20. Juli 2012, 11:28 Uhr

Mit der »Rolling Clinic« in die Berge Mindanaos

Wettenberg/Gießen (no). Es war eine herausfordernde, physisch wie psychisch anstrengende Arbeit am Äquator in Südostasien: Dr. Helmut Schmidt aus Krofdorf-Gleiberg, bis 2011 gut 33 Jahre niedergelassener Kinderarzt mit Praxis am Oswaldsgarten in Gießen, absolvierte unlängst zum zweiten Mal einen Auslandseinsatz bei den Ärzten für die Dritte Welt / German Doctors.
20. Juli 2012, 11:28 Uhr

Nach der Abordnung vor rund 15 Jahren in eine Müllbergsiedlung bei Manila, arbeitete der 67-Jährige nun für vier Wochen in einer Armenklinik in Cagayan de Oro, der pulsierenden Hauptstadt von Mindanao, war darüber hinaus knapp zwei Wochen als Mediziner in einem vierköpfigen »Rolling Clinic«-Team im Bergland des zweitgrößten philippinischen Eilandes im Süden des Inselstaates unterwegs, behandelte Erwachsene wie Kinder.

Auf Mindanao ist die NGO Ärzte für die Dritte Welt seit 1985 tätig, hat ein soziales und medizinisches Netz aufgebaut. In drei Kliniken sind stets neun Ärzte im Einsatz; zudem touren vier »Rolling Clinic«-Teams zu den schwer zugänglichen Dörfern der Provinzen Misamis Oriental und Bukidnon. 2,6 Millionen Menschen leben dort, davon weit über 40 Prozent unterhalb der Armutsgrenze. Sie arbeiten als Tagelöhner auf den Zuckerrohrfeldern für einen Euro am Tag oder haben ein eigenes kleines Feld, das sie aber kaum ernährt. Die Menschen, denen die German Doctors in den Bergen begegnen, sind so mittellos, dass für sie eine Impfung gegen Kinderlähmung oder Tetanus, eine Tuberkulose-Behandlung oder die Versorgung der Kinder mit ausreichender Nahrung und Vitaminen völlig unbezahlbar sind. Und überhaupt leben sie vielfach in Gebieten ohne ärztliche Versorgung (des Staates).

Ein Auslandseinsatz dieser Art setzt ungemein viel Empathie voraus; die stets quälende Frage nach der Sinnhaftigkeit im Gesamtkontext muss man unterdrücken, um nicht zu verzagen. »Jeder Mensch zählt!« Die Eigenleistung eines Arztes: Wissen, Erfahrung, Zeit und 50 Prozent der Flugkosten; Unterkunft und Verpflegung trägt das Projekt.

Anfangs das Klima unterschätzt

Erster Einsatzort war in Cagayan eines der drei Armenkrankenhäuser. Tätig sind dort fünf philippinische Ärzte, ein deutscher »Langzeitarzt«, jeweils ein Gastarzt auf Zeit plus etliche Helfer. Die Rahmenbedingungen: 60 Betten, zudem eine offene Ambulanz mit bis zu 350 Patienten pro Tag. Krankheitsbilder bei Erwachsenen wie Kindern: Tuberkulose, Diabetes, Hypertonus, Pneunomie (Lungenentzündung), Durchfall, Hautkrankheiten, Parasiten und Würmer, zudem extreme Mangel- und Fehlernährung. Zu erledigen sind zudem Schwangerschaftsvorsorge und Impfungen. Im Krankenhaus der NGO ist, wie Schmidt nach der Rückkehr erzählte, eine Apotheke; die Patienten der German Doctors bekommen dort ihre Medizin kostenfrei. Zum staatlichen Gesundheitssystem hätten nur etwa 50 Prozent der Philippinos Zugang – »und es kostet Geld«.

Wer stationär aufgenommen werden muss, hat einen »Watcher« mitzubringen; meist ist das ein Angehöriger, der sich um die Nahrung, das Bettenmachen und um Pflege des Patienten kümmert. Diese »Watcher« leben mit den acht bis zehn Patienten pro Zimmer. Bedingung einer Aufnahme ist auch die Bedürftigkeit, die von den Gesundheitsmitarbeitern draußen im Land per Überweisung attestiert werden muss.

Vor allem die ersten Tage waren schwer, räumte der Krofdorf-Gleiberger Mediziner hernach ein. »Es war fast wie ein Schock!« Er habe das Klima unterschätzt, sei geradezu erschöpft und ausgepumpt gewesen damals im Mai – bei tagsüber 38 Grad Celsius, nachts 35 und bei einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von 110 Prozent. Dazu der unentwegte Lärm in der Stadt, auch am einfach eingerichteten Ärztehaus in Klinksnähe: Karaoke-Gesang nachts um 3 Uhr in der Nachbarschaft, bellende Hunde, laute Menschen, knatternde Mopeds.

