01. November 2019, 22:22 Uhr

Mit Leuchtfeuern Orientierung geben

01. November 2019, 22:22 Uhr

502 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg steht die evangelische Kirche vor großen Herausforderungen. Im Vertrauen auf den festen Grund, den sie mit der Botschaft Jesu Christi habe, könne sie diese Herausforderungen jedoch bewältigen, versicherte der ehemalige Dekan des Dekanats Kirchberg Rolf Klingmann in seiner Predigt im zentralen Gottesdienst des Dekanats Kirchberg zum Reformationsfest am Donnerstag.

»Der Glaube - Leuchtturm oder Fata Morgana?« Diese Frage stand über der Ansprache des ehemaligen Anneröder Pfarrers in der Kirche auf dem Kirchberg bei Lollar. »Beim Autofahren helfen Google Maps und GPS«, aber angesichts von Kriegen, Hass und Hetze im Internet sowie gesellschaftlichen und politischen Verschiebungen werde die Suche nach Orientierung immer schwieriger, sagte Klingmann. Christlicher Glaube, der sich in der Zugehörigkeit zu einer Konfession äußere, verliere dabei zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Menschen kehrten den Kirchen den Rücken und erklärten den Glauben damit gewissermaßen zur »Fata Morgana«. 2060, so eine aktuelle Einschätzung, werde sich die Zahl der Mitglieder in der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) halbiert haben. Die Ankündigung, in der Landeskirche seien bis 2030 Einsparungen in Höhe von rund 100 Millionen Euro notwendig, stelle die Kirche vor die Frage: »Wie halten wir den Kern unseres Handelns aufrecht? Wie kann unter diesen Bedingungen Verkündigung und Nähe zu den Menschen weiter gewährleistet werden?«

Zukunftsbild der Kirche

Auch die Gemeinden im Dekanat müssten sich überlegen, welche Aufgaben sie in Zukunft leisten könnten und wovon sie sich trennen müssten. »Eine Kirche mit Leuchtturmcharakter« werde vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen »mehr und mehr zur Fata Morgana«, warnte der ehemalige Dekan. Ihr Angebot verkomme zu »eingeübten Bewegungen heißer Luft.« Der statische Leuchtturm tauge nicht als Zukunftsbild für eine sich wandelnde Kirche, sagte Klingmann zur Gemeinde in den gut besetzten Kirchenbänken. Das Licht von tausend Kerzen, die Wärme und Ausstrahlung von vielen Leuchtfeuern entsprächen der Strahlkraft des Glaubens an Jesus Christus viel eher. Jesus Christus habe nicht nur die Menschen mit Liebe angesteckt, er begleite sie auch in Zeiten von Unsicherheit und Erschöpfung. »Selbstbewusst und nicht geduckt« könnte deshalb auch eine kleiner werdende Kirche weiter wirken und Orientierung geben.

Leuchtfeuer sieht Klingmann in der Region bereits viele. Dazu zählte er auch die Kirchenmusik, die mit dem Dekanatschor Collegium vocale Kirchberg im Gottesdienst vertreten war. Die Sänger unter der Leitung von Dekanatskantorin Daniela Werner trugen mehrere Stücke aus dem Pop- und Gospeloratorium »Jesaja« (Solo: Noah Bergmann-Franke) zum Gottesdienst bei.

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