16. August 2019, 05:00 Uhr

Ewige Baustelle

Seit acht Jahren hinter Gittern

Unkraut wuchert, Fußgänger schütteln den Kopf: Seit acht Jahren steht ein Absperrgitter auf einem Bordstein in Großen-Linden. Grund ist ein beschädigtes Hoftor - und ein jahrelanger Streit zwischen Eigentümer, Nachbarn und Landkreis. Gibt es Hoffnung, dass sich an der ewigen Baustelle etwas tut?
16. August 2019, 05:00 Uhr
Baustelle ist der falsche Begriff. Denn gebaut, repariert oder saniert wurde hier in all den rund 3000 Tagen noch nicht. (Foto: srs)

Stillstand herrscht in der Falltorstraße in Großen-Linden - seit nun mehr als acht Jahren. Unkraut erreicht inzwischen die Höhe der Absperrgitter. Etwas kleiner ist die Baustelle zwar geworden. Das Schild, das Fußgänger lange Zeit aufgefordert hat, die andere Straßenseite zu benutzen, ist verschwunden. Doch noch immer stehen die Absperrgitter auf dem Bürgersteig vor dem Hoftor. Die Bauaufsicht des Landkreises hat sie im Frühjahr 2011 aufstellen lassen. Baustelle ist allerdings der falsche Begriff. Denn gebaut, repariert oder saniert wurde hier in all den rund 3000 Tagen noch nicht.

»Es ist ein großes Ärgernis«, sagt Lindens Bürgermeister Jörg König. Tatsächlich hat die Stelle in den vergangenen Jahren immer wieder für Unmut unter Nachbarn in der Falltorstraße und für anhaltende Auseinandersetzungen des Hausbesitzers mit dem Landkreis gesorgt.

Die Ursache für die Streitigkeiten ist ein Brand vor rund 15 Jahren, der die Fachwerkkonstruktion rund um das Hoftor schwer beschädigte. Als schließlich mehrere Tonziegel auf die Straße fielen, ordnete die Bauaufsicht des Landkreises die Absperrung an, um Passanten zu schützen.

Damals ging man noch davon aus, dass sich der Eigentümer irgendwann um die Sanierung kümmern würde. Dirk Wingender, Sprecher des Landkreises erklärt, »vergleichsweise einfache Sicherungsmaßnahmen« könnten die Absperrung überflüssig machen. Die westliche Wand des Hoftors und lose Gefache an der Hausfassade müssten beispielsweise stabilisiert werden. Dazu liegen gutachterliche Untersuchungen vor, bekräftigt Wingender. Unzählige Gespräche zwischen Landkreis und Hauseigentümer aber blieben ohne Erfolg.

Im vorigen Jahr hat der Besitzer des Anwesens gewechselt. Die Bauaufsicht werde mit dem neuen Eigentümer Kontakt aufnehmen, sagt der Sprecher des Landkreises. Die Hoffnung, dass sich an der Situation etwas ändert, hält sich allerdings in Grenzen - zumal es sich um den Sohn des vorherigen Besitzers handeln soll.

Die Hoffnung auf ein Ende der Baustelle nimmt auch angesichts einer Äußerung von Seiten des Landkreises ab. Der Kreis könnte den Hausbesitzer durchaus zu Schritten der Bausicherung verpflichten, auch wenn es sich um ein privates Grundstück handelt. Auf die Frage, warum es dazu in all den Jahren nicht gekommen ist, antwortet Wingender aber: »Die Absperrung wird unsererseits als ausreichend erachtet.« Man wolle, fügt er hinzu, die Verhältnismäßigkeit wahren und der Allgemeinheit unnötige Kosten ersparen.

Es ist eine Posse. Die Absperrgitter werden wohl noch lange Zeit bestehen bleiben. »Das ist nicht im Sinne einer schönen Stadt«, verschafft Bürgermeister König seinem Ärger Luft.

Doch der Fall ist kompliziert. Es wäre ein Fehler, nur dem Hauseigentümer den schwarzen Peter zuzuschieben. Denn das Anwesen und das Hüttenberger Hoftor stehen unter Denkmalschutz. Ein schlichter Abbau des Hoftors wäre nicht zulässig. Hinzu kommt: Die Fachwerkkonstruktion und das Tor stützen das Nachbarhaus. Käme es zu einer Sanierung, müsste folglich auch die Stabilität des Anwesens nebenan berücksichtigt werden. So führte die Baustelle zu einem jahrelangen Nachbarschaftsstreit . Eine Lösung ist weiterhin nicht in Sicht.

Der frühere Besitzer des beschädigten Grundstücks hat sich 2011 gegenüber der Gießener Allgemeinen Zeitung geäußert. Der Landkreis sei in der Verantwortung, sagte er. Er habe die Bauabteilung nach dem Brand sofort eingebunden. Ein Handwerker, der sich die Schäden an dem Bauwerk angeschaut habe, sei zu dem Entschluss gekommen, selbst besser nichts zu sanieren, da ansonsten eben die Statik des Nachbarhauses gefährdet wäre.

Zwischenzeitlich war das 603 Quadratmeter große Anwesen übrigens beim Gießener Amtsgericht zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben - mit dem Hinweis: »Sanierungskosten im Hinblick auf Verkehrswert wirtschaftlich nicht vertretbar«.

Derzeit bestehe keine Gefahr für die Passanten, erklärt der Sprecher des Landkreises. Diese müssten sich allerdings an die Absperrung halten.

Ein Fußgänger, der an der Absperrung vorbeiläuft, schüttelt sachte den Kopf. Gegenüber des beschädigten Hoftors hat Arie Schindler sein Fahrradgeschäft. Der neue Besitzer des Grundstücks pflege das Anwesen, sagt Schindler. »Er tut, er macht.« Am Hoftor habe sich bisher aber nichts verändert. An der Absperrung und an der ewigen Baustelle störe er sich nicht mehr, nach mehr als acht Jahren. Schindler sagt: »Die Absperrung gehört inzwischen irgendwie dazu.«

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