24. April 2019, 22:12 Uhr

Stolpersteine

Stolpersteine erinnern an das Schicksal von drei Familien

Namen, die bleiben: 15 neue Stolpersteine erinnern in Hungen an das Schicksal der Familien Katz, Stein und Oppenheimer. Wer waren diese Menschen?
24. April 2019, 22:12 Uhr
Familie Katz (Foto: bf)

»Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist«, sagt der Kölner Künstler Gunter Demnig. Damit die vonden Nationalsozialisten verfolgten, vertriebenen und ermordeten Menschen nicht vergessen werden, verlegt er seit Stolpersteine. In Hungen hat sich die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche bereits 2009 dieser Initiative angeschlossen. 2015 brachte Demnig die ersten Messingplaketten mit Namen ehemalige jüdischer Bürger in den Gehweg der Obertorstraße ein. Mittlerweile finden sich in der Innenstadt 37 dieser Plaketten. Allein beim letzten Besuch Demnigs am 10. April wurden 15 neue Stolpersteine verlegt. Hintergrund: Nach dem Tod von Ingrid Meybohm, der Mitbegründerin der AG Spurensuche vor eineinhalb Jahren, hatten Freunde und Mitstreiter großzügig für diesen Zweck gespendet.

Der Verlegung der Steine in der Kaiserstraße und der Gießener Straße wohnten auch Nachfahren der Familien Katz und Oppenheimer bei, die eigens aus Israel, Kanada und Südafrika angereist waren. Ulrike Haupt, Hubert Wiesenbach und Christel Lauterbach haben aufgeschrieben, welche Schicksale sich hinter den Namen auf den Messingplaketten verbergen.

 

Familie Katz

 

Die Familie Katz war seit 1860 in Hungen ansässig. Julius und Mally Katz betrieben im Haus in der Kaiserstraße 27 (heute Kaiserstraße 5) eine Viehhandlung und daneben eine kleine Landwirtschaft. Man lebte in gediegenen Vehältnissen, Sohn Ernst war aktives Mitglied im Hungener Turnverein. Am 30. Januar 1933, am Tag der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurden Ernst und Julius Katz von SA-Leuten aus ihrem Haus verschleppt und verprügelt und einige Monate später ins KZ Osthofen gebracht. Nach seiner Freilassung erreichte Ernst Katz auf abenteuerlichen Wegen Palästina. Seine Eltern verkauften nach der Pogromnacht 1938 in Hungen ihr Hab und Gut unter Wert und flüchteten mit Hilfe ihres Sohnes 1939 gerade noch rechtzeitig nach Palästina. Julius Katz verstarb dort am 20. Dezember 1946. Mally Katz reiste nach dem Krieg nochmals nach Hungen. Sie erreichte, dass ihr das Haus zurückerstattet wurde und verkaufte es zu einemadäquaten Preis an den Architekten Köhler. Sie besuchte auch die Familie Bender ein, die ihr so lange geholfen hatte, wie sie konnte. Hier konnte Mally Katz auch ihren Schmuck in Empfang nehmen, den die Benders für sie versteckt und aufbewahrt hatten. Mally Katz starb 1975 in Israel. 1988, 50 Jahre nach der Pogromnacht, regte Ernst Katz ein Denkmal zur Erinnerung an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger von Hungen an und stiftete zu diesem Zweck selbst 1000 Mark. An der Einweihung des Gedenksteins am 25. August 1990 nahm er mit seiner Frau Miriam teil. Ernst Katz starb 2003 in Israel. Zwölf Verwandte der Familie Katz aus Hungen und Inheiden fielen dem Holocaust zum Opfer.

 

Familie Stein

 

Gerhard Stein (Foto: bf)
Gerhard Stein (Foto: bf)

Im Haus Kaiserstraße 9 (ehemals 33) lebten der Kaufmann Carl Friedrich Stein, seine Ehefrau Martha und die Söhne Walter und Gerhard. Die Jungen verbrachten in Hungen eine unbeschwerte Kindheit. Doch 1933 änderten sich die Verhältnisse schlagartig. Aus diesem Jahr datiert ein Schülerbild von Gerhard Stein, aufgenommen vor der Hungener Volksschule. Er sollte seine Heimat bald verlassen müssen. 1934 verkaufte die Familie ihr Haus in Hungen. Der ältere Sohn Walter emigrierte in die USA. Der Rest der Familie lebte ein Jahr lang bei Verwandten in Offenbach und bekam ein Jahr später ein Einreisevisum für Palästina. Die Steins ließen sich bei Naharia nieder. Dort ist Gerhard Stein am 26. Januar 2019 im Alter von nahezu 97 Jahren gestorben. Sein Bruder Walter war bereits 1948 als Soldat im israelischen Unabhängigkeitskrieg ums Leben gekommen.

 

Familie Oppenheimer

 

Familie Oppenheimer (Foto: bf)
Familie Oppenheimer (Foto: bf)

Im Haus Gießener Straße 16 lebte der Kaufmann Hermann Oppenheimer mit seiner Frau Ida, den fünf Kindern Emmi, Zessi, Margot, Sofie und Kurt sowie seiner Mutter Helene. Am 10. November 1938, dem Pogromtag in Hungen, wurde er gemeinsam mit seinem Sohn Kurt und anderen jüdischen Bürgern verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht. Nach der Freilassung folgten Vater und Sohn den Frauen der Familie, die nach Frankfurt, in die vermeintliche Anonymität der Großstadt, umgezogen waren. Hermann, seine Mutter Helene und seine Frau Ida wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert. Die 87-jährige Helene erlag schon bald den Strapazen. Hermann und Ida wurden am 16. Mai 1944 nach Auschwitz gebracht und ermordet. Ihre fünf Kinder konnten rechtzeitig ins Ausland fliehen. Emmi ging mit ihrem Mann Arthur Grünebaum 1936 nach Südafrika. Sie starb 1972 in Johannesburg. Zessi Oppenheimer bekam gemeinsam mit ihrem Bruder Kurt ein Visum für England. Von dort ging sie in die USA, heiratete Willi Nelkenstock aus Hungen und starb 2003 in New York. Margot Oppenheimer floh im Dezember 1933 nach Palästina. Sie heiratete Samuel Kohn, hatte zwei Söhne und starb 1997 in Kiriat-Bialik. Sofie Oppenheimer ging 1938 als Hausmädchen nach England, trat dort in die Armee ein, heiratete den Soldaten Robert Edge, mit dem sie eine Tochter hatte. Sie starb bereits 1957. Der einzige Sohn der Oppenheimers, der 1923 geborene Kurt, gelangte 1938 mit einem Kindertransport nach England. Dort änderte er nach Kriegsausbruch seinen Namen in Ken Overman, um, wie seine Schwester Sofie, in die englische Armee aufgenommen zu werden. Ein einziges Mal, 2001, kehrte er nach Hungen zurück. Der Besuch war für ihn so aufwühlend, dass er ihn nicht wiederholen wollte. Vermutlich ist er 2010 oder etwas später gestorben. Sein letzter Brief an Ingrid Meybohm datierte vom 26. März 2010. Von dem Plan, in Hungen Stolpersteine zu verlegen, hat er noch erfahren. Er fand das »a very good idea«.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Armee
  • Befreiungskriege
  • England
  • Familien
  • Gunter Demnig
  • Hochzeiten
  • Judentum
  • Kaufmann
  • Kriegsbeginn
  • Palästina
  • Schicksal
  • Hungen
  • Ursula Sommerlad
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.