02. April 2019, 12:23 Uhr

»Kilometerkönige«

VW Passat: Dieser »Kilometerkönig« hat viel erlebt – doch nicht nur Gutes

Spurhalteassistent, ESP und ABS – Elektronik macht das Autofahren sicherer. Die Unfallzahlen jedoch sind weiter hoch. Einen Crash, den man keinem wünscht, erlitt unser heutiger »Kilometerkönig«.
02. April 2019, 12:23 Uhr
Roland Reitz mit seinem Passat 35i, Baujahr 1991, noch mit dem typischen "Nasenloch". (Foto: pm)

Kilometerkönige

In unserer Serie »Kilometerkönige« stellen wir besondere Beziehungen von Mensch und Maschine vor.

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Roland Reitz gehört zu jenen Menschen, für die Zuverlässigkeit und Praktikabilität eines Autos an erster Stelle stehen. Das Aussehen ist zweitrangig. Sein VW Passat 35i erfüllt diese Erwartungen: »Man sieht es ihm an, dass er schon viele Tonnen Material für Haus und Hof transportiert hat«, sagt der Hüttenberger. Gemurrt aber hat der Volkswagen nie, obwohl er nicht mehr der Jüngste ist: Der Kombi lief 1991 vom Band, hat inzwischen 619 000 Kilometer runter. Die Passats der Modellreihe 35i freilich gelten unter Autokennern als solide »Langläufer«.

Der Benziner von Roland Reitz – unter der Haube ein Zweiliter-Vierzylinder mit 115 PS – gehört zur dritten Passat-Modellreihe. Ihre Vertreter, so heißt es in einschlägigen Foren von Oldtimer-Freunden, hatten schon ihre Schwachstellen, vor allem bei den Spurstangenköpfen, der Achsaufhängung und den Bremsschläuchen. Geschätzt wird dagegen die »relative Rostbeständigkeit«.

 

Der Schweller brachte es an den Tag: Von wegen unfallfrei

Klar aber ist: Bei 28 Jahren auf der Straße, zumal in unseren Breitengraden mit Eis, Schnee und Salz, da bekommt der Rost seine Chance. Das musste auch Reitz erfahren: »2003 war plötzlich der Schweller unter der Beifahrertür durch.« Damit nicht genug, fiel ihm doch beim Ausbessern ein Stück Reparaturblech ins Auge. Vermutlich Folge eines Unfalls, zumal sich der Beifahrersitz nur schlecht verschieben ließ. Von dieser Vorgeschichte hatte ihm der Vorbesitzer, von dem er den Passat 1997 aus erster Hand erworben hatte, nichts erzählt.

Als der 35i nach Hüttenberg umzog, hatte er 98 000 Kilometer gelaufen. Wiederum sechs Jahre später tauchte die Sache mit dem Schweller auf, doch richtig heftig wurde es 2010: Bei 444 000 Kilometern war »die Technik fertig«. Also suchte und fand Reitz einen Austauschmotor mit 130 000 Kilometern. Oben drauf kamen ein neuer Kühler, neue Bremsen, neuer Auspuff, neue Reifen.

Um seinen Dienst als »Lastesel« für Haus und Hof besser erfüllen zu können, spendierte Reitz seinem »Langläufer« eine Anhängerkupplung. Jetzt hatte der Oldie erst recht seinen »Schaff«. Sozusagen als Ausgleich gab’s ein wenig Luxus – Drehzahlmesser, Funkfernbedienung für die Zentralverriegelung, Xenonlicht, Sportfahrwerk und Klima.

Nicht zu vergessen eine Original-ABS-Bremsanlage. Letztere ein »Geschenk« zum 20. Geburtstag (dass es vom Schrottplatz stammte, muss man ja nicht weitersagen). Das war 2011 und, wie sich bald zeigen sollte, ein echter Glücksgriff: »Im November diesen Jahres«, erzählt Reitz nun, »rettete das Antiblockiersystem uns das Leben.«

Wie das? Am Abend des 23. Novembers, es war schon dunkel, befanden sich der Hüttenberger und seine Frau auf dem Weg in die Uni-Klinik zum Blutspenden. In Gießen angelangt, fuhren sie von der B 49 ab und nach dem Kreisel in Richtung Kreuzung Frankfurter/Robert-Sommer-Straße, der Tacho zeigt etwa 80 km/h. Die Eheleute waren die Ersten in einer Kolonne. Ihnen entgegen kamen ebenfalls mehrere Autos mit ähnlicher Geschwindigkeit.

»Plötzlich scherte der erste aus dieser Kolonne etwa 20 bis 30 Meter vor uns aus, lenkte genau auf uns zu«. Das ABS verhinderte auf der regennassen Straße einen Frontalaufprall, auf der Fahrerseite des Passat wurden »nur« die Radaufhängung, Kotflügel und Tür ab- bzw. aufgerissen.

 

»Er wollte nicht mehr leben, steuerte sein Auto in den Gegenverkehr«

 Der Unfallverursacher flüchtete zu Fuß, wurde aber von der Polizei »wieder eingesammelt«. In der Gerichtsverhandlung sei dann herausgekommen, dass er mit 2,4 Promille unterwegs gewesen war. Seine Lebensgefährtin hatte die Beziehung gerade beendet. »Er wollte nicht mehr leben, hat deshalb sein Auto in den Gegenverkehr gesteuert.«

Für den Passat lautete die Diagnose: »Totalschaden«. Die Suche nach einem Ersatzfahrzeug aber gestaltete sich derart schwierig, dass Reitz nach vier Wochen aus Neugier die beschädigten Teile demontierte. Und so feststellte, dass die Karosserie unbeschädigt war. Also besorgte er die Ersatzteile und setzte den Passat wieder instand.

So kam’s, dass beide noch heute täglich nach Marburg pendeln, somit jede Woche 400 Kilometer hinter sich bringen. Hinzu kommen Urlaubsfahrten zur Nord- und Ostsee, nach Thüringen, Österreich, Spanien oder in die Schweiz. »Alle ohne eine einzige Panne.« Das macht diesen Passat aus. Und, wie eingangs bereits gesagt: Das Aussehen ist seinem Besitzer eh nicht so wichtig. »Er steht zu seinen Kratzern und Dellen, die doch so viele Geschichten erzählen«, beendet Reitz mit fast liebevollen Worten die Laudatio auf seinen Kilometerkönig.

Roland Reitz mit seinem Passat 35i, Baujahr 1991, noch mit dem typischen »Nasenloch« über dem Stoßfänger.

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