19. Juni 2019, 05:00 Uhr

Leben gerettet

Lebensretterin in der Apotheke

Wegen stechender Schmerzen in der Brust sucht Matthias Czarski an einem Freitag-nachmittag eine Apotheke in Linden auf. Eigentlich will er nur Schmerzmittel kaufen. Eine Mitarbeiterin aber nimmt ihn zur Seite, vermutet einen Herzinfarkt, ruft einen Notarzt - und rettet dem 53-Jährigen so das Leben.
19. Juni 2019, 05:00 Uhr
»Das Gerät zum Messen des Blutdrucks hat Pumpgeräusche von sich gegeben, so etwas habe ich noch nie gehört«, sagt Ines Schaffer (r.). Sie erkennt dass Matthias Czarski (l.) einen Herzinfarkt erlitten hat. (Foto: srs)

Schmerzen bohren sich durch Matthias Czarskis Brustkorb. Er ächzt, er stöhnt. Der Lindener ringt mit dem Tod - und merkt es nicht. »Ich dachte, ich hätte mich verhoben«, erinnert er sich heute an diesen Tag. Vier Wochen ist es her, als er in die Apotheke geht, um Schmerzmittel gegen das Stechen in der Brust zu kaufen. Doch er trifft auf seine Lebensretterin.

In der Nacht zuvor bereits kann Czarski vor Schmerzen kaum schlafen. Er hat am Tag zuvor bei einem Umzug geholfen. Beim Möbelpacken kann es schon passieren, denkt er, dass man sich eine Muskelverspannung holt. Maximal sei es eine Zerrung. Czarski ist kein Typ, der bei Beschwerden schnell zum Arzt geht. Dass in diesem Moment sein Leben auf dem Spiel steht, dass er gerade einen schweren Herzinfarkt erlitten hat - auf diesen Gedanken kommt er nicht.

Kurz bevor die Läden schließen, bricht der Leihgesterner dann doch noch auf, um etwas gegen die Schmerzen zu unternehmen. Es ist Freitag, 17 Uhr. Er quält sich in seinen grünen Rover und fährt zur Goethe-Apotheke in Großen-Linden. Was wäre geschehen, wenn er sich an eine andere Kasse gestellt hätte, fragt man sich heute. Würde er heute noch leben? Ist es Glück, dass er am Ende vor Ines Schaffer steht? Ist es Schicksal?

Als Czarski vor ihr steht, hat Schaffer einen langen Tag hinter sich. Der Feierabend und das Wochenende stehen vor der Tür. Als der Kunde erklärt, er habe eine Zerrung im Brustbereich und außerdem Schmerzen im Arm, stutzt sie. Außerdem ist er schweißgebadet. »Das war mir nicht geheuer«, erzählt sie heute.

Die pharmazeutisch-technische Assistentin arbeitet seit 23 Jahren in Apotheken in Linden. Sie weist Czarski zunächst auf eine Telefonnummer für ärztliche Notfälle hin. Dann misst sie seinen Blutdruck. »Sicherheitshalber«, sagt sie. Sie führt ihn zu einem kleinen Tisch in der Apotheke - und misst außergewöhnlich hohe Werte: 210 zu 128. »Das Gerät hat Pumpgeräusche von sich gegeben, so etwas habe ich noch nie gehört«, erzählt die 50 Jahre alte Frau rückblickend.

Sie fragt Czarski gleich darauf, ob er zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Apotheke gekommen und ob er vielleicht deshalb so aus der Puste sei. »Nein, mit dem Auto«, antwortet er. Czarski wollte eigentlich gleich weiter, zur Freundin nach Wiesbaden. Kurz die Schmerzmittel schlucken, dann auf die Autobahn. Nun macht der gemessene Blutdruckwert auch ihm Sorgen.

Schaffer könnte ihm einfach nur raten, einen Arzt aufzusuchen oder ins Krankenhaus zu fahren. Sie könnte sich um den nächsten Kunden kümmern. Doch sie zeigt Zivilcourage. »Wir haben als Apotheker auch Verantwortung«, sagt sie.

Sie lässt Czarski nicht aus dem Geschäft gehen. Sie besteht darauf, dass er sitzen bleibt. Sie bespricht sich für einen Moment mit Kollegen, dann ruft sie den Notarzt. Czarski wird ins Evangelische Krankenhaus eingeliefert. Noch am selben Abend wird er dort operiert, ihm wird ein Stent gesetzt. Später sagt ihm der Oberarzt: »Wenn die Frau in der Apotheke nicht gewesen wäre, hätten Sie es wohl nicht überlebt.«

Drei Wochen nach dem Infarkt: Der Lindener sitzt in seinem knapp zehn Quadratmeter großen Zimmer auf der Couch. Im Radio läuft Kim Wilde, »You Keep Me Hanging On«. Eine Rose steht in einer kleinen Vase. »Ein Geschenk meiner Freundin«, sagt er.

Der Lindener breitet fünf Schachteln Medikamete auf dem Tisch aus, die er nun einnehmen muss. In einer Schale daneben liegt allerdings auch ein grünes Feuerzeug. »Ich rauche acht Zigaretten am Tag. Vor dem Infarkt war es eine Schachtel.« In der Reha wolle er das Rauchen ganz aufgeben.

Der gelernte Einzelhandelskaufmann hat jahrelang als Postbote in Gießen gearbeitet. Bis zu 200 Pakete hat er täglich ausgeliefert. Nun muss er sich nach einem neuen Job umschauen. Ihm sei gerade gekündigt worden, sagt er. Er könne die Arbeit nicht mehr ausüben, hält er fest. »Ich darf nach dem Herzinfarkt nicht schwer heben.« Vor allem sucht er derzeit Ruhe zu Hause. »Mein Vermieter hat kürzlich gemeint, dass er mich gar nicht mehr hört.«

Am Montag war er wieder in der Apotheke. Um sich zu bedanken. Eine pinkfarbene Orchidee hat er Ines Schaffer übergeben. Ihr verdanke er seinen zweiten Geburtstag, sagt er. Dass er dem Tod so knapp entgangen sei, habe er aber noch immer nicht völlig realisiert.

In der Apotheke erinnert sich unterdessen die pharmazeutisch-technische Assistentin an den Tag, als sie ein Leben rettete. Einen solchen Fall habe sie noch nicht erlebt. »Die ›Gummiknie‹ kamen später«, erzählt sie. »Als der Notarzt mit Herrn Czarski im Krankenwagen davongebraust ist.« Gleichzeitig habe sie in diesem Moment allerdings auch gewusst: »Alles richtig gemacht.«

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