20. September 2017, 19:28 Uhr

Konflikte humoristisch beschrieben

20. September 2017, 19:28 Uhr
Rogge

Einen solchen Zuspruch hatte Silke Arbeiter-Löffert vom Grünberger Familienzentrum zum Vortrag über das Thema »Was Kinder und Jugendliche heute brauchen« mit Dr. Jan-Uwe Rogge wohl nicht erwartet. Dies drückte sie in ihren Begrüßungsworten vor einem vollen Haus in der Gallushalle aus. Gekommen waren hauptsächlich Mütter, aber auch einige Väter hatten den Weg zu dieser Veranstaltung gefunden.

Rogge, 1947 in Stade geboren, studierte in Tübingen Germanistik, Politische Wissenschaften und Kulturwissenschaften, promovierte zum Thema Kindermedien und war von 1976 bis 1985 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Ludwig-Uhland-Institut für empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen. Er leitete mehrere Forschungsprojekte zu den Themen Familie, Kindheit und Medien und bildete sich zum Familien- und Kommunikationsberater weiter. Er gibt seit 1985 sein Wissen in Seminaren und Vorträgen im In- und Ausland an Familien, Eltern und Pädagogen weiter. Rogge lebt mit seiner Frau Regine und seinem Sohn in Bargteheide.

Die Themen seiner Bücher – einige fanden sich auf dem Bücherstand der Buchhandlung Reinhard im Foyer der Gallushalle wieder – umfassen Familienberatung und -bildung, Kinderbegleitung, Kinder und Eltern stärken, Ängste von Kindern sowie die Phasen der kindlichen Entwicklung: Baby, Trotz, Schulalter bis hin zur Pubertät. Für ihn sind Kinder einfach das Liebste, Tollste und Wichtigste, das wir haben. Doch die Konversation mit ihnen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, ist oft schwierig. Schließlich wollen Eltern den Kindern doch nur beibringen, was das Leben bedeutet. Doch das ist nicht einfach, und Eltern stoßen oft an ihre Grenzen.

Hier plädierte Rogge in der Gallushalle für mehr Gelassenheit bei den Eltern. Wenn man Kinder danach fragt, was sie von ihren Eltern oder Bezugspersonen erwarten, werden vier Wünsche genannt: »Nehmt uns so an, wie wir sind, vergleicht uns nicht immer, lasst uns Zeit für unsere Entwicklung und beobachtet und bewertet uns nicht immer.« Daraus resultieren für Rogge drei Grundhaltungen: Erziehung ist Beziehung, Erziehung ist nicht Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst, und Erziehung vollzieht sich in der Spannung von halten und loslassen.

Mehr Einfühlungsvermögen

Wer einen ernsten Vortrag zur kindlichen Problematik erwartet hatte, wurde von Anfang an mit einer großen Anzahl von konflikttragendenen Situationsbeschreibungen, hauptsächlich zwischen Müttern und ihren Kindern, konfrontiert. Diese stellten zwar auch das kabarettistisch humoristische Darstellungsvermögen Rogges unter Beweis, womit er so manchen Lacher bei der Zuhörerschaft herauskitzelte, doch wurden damit wenig konkrete Informationen zu Erziehungsmaßnahmen vermittelt. Gewiss ist Rogge ein guter Beobachter und Analyst, er kann Situationen in ihrer Entwicklung gut einschätzen und die Folgen voraussehen, doch kann es bei der kindlichen Erziehung wohl nicht wie in einem Kasperletheater zugehen: machst du das, dann mach ich das.

Nachdenkliches und Essenzielles kam erst zum Ende seines eineinhalbstündigen Vortrags zutage. Zum Beispiel dann, wenn eine Mutter in der Öffentlichkeit nicht mehr mit ihrem Kind klarkommt und vorbeikommende Passanten darüber den Kopf schütteln. Dann sollte man diese, meinte Rogge, mit der Bemerkung ansprechen: »Sie sehen so klug aus, Sie können mir bestimmt helfen.«

Eltern sollten zwei Haltungen bewahren: Dankbarkeit und Demut, dass man ein Kind hat; Kinder seien Geschenke, von denen man etwas lernen könne. Unumstritten ist Rogge nicht, wird immer wieder kritisiert, unter anderem von Sabine Jahn, die in einer Dissertation schreibt, Rogge entlaste in seinen Büchern Erziehungsmaßnahmen moralisch und schreibe die Schuld an Erziehungsproblemen einseitig den Kindern zu, er erkläre die Erziehungssituation nicht im Beziehungskontext und analysiere sie nur im Hinblick auf sein pädagogisches Konzept. Die Interaktionen der Eltern und Kinder in den Beispielen dienten nur dazu, die Leser emotional zu beeinflussen.

Rogge bilanzierte allerdings in seinem Vortrag aus den von ihm geschilderten Fällen, dass sich manche Situation durch Fehleinschätzungen und Fehlverhalten der Eltern potenziert und viel mehr Einfühlungsvermögen in die kindliche und jugendliche Psyche erforderlich ist, um Konflikte rechtzeitig zu minimieren und in geordnete Bahnen zu lenken. Nach der Pause beantwortete Rogge Fragen von Eltern, die diese auf Zetteln formulieren konnten, und gab entsprechende Tipps. (Fioto: dis)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Eberhard-Karls-Universität Tübingen
  • Eltern
  • Kulturwissenschaften
  • Vorträge
  • Grünberg
  • der Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 43 - 10: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.