25. Februar 2019, 11:12 Uhr

Pfleger

»Schaut nicht weg«: Wie eine Pflegerin aus Grünberg an ihre Kollegen appelliert

Regina Glöckner arbeitete ein Jahr als Pflegerin in einem Seniorenzentrum in Grünberg, bis ihr die Zustände reichten und sie sich an die Heimaufsicht wandte. An ihre Kollegen richtet sie einen Appell.
25. Februar 2019, 11:12 Uhr
Laut Bundesagentur für Arbeit sind aktuell knapp 40 000 Stellen in der Kranken- und Altenpflege nicht besetzt. (Symbolfoto: dpa)

Emmi sitzt aufrecht auf ihrem Bett und hebt die Arme nach vorne. 94 Jahre ist sie alt und schwerhörig. »Merkt man, dass ich abgenommen habe?«, fragt ihre Pflegerin, während sie Emmi aus dem Bett hebt. »Ich hatte ja eine Woche Urlaub.« Kurzerhand zwickt die Seniorin der Frau links und rechts in die Hüfte und sagt trocken: »Nee.« Beide lachen. »Das sind die Momente, an denen ich mich wegschmeißen könnte und meinen Job liebe«, sagt Regina Glöckner, die als ambulante Pflegerin arbeitet.

Dass ich Mängel in meinem Pflegeheim gemeldet habe – das war Zivilcourage

Regina Glöckner

Im Januar 2018 unterdessen heulte Glöckner Rotz und Wasser. Gekündigt, fristlos. Nachdem sie Mängel im Seniorenzentrum »Cura Sana Gießener Land« in Grünberg beanstandet und der Heimaufsicht des Landkreises gemeldet hatte. Anderthalb Jahre habe sie in dem Pflegeheim gearbeitet, sagt sie. Als eines Mittags keine einzige Pflegefachkraft im Heim gewesen sei, habe sie bei der Heimaufsicht angerufen. »Als ich das am nächsten Tag gesagt habe, musste ich gehen. Mir wurde Hausverbot erteilt. Innerhalb von zehn Minuten musste ich meinen Spind räumen. Ich kam mir vor wie ein Schwerverbrecher.«

 

Zustand der Pflegeheime im Kreis:zufriedenstellend

Ein gutes Jahr ist seitdem vergangen. »Die Zeit nach der Kündigung war schlimm«, sagt Glöckner. »Aber ich bereue nichts.« An ihre Kollegen im Kreis Gießen richtet sie unterdessen einen Appell: »Schaut nicht weg«. Pflegekräfte, erklärt sie, sollten ihre Vorgesetzten auf gravierende Mängel in ihren Heimen wieder und wieder hinweisen. »Wenn sich dann nichts tut: Meldet es der Heimaufsicht.« Glöckner fügt hinzu: »Übernehmt Verantwortung. Lasst euch nicht mit netten Worten beschwichtigen. Wir Pflegekräfte sind stärker als wir denken.« Ihren eigenen Anruf bei der Heimaufsicht bezeichnet sie als »Zivilcourage«.

Die 49-Jährige war bereits in mehreren Seniorenzentren in Lollar, Gießen und Grünberg tätig. Unter den Pflegefachkräften tausche man sich aus, erzählt sie. Der Tenor: Der Zustand in den Pflegeheimen im Kreis sei zufriedenstellend. Als positive Beispiele seien ihr Seniorenzentren wie das Gießener Johannesstift und das Haus Wiesecktal in Reiskirchen bekannt.

Das Grünberger Pflegeheim »Cura Sana« fällt für sie allerdings nicht unter diese Kategorie. »Da wurden Wundverbände nicht gewechselt«, berichtet Glöckner. »Oder es war dokumentiert, dass ein Bewohner einen Liter Wasser getrunken hat, obwohl das Glas eindeutig unberührt an der selben Stelle wie am Abend zuvor stand.«

 

Heimleiterin: Situation deutlich verbessert

Dass es sich dabei nicht nur um die Meinung einer Einzelnen handelt, wurde Ende Januar vor dem Gießener Verwaltungsgericht deutlich. Schwerwiegende Mängel wurden dort dem Heim attestiert. So wurde ein und dieselbe Pflegefachkraft innerhalb von zwei Monaten in 49 Nachtschichten eingesetzt, sie arbeitete teilweise zehn Nächte am Stück. Eine weitere erschreckende Erkenntnis: An Nachmittagen war im Seniorenzentrum mehr als zwei Stunden lang keine einzige Pflegefachkraft anzutreffen. Die Heimaufsicht verhängte einen Aufnahmestopp und erteilte dem Seniorenzentrum die Auflage, dass tagsüber durchgehend mindestens zwei Pflegefachkräfte anwesend sein müssen, die zudem maximal nur vier Nachtschichten nacheinander einlegen können. Gegen die Anordnung hat der Betreiber des Pflegeheims vor dem Verwaltungsgericht geklagt – allerdings ohne Erfolg.

Heimleiterin Christine Möll erklärt, man habe die Situation in den vergangenen neun Monaten deutlich verbessert. »Pflegekräfte sind immer im Haus«, versichert sie. Zu den Vorwürfen Glöckners könne sie nichts sagen, sie hat die Heimleitung erst nach deren Kündigung übernommen.

 

40 000 Stellen in der Kranken- und Altenpflege nicht besetzt

Missstände in Pflegezentren sind indes Alltag. Viele Altenpfleger geben nach wenigen Jahren im Beruf auf, weil die Arbeitsbedingungen schlecht sind. Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit sind aktuell knapp 40 000 Stellen in der Kranken- und Altenpflege nicht besetzt. Experten prognostizieren einen Mangel von bis zu einer halben Million Fachkräften bis zum Jahr 2030.

Eine Altenpflegerin verdient in Vollzeit durchschnittlich 2 621 Euro brutto im Monat. Auch Glöckner kennt diese Zahlen »Mir wird bei dem Thema zu viel über Geld und Bezahlung gesprochen«, sagt sie. »Es geht uns prinzipiell mehr um Wertschätzung.«

 

Pfleger brauchen Selbstfürsorge

Gleichzeitig sei es schwer, als Pfleger aufgrund der Belastung nicht abzustumpfen. »Man braucht viel Selbstfürsorge«, sagt die Grünbergerin. »Wir Pflegekräfte vergessen uns oft.« Mit Bewohnern von Pflegeheimen führe man Inkontinenztraining durch und rate ihnen, viel zu trinken. »Und wir selbst? Wir trinken höchstens mal einen Kaffee, wenn man schnell mal eine rauchen geht.«

Um die Pflege zu verbessern, müsse der Personalschlüssel reformiert werden, sagt sie. »Ich bin überzeugt, das ist wie damals beim Spinat: Da ist ein Komma falsch gesetzt.«

Vor allem auf eines hofft die ausgebildete Krankenschwester: »Dass die Pflegefachkräfte ihre Stimme erheben und Initiative ergreifen.«

Info

Tipps für die Pflegeheimsuche

Wer ein Pflegeheim für seinen Vater oder seine Mutter sucht, sollte das Seniorenzentrum vorher besuchen und mit Bewohnern reden, empfiehlt Pflegefachkraft Regina Glöckner. Erfährt man von der Leitung, dass das Heim voll belegt ist, sollte man dies als gutes Zeichen verstehen. »Und beobachten Sie vor allem das Fachpersonal«, rät sie. »Wie freundlich ist es, wie gepflegt tritt es auf?«

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