Kreis Gießen

Laienrichterin aus Hungen erzählt über den Alltag vor Gericht

Seit fünf Jahren ist Elisabeth Weißler-Mahlke aus Hungen Schöffin am Amtsgericht - ohne juristische Ausbildung, aber gleichberechtigt mit Berufsrichtern. Jede Verhandlung ist für sie eine Überraschung.
23. Dezember 2018, 18:00 Uhr
Jonas Wissner
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Dienstlich ist sie zum letzten Mal hier: Nach fünf Jahren und gut 20 Verhandlungen endet für Elisabeth Weißler-Mahlke aus Hungen die Amtszeit als Schöffin, also ehrenamtliche Laienrichterin, am Gießener Amtsgericht. (Foto: jwr)

Leicht gehetzt eilt Elisabeth Weißler-Mahlke die breite Treppe im Amtsgericht hinauf. »Wenn ich zu spät komme, kann das ja nicht starten, deshalb bin ich immer ein bisschen aufgeregt.« Doch sie ist pünktlich, alles entspannt. Es ist 9.25 Uhr, fünf Minuten bis Verhandlungsbeginn.

Die 68-Jährige wirft einen Blick auf den Aushang am Saal, liest die Namen des Richters, des Staatsanwalts und der Verteidiger, lässt sich überraschen. Weißler-Mahlke ist an vier bis fünf Tagen im Jahr eine entscheidende Person im Gericht.

Während die Juristen die Prozessakten kennen sollten, hat die Schöffin vorher aber keine Informationen, kennt nur den Termin. Wer angeklagt ist, um welchen Sachverhalt es geht, erfährt sie erst vor Ort. Das ist so gewollt. Schöffen sollen unvoreingenommen sein. Den Stand der Rechtsprechung zu kennen, sei Sache der Fachleute, der Berufsrichter, findet die Hungenerin.

Ich brauche nichts außer meinem Menschenverstand und Lebenserfahrung

Elisabeth Weißler-Mahlke, Schöffin

Ihr Ehrenamt birgt viel Verantwortung. Dass sie das nicht als Bürde wahrnehme, hänge auch mit der besonderen Perspektive als Laienrichterin zusammen: »Ich brauche nichts außer meinem Menschenverstand und Lebenserfahrung, das finde ich sehr entlastend. Es geht auch darum, wie glaubwürdig wir Zeugen oder Angeklagte finden, um das Bauchgefühl.« Tippelt ein Zeuge nervös mit den Fingern? Klingen seine Worte schlüssig? All das kann eine Rolle spielen.

Formal sind Laien- und Berufsrichter bei der Urteilsfindung gleichberechtigt. Theoretisch könnten zwei Schöffen einen studierten Juristen überstimmen. Sie habe das aber noch nicht erlebt, sagt Weißler-Mahlke.

Wie läuft die Urteilsfindung im Hinterzimmer ab? »Es gibt ein Gespräch, eine Art Stimmungsbild.« Obwohl im Beratungszimmer bei Schöffenprozessen juristische Laien neben einem Profi sitzen, habe sie das stets als Beratung auf Augenhöhe erlebt. »Die Richter sind vom Typ her verschieden, aber es herrscht eigentlich immer die Stimmung vor: ›Wir müssen dieses Ding jetzt gemeinsam schaukeln!‹«.

 

Anders als im Fernsehen

Diesmal ist ein Diebstahl in größerem Stil angeklagt. Zwei Männer sollen Smartphones und Laptops im Wert von mehr als 40 000 Euro gestohlen haben. Als ein paar Zuschauer und Prozessbeteiligte schon Platz genommen haben, tritt Richter Jürgen Seichter ans Pult. »Das Verfahren wird vor Aufrufen der Sache abgesetzt, einer der Angeklagten ist erkrankt«, sagt Seichter, »das ist der Unterschied zu den Fernseh-Auftritten – da kommen die Leute immer«.

Damit ist der Arbeitstag für die Laienrichterin vorbei, bevor er begonnen hat. Das kommt ab und an vor.

»Schöffen stellen manchmal Fragen, an die ich noch nicht gedacht habe«, äußert sich Seichter im Gespräch. Weniger bei der rechtlichen Bewertung, sondern vor allem bei der Beweiswürdigung oder der Entscheidung über eine mögliche Bewährung sei ihre Einschätzung sehr wichtig.

 

Berufsrichter als "Stichwortgeber"

Er arbeite gern mit Schöffen zusammen, sagt der erfahrene Berufsrichter. Bei der Beratung sollen sich die beiden Laien zuerst äußern. »Ich versuche immer, die Schöffen zum Reden zu bringen.« Als Vorsitzender Richter sei er im Gespräch »eine Art Stichwortgeber, ich lege Pro und Contra dar«. In aller Regel stimme die Einschätzung aber überein.

Vor ihrem ersten Einsatz vor Gericht sei sie aufgeregt gewesen, blickt Weißler-Mahlke zurück. Inzwischen ist das anders. »Wenn ich mein Auto abgestellt habe und weiß, ich bin pünktlich, dann ist der Rest Routine.« Ermüdend sei es aber nie, zumal jeder Fall anders ist. »Oft geht es um Rauschgift, Gaunereien, Kleinkriminalität«, und doch sei natürlich jeder Fall anders.

Bis vor wenigen Jahren war Weißler-Mahlke Grundschullehrerin. Wäre eine juristische Laufbahn für die Laienrichterin auch eine Option gewesen? »Auf gar keinen Fall«, entgegnet sie. »Wenn es um die Paragrafen geht, dann blättert der Richter in seinem dicken Buch – die Bibel ist nichts dagegen.« Das sei eigentlich nicht ihre Welt.

Trotzdem scheint sie froh über die Erfahrungen vor Gericht – und macht sich Gedanken darüber, wie Straftätern der Weg aus der Kriminalität heraus erleichtert werden könnte. Ihr Ansatz: »Es wäre wichtig, straffällig Gewordene mehr zu betreuen, nicht nur zu bestrafen«, etwa durch Therapien.

 

Neues Personal zum Jahreswechsel

Weißler-Mahlke bringt die leere Kaffeetasse weg, steckt noch etwas Trinkgeld in die Kasse an der Theke im Bistro. »Ich bin heute zum letzten Mal hier«, sagt sie zur Betreiberin und verabschiedet sich. Ihre Amtszeit ist nach fünf Jahren vorbei. Zum Jahreswechsel übernehmen am Amtsgericht andere Laienrichter.

»Wenn ich vorher mitkriege, worum es geht, komme ich gern wieder vor Gericht«, sagt sie abschließend. Doch anders als bisher, werden ihr die Zeugen dann den Rücken zuwenden. So wie allen anderen Zuschauern auch.

Info

Richter ohne Robe

Durch die Mitwirkung von Schöffen, also Laienrichtern, an Urteilen soll die demokratische Teilhabe des Volkes an der Rechtsprechung gewährleistet werden. Nicht als Schöffen berufen werden sollen Menschen unter 25 und über 70 Jahren. Wer zu einer Freiheitsstrafe von mehr als sechs Monaten verurteilt wurde, darf das Schöffenamt nicht ausüben. Über die Berufung entscheiden Wahlausschüsse. Am Amtsgericht Gießen, zuständig für den Landkreis, sind 50 Männer und Frauen als Schöffen tätig, noch einmal so viele als Jugendschöffen. (jwr)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Laienrichterin-aus-Hungen-erzaehlt-ueber-den-Alltag-vor-Gericht;art457,532336

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