26. Januar 2019, 18:00 Uhr

Charakter

Nur einer stimmte in Allendorf/Lumda gegen Hitler

Als einziger stimmte Heinrich Bergen 1932 dagegen, dass Hitler Allendorfer Ehrenbürger wird. Wer war dieser Mann? Eine Spurensuche mit seiner Urenkelin Annette Bergen-Krause.
26. Januar 2019, 18:00 Uhr

Fast geschlossen stimmten die Allendorfer Parlamentarier im Mai 1932 dafür, Adolf Hitler, den Anführer der Nationalsozialisten, zum Ehrenbürger zu machen. Aber nur fast. Max Rosengarten, ein Gemeindevertreter jüdischen Glaubens, hatte die Sitzung verlassen. Wie stark die Mitglieder von dem Beschluss überzeugt waren und was sie bewogen hat, noch während der Zeit der Weimarer Republik, vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten so abzustimmen, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls hatte nur ein Parlamentsmitglied den Mut, gegen die Ehrenbürgerschaft zu stimmen. Heinrich Bergen II.

 

Nicht persönlich kennengelernt

Was für ein Mensch war dieser aufrechte Sozialdemokrat? 1885 wurde er in Allendorf geboren. »Er war Schreinermeister, hatte einen eigenen Betrieb, quasi eine Bau- und Möbelschreinerei«, sagt Annette Bergen-Krause, seine Urenkelin. »Ein bodenständiger Handwerker aus eher einfachen Verhältnissen« sei er gewesen, einer, der sich um andere gekümmert habe. Kennengelernt hat Bergen-Krause, 52 Jahre alt, ihren Uropa nicht. Sie berichtet aus Erzählungen in der Familie über ihn. Nachdem kürzlich bekannt geworden war, dass der Sozialdemokrat 1932 gegen die Hitler-Ehrenbürgerschaft gestimmt hatte, hat sich Bergen-Krause in ihrer Familie umgehört, um mehr über den Urgroßvater zu erfahren.

1922 ist er laut seiner Urenkelin in die SPD eingetreten. Der Erste Weltkrieg lag gerade einmal vier Jahre zurück. Die Republik steckte noch in den Kinderschuhen und die Hyperinflation, die Entwertung der Reichsmark mit katastrophalen Auswirkungen auf die Wirtschaft, stand kurz bevor. Was genau Heinrich Bergen bewogen hat, Genosse zu werden, weiß Bergen-Krause nicht. »Er war jedenfalls von den Werten der Sozialdemokratie überzeugt, wollte Gleichbehandlung«, sagt sie. Damals lebten in Allendorf noch einige Familien jüdischen Glaubens. »Es war vielleicht für andere ungewöhnlich, Kontakt zu Juden zu haben«, nicht aber für ihren Urgroßvater. »Das waren Nachbarn, die Kinder haben zusammen gespielt.« Die Familie Isenberg wohnte im Nachbarhaus neben Bergen in der Rahmengasse, Max Rosengarten war ebenfalls Allendorfer Genosse.

 

"Patchworkfamilie"

Heinrich Bergen lebte in einer »Patchworkfamilie«, wie man heute sagen würde: Sowohl er als auch seine zweite Frau brachten Kinder aus erster Ehe mit in die Familie und hatten auch gemeinsamen Nachwuchs. Dass er gegen die Ehrenbürgerschaft gestimmt hatte, nahmen ihm manche im Dorf übel. Seine Urenkelin berichtet von einer Episode aus den 1930er-Jahren, nachdem die Nationalsozialisten auch in Allendorf die Macht übernommen hatten: »Er sollte einen Auftrag als Schreiner ausführen, hatte das gewünschte Holz aber nicht besorgen können. Dann wurde er mit einem Schild durch die Stadt getrieben, die Aufschrift lautete in etwa: ›Ich habe die Stadt betrogen!‹« Man habe ihn öffentlich bloßgestellt.

Seinen Beruf konnte der Schreiner, soweit Bergen-Krause weiß, während der Diktatur weiter ausüben. Über diese düstere Zeit sei in der Familie aber wenig gesprochen worden, so wie in vielen anderen auch. Heinrich Bergen leistete anscheinend keinen offenen Widerstand, musste auch an seine Familie denken, gibt Bergen-Krause zu bedenken. 1945, kurz vor Ende des Krieges, sollte der Urgroßvater als fast 60-Jähriger dann noch eingezogen werden, doch das blieb ihm offenbar erspart. Der »Volkssturm«, ein letztes, verzweifeltes Aufgebot gegen die unabwendbare Niederlage, machte auch vor vielen Jugendlichen und Greisen nicht Halt.

 

Bürgermeisterschaft abgelehnt

Im Mai 1945 war der Krieg in Deutschland vorbei. Nun waren Oppositionelle, die nicht als »vorbelastet« galten, plötzlich gefragt – Menschen wie Heinrich Bergen. Ihm sei die Bürgermeisterschaft angetragen worden, doch er habe abgelehnt. Gegen Ende seines Lebens sei Bergen fast blind gewesen, sagt die Urenkelin. 1962, kurz vor seinem Tod, wurde er noch für 40 Jahre in der SPD geehrt, »die Urkunde gibt es noch«.

Annette Bergen-Krause ist fast 80 Jahre nach ihrem Urgroßvater der SPD beigetreten. Auch ihr Vater ist seit Jahrzehnten Genosse, in der Familie ihrer Mutter gab es ebenfalls SPD-Mitglieder. Die 52-Jährige war bis vor zwei Jahren Allendorfer Bürgermeisterin und sah sich Anfeindungen von Rechtsextremen ausgesetzt: Eine Gruppe junger Menschen aus dem Lumdatal trieb vor gut fünf Jahren ihr Unwesen in Allendorf, verklebte Sticker mit rechtsextremen Parolen, bedrohte Andersdenkende. »Dass es in Allendorf diese Strukuren gibt, war bekannt«, sagt Bergen-Krause. Die Polizei fuhr damals häufig Streife, der Staatsschutz war eingeschaltet. Schließlich formierte sich zivilgesellschaftlicher Widerstand, auch Bergen-Krause bekannte deutlich Farbe gegen Rechts. Allmählich wurde es ruhiger um die Gruppe – auch wegen des Gegenwinds, vermutet die Ex-Bürgermeisterin.

Sie erinnert sich, wie ihre damals noch minderjährige Tochter teilweise nicht allein zu Hause bleiben wollte. Die Furcht war groß, dass jenseits der imposanten hölzernen, grünen Haustür gewaltbereite Jugendliche lauern könnten. Hinter jener Tür, die Heinrich Bergen II. einst geschaffen hatte. Auch wegen dieses Kunstwerks ist das Haus heute in einem Denkmalband verzeichnet. Eine Erinnerung an einen Allendorfer, der mutig Haltung gezeigt hat.

Infokasten

Wer zählte zur den strammen NS-Gefolgsleuten?

Wer während der nationalsozialistischen Diktatur in Allendorf zu den strammen NS-Gefolgsleuten zählte, darüber wird im Lumdatalstädtchen heute allenfalls hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Von der Verfolgung, Entrechtung und Verschleppung der Allendorfer Juden haben manch andere profitiert. »Teppiche aus dem Haus der Isenbergs sind später wieder in Allendorf aufgetaucht«, berichtet Bergen-Krause von dem, was sie gehört hat, »in einem anderen Allendorfer Haushalt«.

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