09. April 2019, 13:00 Uhr

"Kilometerkönige"

Vernarrt in einen alten »Franzosen«

»Es sind doch nicht nur Männer, die auf Oldtimer abfahren«, sagt Marlene Mil. Sie ist sozusagen der lebende Beweis: Jeden Sommer ist die 31-Jährige mit einem Renault 12, Baujahr 1977, unterwegs.
09. April 2019, 13:00 Uhr
Marlene Mil mit ihrem Renault 12 vor der wunderschönen Kulisse der Küste Kroatiens, etwa in Höhe der Stadt Crikvenica. (Foto: pm)

Kilometerkönige

In unserer Serie »Kilometerkönige« stellen wir besondere Beziehungen von Mensch und Maschine vor.

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Marlene Mil, die Besitzerin unseres heutigen »Kilometerkönigs«, stammt aus einer »Oldtimer-Familie«. Der Vater hatte als Kfz-Meister eine eigene Werkstatt in Daubringen. »Die war bei uns direkt am Haus, und so konnte ich schon als Kind in den Autos rumturnen und bei den Reparaturen ›helfen‹.« Die Faszination speziell für alte Modelle entwickelte sie dann als Jugendliche beim Stammtisch der Oldtimerfreunde Gießen, den ihre Eltern mitbegründet hatten. Sie damals Anfang 20 und – keine Überraschung – das einzige Mädchen in der Runde.

Gut, die Gefahr, sich mit dem »Oldie-Bazillus« anzustecken, bestand auch schon zu Hause: Ihre Mutter nannte einen Ponton-Mercedes aus den 50ern sowie einen Käfer ihr Eigen. Mil: »Seit ich denken kann, war ich von alten Autos umgeben.« Ihr erstes eigenes Gefährt mit Motor unter der Haube war ein recht neuer Polo 86C. Doch bereits nach drei Jahren lag sie dem Vater in den Ohren: »Ich möchte auch einen Oldie.« Der Wunsch ging bald in Erfüllung: Über einen Stammtischfreund kam sie 2009 an den Renault. Mil gegenüber der Gießener Allgemeinen Zeitung: »Seit nun zehn Jahren gehört der R 12 jeden Sommer zu mir.«

 

Im Sommer bei jedem Wetter

Beide haben schon viel gemeinsam erlebt und buchstäblich erfahren. Die weiteste Reise unternahmen sie vor sechs Jahren, als es einmal quer durch Kroatien ging. Zurück kam Mil mit einem defekten Traggelenk, was den löchrigen Straßen im kroatischen Hinterland geschuldet war. Aber, so Mil: »Ich hätte ehrlich gesagt mehr ›Schwund‹ erwartet und hatte extra eine Mitgliedschaft im AvD abgeschlossen.« Regelmäßig haben die junge Frau und der »alte Franzose« auch an Rallyes der Oldtimerfreunde Gießen teilgenommen. »Beim ersten Mal haben wir sogar gewonnen.« Zumeist aber dient der R 12 als Alltagsauto. Zwar nur im Sommer, aber bei jedem Wetter.

Im Winter fuhr sie zunächst einen alten 3er BMW Kombi. »Ich fand den soo toll, mein Vater war von Anfang an dagegen. Er sollte Recht behalten, mitten auf der Autobahn: Motorschaden.« Glück im Unglück: Tochter Marlene erbte den 190er Benz des Opas und hatte somit ein zweites Oldie-Schätzchen.

»Alte Autos wurden zum gemeinsamen Hobby von mir und meinem Vater, das hat uns zusammengeschweißt«, berichtet sie nun. Und gesteht, wie sehr sie das gemeinsame Schrauben und die Tüftelei vermisst. Seit dem Tod des Vaters hat sie an keiner Rallye und an keinem Stammtisch mehr teilgenommen – »das erinnert mich zu sehr an Vati.«

Ihren R 12 fährt sie immer noch leidenschaftlich gern, auch wenn die Instandhaltung ohne einen Kfz-Meister an der Seite komplizierter ist. Die fachmännische Begleitung bei Pflege, Wartung und Reparatur dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass der R 12 im stolzen Alter von 42 Jahren noch in solch guter Form daherkommt. Die Besitzerin über seine fahrerischen Qualitäten: »90 Stundenkilometer gehen gut, ab 100 – bergab schafft er auch mal 120 – wird es aber echt laut und knatterig.« Gut, er ist auch kein junger »Hüpper« mehr.

 

Seine ersten 32 Jahre im Norden auf der Piste

Wie viele Kilometer er in den Rädern hat, mag offenbleiben. Der Tacho ist nur fünfstellig, zeigt jetzt 64 000 an. Klar aber ist, dass ihn die Vorbesitzer in seinen ersten 32 Jahren, da war er noch im Raum Hamburg unterwegs, nicht nur in der Garage stehen hatten. Zudem darf das Schätzchen seit 2009 nur im Sommer auf die Piste. Was wohl auch erklärt, dass sich das »Rostproblem« in Grenzen hält, wie die 31-Jährige sagt. Mal abgesehen vom »Kroatien-Souvenir« Traggelenk bewegten sich auch die Reparaturen im normalen Bereich. Einzig die Beschaffung von Ersatzteilen werde zunehmend schwierig. Weswegen auch dieser Oldtimerfan stets die Kleinanzeigen im Auge behält. Sofern das nicht reicht: In der Türkei und Rumänien, berichteten ihr Freunde, sei der R 12 noch häufig als Taxi unterwegs. Mil mit einem Schmunzeln: »Wenn also mal eine all zu große Reparatur ansteht, werde ich mir wohl einen zweiten R 12 als Teileträger aus dem Urlaub mitbringen müssen.«

Bisher aber gab es dafür noch keinen Bedarf, größere Katastrophen hat sie nie erlebt. Und liegen geblieben ist der R 12 auch nur einmal – voll besetzt, auf dem Weg nach Darmstadt zu einem Punkkonzert. »Es ist einfach ein grundsolides Auto.« Im Mai ist es wieder soweit, dann kommt er aus der Halle – ich kann es kaum noch erwarten.«

 

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