23. Dezember 2016, 19:25 Uhr

Rente reicht nicht für den Fahrtest

Trotz einer Schleichfahrt mit Tempo 30 auf der A 5 fühlt sich ein 81-Jähriger aus Großen-Buseck fit für den Straßenverkehr. Die Polizei sieht das anders. Deshalb sollte der Rentner einen Fitness-Check beim TÜV absolvieren. Doch dafür fehlt ihm das Geld. Wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht, ist der Führerschein weg – ein Drama für den alten Mann.
23. Dezember 2016, 19:25 Uhr
Dass der 81-jährige Wolfgang Pachner von Eggenstorf seinen Führerschein abgeben soll, ist für ihn eine Katastrophe. (Foto: edg)
Eine zivile Polizeistreife kontrollierte den 81-Jährigen, wollte wissen, wo er hinfahre, und stellte Fragen, etwa nach Drogen. In Fernwald wurde der Rentner aus Großen-Buseck zum zweiten Mal gestoppt und schließlich von den Beamten nach Hause gefahren. »Ich dachte, ich bin im falschen Film«, sagt er.
Er habe sich bei einem Halt an der Raststätte Wetterau die Füße vertreten und einen Wadenkrampf bekommen, erklärt er die Situation. Da es nicht mehr weit nach Großen-Buseck war, habe er sich entschlossen, trotzdem ins Auto zu steigen. »Ich wollte ja nach Hause«, sagt er. In der Mitte sei er nur gefahren, da die rechte Spur mit Lastwagen besetzt gewesen sei. Ein Lkw-Fahrer hatte dann die Polizei verständigt.
Ein Stapel von Briefen vom Landkreis Gießen, dem TÜV, der Bank und seinem Anwalt liegen vor ihm auf dem Tisch. »Ich habe seit 1953 einen Führerschein und bin 330 000 Kilometer unfallfrei gefahren«, erklärt der Rentner.
Die Formulare für den Termin beim TÜV hatte er bereits ausgefüllt, doch die Kosten von 675 Euro waren höher als seine monatliche Rente. »Ich habe das Geld Euro für Euro gesammelt«, beteuert er. Aber es habe einfach nicht gereicht. Da der Senior die Untersuchung nicht bezahlen konnte, verfügte der Landkreis am Nikolaustag, dass er nicht mehr am Straßenverkehr teilnehmen dürfe und seinen Führerschein abzugeben habe. »Die Fahrerlaubnis muss auch dann entzogen werden, wenn der Betroffene die Begutachtungskosten nicht zahlen kann«, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des Landkreises Gießen auf eine Anfrage des Hessischen Rundfunks.
Der Entzug des Führerscheins sei für ihn eine Katastrophe. In der kleinen Wohnung wohnt er allein – Verwandte hat der aus Österreich stammende Rentner nicht. Zwar gibt es Supermarkt und Arzt in Großen-Buseck, jedoch leidet er an Arthrose und kann Einkäufe nicht weit tragen. Das Auto mit Automatik könne er jedoch noch gut bedienen.
»Ganz im Gegenteil: Wir wollen ja, dass sie am Straßenverkehr teilnehmen.« Jedoch müsse dabei die Sicherheit gewährleistet sein. »Das Alter allein reicht nicht aus, um die Fahrtüchtigkeit anzuzweifeln«, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme weiter. Die Prüfung werde nur dann angeordnet, wenn »Tatsachen bekannt werden, die Bedenken begründen, dass der Inhaber der Fahrerlaubnis zum Führen eines Kraftfahrzeuges ungeeignet oder bedingt geeignet ist«.
Ob er sich vorstellen kann, den Führerschein aus gesundheitlichen Gründen abzugeben? »Wenn ich einen Schlaganfall hätte, würde ich natürlich nicht mehr fahren.«
Darin schreibt der Gutachter: »Der zu Untersuchende kann trotz der Gesundheitsstörung oder Krankheit ein Kraftfahrzeug sicher im öffentlichen Straßenverkehr führen.« Den Test musste der Rentner absolvieren, da er in der Nähe von Heidelberg eine rote Ampel überfahren hatte. Diese erste Untersuchung hatte den 81-Jährigen 499 Euro gekostet.
Früher war er in der Marktforschung tätig. Und er arbeitet noch heute als Interviewer, um sein Konto aufzubessern. Zu den Gesprächen fuhr er bislang mit dem Auto und ebenso einmal pro Woche zu den Gießener Tafeln, wo er ehrenamtlich hilft.
Nachdem bereits erste Gebühren angefallen waren, schickte das Schweizer Finanzinstitut einen fremdsprachigen Vertrag, den der Rentner nicht verstand und daher nicht unterschrieb.
»Ich mache mir Sorgen«, habe der Pfarrer zu ihm gesagt. Einige Menschen hätten ihm Geld gespendet, auch beim Radio meldeten sich Spendewillige. Den Führerschein hat der Großen-Busecker trotz Verfügung noch nicht abgegeben. Noch kann sein Anwalt Rechtsmittel einlegen. Derzeit ist daher unklar, ob der Rentner den Fitness-Check nachholen kann oder den Führerschein neu beantragen muss. In diesem Fall müssten etwa einen Sehtest, ein polizeiliches Führungszeugnis und gegebenenfalls ein Nachweis über einen Erste-Hilfe-Kurs neu eingereicht werden. Die Neubeantragung kann mit zusätzlichen Kosten von 200 bis 300 Euro verbunden sein.
Er rechne nicht mehr mit guten Nachrichten in diesem Jahr; die Ämter hätten ja bereits geschlossen. »Das wird das schlimmste Weihnachten aller Zeiten. Ich bin allein und kann nirgendwo hinfahren.« Er habe eigentlich mit dem Auto zu seiner Bekannten nach Heidelberg fahren wollen. Der Zug sei ihm viel zu teuer, und es sei schwierig für ihn, den Fernbus in Gießen zu erreichen. Eine kleine Aufmunterung war vielleicht der Weihnachtsbaum, der am Dienstag plötzlich vor seiner Tür stand. Fremde hatten ihn dort abgestellt mit einer Karte ohne Namen, nur mit der Inschrift »Frohe Weihnachten«.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Fernbusse
  • Fitnesstests
  • Führerschein
  • Hessischer Rundfunk
  • Polizei
  • Renten
  • Rentner
  • TÜV
  • Eva Diehl
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos