11. November 2019, 21:28 Uhr

Unvergessene Lebens- und Leidenswege

11. November 2019, 21:28 Uhr

Es ist eine Veranstaltung, die man zunächst nicht unbedingt im Programm eines Dorfjubiläums erwartet. Umso positiver fällt Bellersheim auf, dass man dort im Rahmen des 1250-jährigen Ortsjubiläums auch ein dunkles Kapitel der Dorfgeschichte thematisiert. Mit einer besonderen Feier wurde am Sonntag in der Kirche des jüdischen Lebens im Dorf gedacht, welches von den Nazis zerstört wurde. Die Kirche als Ort dieser Gedenkfeier - dies wirkt zunächst ungewöhnlich. »Jahrhundertelang haben Menschen in der Kirche dem Antisemitismus Argumente geliefert«, erklärte Pfarrerin Beate Fritzsche. »Unsere Kirche bekennt sich dazu schuldig.« Mittlerweile pflege man einen intensiven Dialog mit dem jüdischen Glauben.

Intensiv hat sich eine Gruppe von drei Jugendlichen und vier Erwachsenen mit dem jüdischen Leben in Bellersheim beschäftigt. Sie kontaktieren Nachfahren jüdischer Familien, die einst im Dorf wohnten, und interviewten diese. Sie recherchierten aber auch Lebenswege, die in den Konzentrationslagern endeten. Die jüdischen Mitbürger gehörten zum Dorfleben dazu.

»Im Ersten Weltkrieg zogen auch die jüdischen Männer für Deutschland ins Feld«, berichtete Beate Fritzsche. Die Bellersheimer Kinder spielten gemeinsam auf der Straße, die jüdischen Geschäfte waren Teil der Infrastruktur. 1861 waren 4,3 Prozent der Bevölkerung jüdisch. Doch bereits damals zogen viele Juden in die Städte. Zum einen wuchs der Antisemitismus, dem man in der Anonymität der Großstädte zu entgehen versuchte, zum anderen hofften sich dort auf bessere berufliche und wirtschaftliche Perspektiven.

Die Familie von Julius Kuttner lebte in einem Haus in der Münzenberger Straße/Ecke Münchgasse. Zusammen mit seiner Frau Emma hatte er drei Töchter. Seit 1900 betrieb er eine Schneiderei, in der viele Bellersheimer ihre Kleidung anfertigen ließen. Tochter Berta heiratete 1931 Friedrich Hurwitz, mit dem sie 1933 nach New York zog. Die zweite Tochter, Elsa, war sehr musikalisch. Sie wirkte auch bei den Theateraufführungen in der Angermühle mit. In den 1920ern ging sie als Kindermädchen nach Amerika, wo sie ihren Ehemann kennenlernte und heiratete. 2005 starb sie im Alter von 99 Jahren.

Kunden kamen nur noch bei Nacht

Als die Nazis zum Boykott der jüdischen Geschäfte aufriefen, traf dies die Familie Kuttner hart. Nachbarn versorgten sie heimlich mit Lebensmitteln, Kunden kamen nur noch bei Nacht. Gerne wäre das Ehepaar in die USA ausgewandert. Doch die USA verweigerten der dritten Tochter die Einreise: Martha war geistig behindert. Am 9. November 1938 wurde die Familie überfallen und geschlagen, die Fenster und Möbel wurden zertrümmert, die Lebensmittelvorräte auf die Straße geworfen. Ob es sich bei der Horde nur um Jugendliche aus den Rieddörfern handelte oder ob auch Bellersheimer dabei waren, lässt sich heute aus den Zeitzeugenberichten nicht mehr endgültig ermitteln.

Im August 1941 wurde Familie Kuttner gezwungen, nach Inheiden in ein »Judenhaus« zu ziehen. Im September 1942 wurden sie deportiert. Emma starb am 14. Januar 1943 in Theresienstadt, ihr Mann Julius am 23. März 1944. Tochter Martha wurde in Treblinka kurz nach ihrer Ankunft ermordet. Auch weitere Mitglieder der Familie Kuttner starben in den Konzentrationslagern.

Die Familie Wetterhahn wohnte in einem Haus in der Münchgasse, das vor langer Zeit abgerissen wurde. Samuel Wetterhahn war Viehhändler, seine Frau hieß Hannchen. Beide starben vor Beginn des Nazi-Regimes. Sie hatten acht Kinder. Sohn David heiratete nach Utphe, wo er 1930 starb. Seine Familie floh 1933/1934 in die USA. Ferdinand starb bereits 1903, Tochter Bertha 1920, die drei weiteren Söhne - Louis, Julius und Sally - flüchteten rechtzeitig aus Deutschland.

Tochter Mathilde heiratete nach Gladenbach, zog dann als Witwe nach Frankfurt. Sie wurde 1942 deportiert und schließlich in Treblinka ermordet. Kathinka Wetterhahn heiratete den Münzenberger Metzger Karl Katz. Drei ihrer vier Kinder entkamen der Vernichtung. Karl und Kathinka Katz sowie ihre Tochter Erna, der Mann Arthur und die achtjährige Enkelin Ruth wurden von Bad Nauheim aus nach Theresienstadt deportiert und ermordet.

Die Familie Löb wohnte im Hillebrand-Haus. Theodor Löb war Metzger und Viehhändler, seine Mutter Sanchen betrieb den angrenzenden Kolonialwarenladen. Sie starb 1931. Den Laden führte Ida Löb weiter. Der einzige Sohn, Siegfried Löb, flüchtete bereits 1933 nach Palästina. Er holte seine Eltern nach. »In Erinnerung an die Bellersheimer Opfer des Holocaust sollen im Februar Stolpersteine gesetzt werden«, kündigte Beate Fritzsche an. Der Chor »A-Chor-Do« umrahmte die Gedenkfeier ebenso wie Deborah Spiegel (Violine) und Marie-Kristin Schäfer-Fichtner (Gesang). Im Anschluss an die Gedenkfeier konnten sich die vielen Besucher an Stellwänden über die Geschichte der Familien informieren.

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