17. Mai 2018, 22:16 Uhr

Nur noch 19 Bäcker im Landkreis

17. Mai 2018, 22:16 Uhr
Axel Pfeffer ernennt Walter Kwartnik (r.) zum Ehren-Schlammbeiser. (Foto: sel)

Die im Vergleich zu früheren Jahrzehnten mittlerweile kleine Bäckerinnung Gießen feierte ein doppeltes Jubiläum. 400 und 510 Jahre lauten die beiden Daten, die es nun zu würdigen galt. Vier Jahrhunderte ist die Bäckerlade alt, eine kunstvoll intarsierte und bestens erhaltene Holztruhe, die ihren Platz in den Räumen der Kreishandwerkerschaft gefunden hat. Und: 1507 erschien erstmals eine schriftliche Erwähnung der Bäckerzunft Gießen in den Akten des Stadtarchivs. Gute Gründe für eine würdige Feier im Hotel Steinsgarten in Gießen.

Zwei Programmpunkte prägten den Abend: ein Vortrag von Gießens Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake zum Bäckerwesen in der Stadt im Laufe der vergangenen acht Jahrhunderte sowie der Auftritt des Gießener Originals Schlammbeiser Axel Pfeffer. Dessen unnachahmliche, humoristische Art in Vortrag und Auftreten begeisterte. Am Ende seines Ausflugs in die Stadtgeschichte mit Fokus auf die mittelalterlichen Aufgaben des Schlammbeisers, dessen Dienste sich auch die Bäckerzunft bediente, ernannte Pfeffer den langjährigen Innungsobermeister Walter Kwartnik (Kesselbach) zum Ehren-Schlammbeiser; eine Auszeichnung, die bisher nur wenige Male vergeben wurde.

1464 wird mit Conz von Wiske der erste Gießener Bäcker mit Namen in den Annalen erwähnt. Und der wohl älteste Grabstein auf dem Alten Friedhof in der Stadt verweist auf einen Jost Becker, sein Grabmal ziert eine Brezel. Er wohnte vor der Selterspforte. Sein Sohn Melchior hat das Bäckerhandwerk ausgeübt und wird 1564 und 1566 als einer der beiden Gießener Bürgermeister genannt.

Die Aufsicht über die Handwerke oblag der Stadt. So regelte die »Backordnung« von 1543 das Verhältnis zwischen Handwerk und Kundschaft. Vonseiten des Handwerks war die Organisation in Form der Bäckerzunft wohl der Versuch, durch Selbstbindung eigene Standards zu setzen; etwa bezüglich der Qualität der Backwaren, um auf diese Weise die Regelungseingriffe der Obrigkeit zu bremsen oder unnötig zu machen, erläuterte Brake im Weiteren.

Zuschuss zum Herbergsbau

Bedeutung und Einfluss des Zunftwesen gingen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss Napoleons verloren. In der Folge entstand eine Art Vakuum. An die Stelle der Zünfte traten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Innungen, zu denen sich Handwerker des jeweiligen Berufsstandes zusammenschlossen. Im Falle der Gießener Bäcker geschah dies im Jahre 1884. Am 21. Juni jenes Jahres nahmen 34 Kollegen an einer Bäckermeisterversammlung teil, von denen 25 der Innung beitraten. Zum Gründungsobermeister wurde August Noll gewählt. Ein Jahr später trug die Innung mit einer Spende von 500 Mark zum Bau der »Herberge zur Heimat« dazu bei, die sozialen Aufgaben der Stadt Gießen zu unterstützen.

1939 gehörten 168 Bäckereibetriebe in Stadt und Landkreis der Bäckerinnung an, 1946 waren es 146, im Jahr 1972 noch 116, zehn Jahre später nur noch 84. Der Abwärtstrend bei den Mitgliedszahlen setzte sich kontinuierlich fort, im Jahr 2018 hat die Bäckerinnung noch 19 Mitglieder. Gründe sind das Aufkommen der Supermärkte, aber auch die Probleme kleiner Handwerksbäckereien, den Betrieb an die nächste Generation weiterzugeben. In den letzten 20 Jahren liegen die Schließungen überwiegend darin begründet, dass Übernahmeregelungen nicht verwirklicht werden konnten. Dieser Trend konnte im Lebensmittelhandwerk bisher nicht gestoppt werden und betrifft neben den Bäckern auch die Fleischer.

Die Bäckerinnung Gießen wurde seit ihrer Gründung in 1884 von 13 Obermeistern geführt: August Noll (1884-1888), Friedrich Hennings (1884-1900), Peter Pfeiffer (1900-1909), Valentin Frey (1909-1911), August Deibel (1911-1916), Wilhelm Löber jun. (1916-1934), Wilhelm Schomber (1934-1936), Ludwig Ihring (1936-1945), Otto Krebber (1945-1948), Hermann Post (1948-1972), Philipp Lange (1972-1984) und Rudolf Traxel (1984-1997). Seit dem 4. Mai 1997 steht Bäcker- und Konditormeister Waler Kwartnik an der Spitze der Bäckerinnung Gießen. Dem Vorstand gehören im Jahr 2018 weiter Bernd Braun (Gießen) als stellvertretender Obermeister sowie Georg Lambertz (Gießen) und Peter Seidl (Krofdorf-Gleiberg) an.

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