Über eine Hängebrücke in die Dörfer

Mit einer der vier »Rollenden Kliniken« war Helmut Schmidt in Cabanglasan stationiert, einer 32 000-Einwohner-Stadt in den Bergen der Provinz Bukidnon, 120 Kilometer südöstlich der Inselhauptstadt. Von dort aus ging es zehn Tage lang auf die Dörfer. Bei den Patienten dort handelt es sich meist um Natives, um Stämme mit animistischem Weltbild und eigener Sprache. Im Toyota 4x4 unterwegs waren »Dr. Helmut«, Fahrer Lito, Koordinator und Übersetzer Dodong Batoy sowie Apothekerin Maricel. Der Jeep ist jeweils vollgepackt mit Medikamenten, Impfstoffen, medizinischem Material und Gerät, zudem natürlich mit den Lebensmitteln für die German-Doctors-Crew.

Besuche der »Rolling Clinic« werden lang zuvor von den lokalen »Healthworkers« per Aushang angekündigt. Die Sprechstunde mit 80 bis 100 Patienten pro Ortschaft findet meist in einem zentralen, einfach strukturierten Holzgebäude am Dorfplatz statt. In einem Fall behandelte man in einer Kirche. Einer aus dem Team hält einen Vortrag, klärt auf über Familienplanung, Hygiene, Ernährung, Gesundheit. Erwachsene wie Kinder werden gewogen, gemessen, der Blutdruck ist zu ermitteln. Und dann geht es ans Heilen. Zu den bereits genannten Krankheitsbildern kommen hier die Folgen von Unfällen bei der Feld- und Waldarbeit, Verletzungen durch den Hufschlag eines Pferdes – oder durch eine Messerstecherei. Große Herausforderung für Schmidt: »Die Leute können ihre Beschwerden nicht richtig beschreiben, nicht erklären.« Einer habe gesagt, sein Arm sei so schwach. Ein kurzer Blick reichte: Der Mann laborierte noch an den Folgen einer Kampfverletzung; Messerstiche, zugezogen vor sieben Jahren.

Ein anderer Fall: Ein 14-Jähriger wird als »krank« gemeldet wegen Hustens. An seiner Seite seine Mutter, um die 35, sie hustet, spuckt Blut, hat offensichtlich TB. Ihr Körper, der sieben Kinder zur Welt gebracht hat, ist abgemagert, wiegt höchstens noch 30 Kilogramm. Sie hat nicht die (umgerechnet) sechs Euro, um sich röntgen zu lassen (CXR). Also war Handeln angesagt: Sie soll sich zum Röntgen anmelden, die Kosten übernehmen die German Doctors. Was aus ihr wird, ist offen. Sie hat sich der mindestens sechsmonatigen Behandlung zu stellen. »Dr. Helmut«, wie man ihn dort ruft, ist skeptisch: Zu deutlich sei die Scham zu erkennen gewesen, sich einer solchen Prozedur zu unterziehen.

Spannend und auch für Außenstehende informativ ist der Blick auf den Zehn-Tage-Plan der »Rolling Clinic«: Nach Omalao sind es von der Provinz-Metropole aus 1,5 Stunden Anfahrt über »rough and muddy roads after heavy rains«. Bei San Vicente steht der Hinweis, dass das Team samt Gepäck zu Fuß über eine Hängebrücke muss und einen einstündigen Fußweg vor sich hat. Nach Saluringan zum Stamm der Lumads wieder die selbe Hängebrücke, dann gar drei Stunden Marsch hin und drei retour. Allerdings durch faszinierende, satt grüne Landschaft. Immer wieder Gehöfte. Berge, Täler, Regenwald. Schwierig zu bearbeitende Felder.

Die Welt mit anderen Augen sehen

 

Anfangs war die Frage nach der Sinnhaftigkeit in den Raum gestellt. Lässt sich so die Welt retten? Lässt sich so etwas zum Guten wenden? »Und es ist vor allem eine Erfahrung für einen selbst«, sagte Schmidt. Man sehe die Welt (wieder) mit anderen Augen, müsse die Sinnhaftigkeit nur mit sich selbst ausmachen. Wertvoll seien zudem die Gespräche, der Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen. Und die Erkenntnis, dass es zahllose helfende Menschen gibt, nachgerade einheimische junge Menschen. »Ganz taffe Philippina« stemmten einen Großteil der Organisation. Kommentar Maria Furtwängler, Ärztin, Schauspielerin und auch German Doctor: »Ich fühle mich beschenkt (…), dass ich hier, in einem sehr privilegierten Teil der Welt, leben darf. Ich hatte immer das Bedürfnis, (…) mehr zu tun, als mich nur daran zu erfreuen. Ich habe mehrfach erleben dürfen, wie befriedigend es ist, für andere etwas zu erreichen.

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