27. Oktober 2019, 18:00 Uhr

Auch Rabenfleisch wird untersucht

Proben am Zwerchfell

Fleisch kann tödlich sein - wenn darin Fadenwürmer wie Trichinen stecken. Jedes geschlachtete Schwein wird daher untersucht, bevor eine Metzgerei im Kreisgebiet das Fleisch verkauft. Auch erlegte Wildschweine, Pferde und gar Krähen werden in einem Labor der Kreisverwaltung analysiert. 10 000 Proben kommen dort jedes Jahr zusammen.
27. Oktober 2019, 18:00 Uhr
Markus Businszky schüttet die zerkleinerten Fleischstücke in die simulierte Verdauungsflüssigkeit aus Wasser, Salzsäure und einem halben Löffel Pepsin. (Foto: srs)

Beutel aus Plastikfolie mit kleinen Fleischstücken liegen auf einem grauen Tisch. Markus Businszky schneidet die Tüten sorgfältig mit einer Schere auf. Gleich wird das Fleisch in einem Gemisch aus Wasser, Salzsäure und Pepsin landen, Businszky simuliert in seinem Labor in einem Glas die Substanz, die im Magen eines Menschen herrscht. Seine Aufgabe: Er untersucht im Auftrag des Landkreises, ob Fleisch von gefährlichen Fadenwürmern befallen ist.

Im Trichinenlabor des Veterinäramts gehen jährlich knapp 10 000 Proben ein. Jedes geschlachtete Hausschwein - pro Jahr sind es rund 3000 - wird dort untersucht, bevor eine Metzgerei im Kreisgebiet das Fleisch verkauft. Auch 6000 von Jägern erlegte Wildschweine werden in dem Labor der Kreisverwaltung in Gießen am Riversplatz analysiert. »Außerdem erhalten wir Proben von Pferdefleisch, hin und wieder auch von Dachsen und Waschbären, wenn sie für den Verzehr geschlachtet werden«, sagt der 53 Jahre alte Businszky. Selbst Krähen werden untersucht. Der Tierarzt zuckt mit den Schultern. »Es gibt Leute, die gerne Krähenburger essen.«

Nachdem Businszky die Tüten mit den Fleischstücken aufgeschnitten hat, wirft er sie in einen Mixer. Für eine Sekunde rattert und surrt das Gerät, dann sind die Stücke zu winzigen Fetzen zerkleinert. In der Regel sind es Proben vom Zwerchfell der geschlachteten Tiere, hin und wieder auch von der Muskulatur des Vorderarms. »Diese Körperteile sind am stärksten durchblutet«, sagt Businszky. Dort seien die Fadenwürmer daher am ehesten zu finden.

Trichinen können für den Menschen tödlich sein. Haus- und Wildschweine werden von den Fadenwürmern vorrangig befallen, wenn sie Nagetiere wie Mäuse gefressen haben. Menschen leiden nach Aufnahme der Larven unter hohem Durchfall, Fieber und Geschwülsten, wenn sie beispielsweise rohes oder nicht ausreichend erhitztes Wildschweinfleisch gegessen haben.

Seit 80 Jahren aber sind Laborunterschungen auf Trichinen wie zum Beispiel im Kreis Gießen vorgeschrieben, bundesweit gibt es durchschnittlich pro Jahr nur noch zehn Fälle von festgestellten Trichinen - wohlgemerkt bei Tieren. Der letzte Fall im Kreisgebiet liegt zwei Jahre zurück, bei einem Wildschwein im Raum Grünberg wurde der Fadenwurm im Sommer 2017 entdeckt. Der tote Körper des betroffenen Tieres wurde daraufhin beseitigt, um weitere Infektionen zu verhindern.

Tierärzte nehmen regelmäßig die Proben bei den rund 25 Schlachtbetrieben im Kreisgebiet vor. Im Fall von Wildschweinen führen dies bisweilen die Jäger selbst durch, ihnen wird dazu nach einer Schulung das Recht übertragen.

Proben können bei der Kreisverwaltung sowie in Hungen in einem Kasten an der Rückwand des Rathauses eingeworfen werden, Mitarbeiter des Trichinenlabors holen sie später ab. »Der Kasten in Hungen liegt zum Glück im Schatten«, sagt Businszky. Im Hochsommer gammelt dort so manches Fleischstück vor sich hin. Der Untersuchung auf Trichinen schade dies allerdings nicht, erklärt der Tierarzt. »Und viele werfen glücklicherweise die Proben mit Kühlakkus in den Kasten.«

Businszky schüttet die zerkleinerten Fleischstücke in die simulierte Verdauungsflüssigkeit aus Wasser, Salzsäure und einem halben Löffel Pepsin. Er erhitzt das Glas auf 40 Grad und lässt darin zudem mithilfe einer Magnetröhre einen Strudel entstehen. Das Gemisch erinnert in seiner Konsistenz an eine Fleischbrühe.

Nach wenigen Augenblicken fängt es allerdings an, im Labor nach Katzenurin zu riechen. Businszky zieht einen Glasverschluss nach unten, um den Gestank einzudämmen. Spätestens jetzt macht es sich bezahlt, dass das Labor in dieser Woche umgezogen ist, von der Schlachthofstraße zum Riversplatz. »In den alten Räumlichkeiten ist der Geruch durch das gesamte Veterinäramt gezogen«, sagt Businszky. Das neue Labor sei »das modernste hessenweit«, eine Ablüftungsanlage soll zukünftig noch eingerichtet werden.

45 Minuten lang lässt Businszky das Gemisch ziehen. Dann schüttet er es durch einen Sieb, daraufhin schaut er sich die Probe in einem Mikroskop an. Das Fleisch ist frei von Trichinen. Feierabend hat der Tierarzt allerdings noch lange nicht. Abends arbeitet er in seiner Praxis in Fellingshausen. »Tagsüber beschäftige ich mich mit den Toten«, sagt der 53-Jährige. »Und abends mit den Lebenden.«

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