15. November 2019, 10:00 Uhr

Seit dem 18. Jahrhundert

Mainzlarer Gasthof trotzt dem Wirtshaussterben

In etlichen Dörfern stirbt die Gastronomie aus. Ein Gegenbeispiel ist der Gasthof »Zum Schwanen« in Mainzlar. Seit vielen Generationen ist er in Familienbesitz, wie nun eine Ausstellung zeigt.
15. November 2019, 10:00 Uhr
Antje Vogel (l.), Wirtin des Mainzlarer Landgasthofs »Zum Schwanen«, und ihre Tante Birgit Kessler-Vogel blicken auf eine lange Familientradition als Wirtsleute zurück, die nun mit einer Ausstellung gewürdigt wird. (Fotos: jwr)

Der Jubilar selbst kann nicht mehr mitfeiern. Walter Vogel ist vor rund 30 Jahren gestorben, am Mittwoch wäre er 100 Jahre alt geworden. Das hat seine Familie zum Anlass genommen, mit einer kleinen Ausstellung zurückzublicken - auf Walter Vogel, den langjährigen Inhaber der Gaststätte »Zum Schwanen« in Mainzlar, aber auch auf eine Familientradition in mindestens zehnter Generation, die weit über ihn hinausreicht. Und bis heute gegen den Trend anhält.

Zur Eröffnung der kleinen Ausstellung ist auch Bürgermeister Peter Gefeller gekommen und hat Kopien alter Urkunden aus dem Stadtarchiv mitgebracht. »Es ist urig hier, so soll es auch sein«, sagt er und gratuliert zu der außergewöhnlich langen Wirtshaus-Geschichte, die mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht. Von so viel Kontinuität in der lokalen Gastronomie können viele seiner Kollegen nur träumen.

Einige ältere Männer und Frauen aus dem Dorf drängen sich interessiert um die Stellwände mit Texten und Fotos, die die Geschichte des Landgasthofs in einem Nebenraum dokumentieren. Hier ist unter anderem zu erfahren, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs 60 Reichsmark in der Kasse waren und dass ein belegtes Brötchen auf der Kirmes 1951 noch 25 Pfennige kostete.

Auch Birgit Kessler-Vogel ist dabei. Viele der Gäste im Seniorenalter kannte sie früher, doch sie erkennt sie heute längst nicht mehr alle: Die Tochter von Walter Vogel ist mit der Gaststätte und der damals angegliederten Landwirtschaft aufgewachsen. Auf einem der Fotos steht sie mit ihrem Vater als kleines Mädchen hinterm Zapfhahn. Ein paar Jahre später hat sie selbstverständlich mitgearbeitet, »ich habe das gern gemacht«. Doch statt der Wirtschaftskarriere schlug sie einen anderen Weg ein, ging - damals ungewöhnlich - als Mädchen vom Dorf aufs Gymnasium. Ihr Bruder übernahm schließlich die Gaststätte. Sie ist Lehrerin geworden, hat bis zur Pensionierung eine Grundschule in Nordhessen geleitet. Nun haben sie und ihr Mann in Archiven gewühlt und sich auf die Spuren des Familienbetriebs begeben.

Früher, berichtet ihr Ehemann Gerhard Kessler, habe die Gastwirtschaft »Zum Schwanen« an der Straße »durch die langen Hessen« gelegen, einer wichtigen Route zwischen den Messestädten Frankfurt und Leipzig. Das habe den Wirtsleuten laufend neue Gäste eingebracht, die hier noch bis ins 20. Jahrhundert auf der Durchreise Station machten. Bezahlt worden sei häufig mit Mist, damals als Dünger für die Landwirtschaft sehr begehrt. Aus dieser Zeit stamme auch der Name »Bauersch«, unter dem die Wirtschaft in Mainzlar bis heute bekannt ist. Neben dem »Schwanen«, sagt Kessler, habe es in der Nachbarschaft noch einige weitere »Ausspannwirtschaften« gegeben. Die jeweiligen Inhaber lassen sich bis ins frühe 18. Jahrhundert nachvollziehen, der Name Vogel taucht erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts auf. »Es war ein hartes Leben, das meine Eltern hatten«, berichtet Birgit Kessler-Vogel. »Wenn nachts um 1 Uhr noch jemand kam, dann wurde natürlich noch gezapft.« Und früh morgens riefen dann wieder die täglichen Pflichten der Landwirtschaft.

Inzwischen leitet übrigens doch eine Frau die Geschicke des »Schwanen«: Seit fast 20 Jahren führt Antje Vogel mit ihrer Familie die Gastwirtschaft. »Eigentlich wollte ich Tierärztin werden«, erzählt sie, aber nach dem Abi entschied sie sich dann doch für die Hotelfachschule, arbeitete andernorts in der Gastronomie und übernahm schließlich die Wirtschaft von ihren Eltern. Worauf kommt es an, um heutzutage erfolgreich eine Gastwirtschaft in einem kleinen Ort wie Mainzlar zu betreiben? »Man muss breit aufgefächert sein«, sagt sie, »nur Stammtische und Essen, das reicht nicht, man braucht auch Familienfeiern«. Ohne Hilfe von Familie und Freunden gehe es natürlich nicht. Unterm Strich macht die Inhaberin diesen Job gern: »Ich bin gesegnet, dass ich etwas mache, was mir Spaß macht.«

An den Tischen im urigen Gastraum, den ein kleiner Ofen erwärmt, lassen sich die Gäste Kaffee und Kuchen schmecken. Was schätzen sie an diesem Lokal? »Alle sind freundlich, man wird gut bedient«, sagt eine Frau. Hier kennt man sich noch. Ihre Nachbarin pflichtet ihr bei: »Das gibt es längst nicht mehr in jedem Dorf.«

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