgang mit Asbest kann nicht nur gravierende gesundheitliche Folgen haben, sondern auch eine strafrechtliche Verfolgung wegen eines Umweltvergehens nach sich ziehen«, erklärt Andrea Grimm von der Verbraucherzentrale Hamburg. »Fest gebundene Fasern wie im Asbestzement, der für Dächer und Wände verwendet wurde, sind unbedenklich – zumindest, solange sie nicht beschädigt werden«, sagt Torsten Mußdorf vom Norddeutschen Asbest- und Gefahrstoffsanierungsverband. »Neben dem fest gebundenen Asbest können sich auch noch verschiedene schwach gebundene Werkstoffe im Haus befinden. Die sind gefährlicher als der fest gebundene, weil sie dazu neigen, im Alterungsprozess Fasern abzugeben.« (dpa)



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