01. November 2018, 21:09 Uhr

Spitze bei Spitzen

Viele Bekleidungsbetriebe sind in den vergangenen Jahrzehnten vom Markt verschwunden. Nicht so die Firma Jackl. Die Hungener feiern nun ihr 150-jähriges Bestehen und haben den Weg in die Zukunft gefunden. Eine besondere Rolle spielen dabei Dessous.
01. November 2018, 21:09 Uhr
Die Firma Jackl auf einer historischen Luftaufnahme. Ein Teil der heutigen Gebäude, etwa das mehrstöckige Verwaltungsgebäude, entstand erst in späteren Jahren. (Foto/Repro: pad)

Wenn Kai Jackl durch die Werkshallen der Textilveredlung in Hungen geht, dann sieht er nicht nur die großen Maschinen, in denen die Stoffe eingefärbt werden. Vor allem sieht er bekannte Gesichter, die sie bedienen. Etliche Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten in dem Familienbetrieb tätig, bei einigen haben auch schon Eltern und Großeltern für die Färberei gearbeitet. Dass man nach 45 Jahren Betriebszugehörigkeit in den Ruhestand verabschiedet wird, ist hier der Normalfall, auch heute noch. Dieser Zusammenhalt dürfte einer der Gründe sein, warum das Unternehmen in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiern kann.

Im Herbst 1868 stand der Färberbottich allerdings noch nicht in Hungen: In Asch im Sudetenland gründete Leopold Marack die Firma. Zunächst wurde nur Seide gefärbt. Erst unter seinem Sohn Hugo kamen Wolle, Baumwolle und weitere Stoffe hinzu. Die Färberei florierte und erarbeitete sich einen guten Ruf. Unter anderem war man Lieferant der K. und K. Monarchie in Österreich.

All dies ging verloren, als die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Sudetenland vertrieben wurden. Die Familie flüchtete nach Mittelhessen. Auch andere Textilbetriebe ließen sich in der Region nieder. In Hungen erwarb die Firma ein Grundstück am damaligen Stadtrand, die Fabrik wurde neu errichtet. Und so war der Standort zwar neu, die Mitarbeiter aber die alten: Ein Großteil der Beschäftigten aus Asch hatte es ebenfalls an die Horloff verschlagen, sie waren beim Wiederaufbau der Textilveredlung dabei.

Bis in die 1970er Jahre vergrößerte sich das Unternehmen stetig, hatte zu Spitzenzeiten 160 Mitarbeiter. »Damals wurde aber auch noch viel genäht«, erzählt Kai Jackl, geschäftsführender Gesellschafter, der das Unternehmen heute in fünfter Generation führt. Vor 40 Jahren war mitten um die Firma Jackl herum auch die Stadt Hungen gewachsen, man überlegte gar kurzzeitig, auf der grünen Wiese eine neue Fabrikhalle hochzuziehen. Robert und sein Sohn Walter Jackl entschieden sich dagegen – aus heutiger Sicht zum Glück. Die deutsche Bekleidungsindustrie schlitterte in die Krise: »Damals gab es 1,2 Millionen Beschäftigte in diesem Industriezweig«, sagt Jackl, »Heute sind es noch knapp 90 000«.

Während große Teile der Bekleidungsindustrie nach Asien und in die Türkei abwanderten, musste sich Jackl einen neuen Markt erschließen. Unter anderen hatte man bis dahin in speziellen Maschinen die Stoffe für Spitzengardinen veredelt und gefärbt. Während diese Stoffe weniger gefragt waren, wurde die Spitze an Dessous immer beliebter. Kurzerhand wurden die Maschinen darauf umgestellt. »Damit haben wir eine einzigartige Nische gefunden und den Erhalt gesichert«, sagt Jackl. »Heute sind wir Deutschlands größter Spitzenausrüster mit 50 Beschäftigten.«

Doch nicht nur Spitzenunterwäsche, sondern auch der Fußball trug einen Teil zum Erhalt des Familienbetriebs bei: Über viele Jahre hinweg bis 2008 wurden in Hungen die Trikots für Teams wie Wolfsburg oder die italienische Nationalmannschaft gefärbt.

Bei etlichen Aufträgen aber spürte das Hungener Unternehmen die Konkurrenz der Billiglohnländer, in denen zudem meist lockere Umweltschutzauflagen gelten. »Wir liegen hier mitten in der Stadt und außerdem im Wasserschutzgebiet«, sagt Jackl. »Bestimmte Chemikalien dürfen in Hungen nicht verwendet werden. Solche Aufträge müssen wir dann ablehnen.« Doch auch daraus hat Jackl eine Tugend gemacht: Das Artikelprogramm ist nach Ökotex-Standard 100 und G.O.T.S. zertifiziert.

Dessous für 2020 in Arbeit

Ein Herzstück der Firma ist das Farblabor. Hier wird experimentiert, wie man den gewünschten Farbton in den jeweiligen Stoff bringt. Denn je nachdem, ob man Fleece, Baumwolle oder Seide färbt, wird eine andere Mixtur und auch Färbetechnik benötigt. Teils brauche es drei bis vier Rezepturen, um den richtigen Farbton zu treffen, erklärt Jackl. Gefärbt werde alles, vom Muster für den Fototermin bis hin zum Großauftrag. »Wir färben genauso 10 Gramm Stoff wie 500 Kilogramm«, sagt Jackl.

Was momentan durch die Maschinen läuft, wird aber vermutlich erst in zwei Jahren unter dem Weihnachtsbaum liegen: Derzeit läuft die Produktion für die Unterwäschekollektionen 2020 an. Und die hat es in sich: Heutzutage besteht ein Dessous aus bis zu 30 Einzelteilen, von der Bänderung über die Spitzen bis hin zum Zierschleifchen, erklärt Prokurist Leopold Kloss. Also jede Menge zu tun für die Hungener Textilveredler.

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