15. Juli 2019, 22:23 Uhr

»Von der Sache her läuft es prima«

15. Juli 2019, 22:23 Uhr
Bis zu 100 Kunden kaufen jeden Tag im Dorfladen ein. Viele, doch könnten es nach Dafürhalten der »Macher« noch mehr sein, würden alle im Ort ihre Vorbehalte ablegen. (Foto: tb )

»Leben und sterben, wo ich zu Hause bin.« Der viel zitierte Satz des ehemaligen Gemeindepfarrers Dr. Ulf Häbel bringt auf den Punkt, um was es bei der Freienseener »DorfSchmiede« geht. Als vorbildhaft gewürdigt, sollte das Begegnungszentrums schon bald nach der Eröffnung 2016 in Turbulenzen geraten: Gleich zweimal drohte die Insolvenz der gemeinnützigen GmbH, abgewendet nur dank des Verzichts der Gläubiger, erhöhter Zuschüsse, verlängerter Kreditlinien. Anderthalb Jahre sind seither ins Land gegangen, Zeit nachzuschauen, was Stand der Dinge ist.

Kulturelle Angebote nicht vergessen

»Von der Sache her läuft es prima«, antwortet Häbel zunächst kurz und knapp. In der Vergangenheit sah der sich harscher Kritik ausgesetzt, seine Kompetenz ward in Zweifel gezogen - seit 2017 sind dem ehrenamtlichen Geschäftsführer kaufmännische Berater zur Seite gestellt Bei einem Kaffee listet der 77-Jährige nun auf, was ihn zur positiven Bilanz bringt.

Als unverzichtbar, gerade was die Funktion eines Begegnungszentrums angeht, erachtet er den Dorfladen mit der gut frequentierten Kaffee-Ecke. Auch an diesem Morgen sitzen hier vier Senioren. Plaudern über Gott, die Welt - und die Krücken des Ulf Häbel. »In meinem Alter sollte man nicht mehr vom Traktor springen«, klärt der die Sache auf.

Und kehrt zum Laden zurück: Die Zahl der Kunden bewege sich zwischen 80 und 100 pro Tag, der Monatsumsatz um die 28 000 Euro. »Die schwarze Null steht.« Die hat die Stadt - mit gut sechs Prozent Minderheitsgesellschafter zwar, aber in großem Umfang Kredit- und Zuschussgeber - gefordert. Andernfalls dürfe der Laden nicht weitergeführt werden, könne doch der gemeinnützige Teil des Konstrukts nicht auf Dauer den gewerblichen subventionieren.

Als »wesentliches Modul« für eingangs erwähntes Ziel, alten Menschen den Weg ins Seniorenheim zu ersparen, sind die betreuten Wohnungen zu nennen. »Alle belegt«, betont Häbel. Mehrere Wechsel hat es inzwischen gegeben, auch weil die Mieter quasi zu Hause gestorben sind. Was diese Teilbilanz freilich trübt, ist die Bürokratie: Avisierte 200 000 Euro Wohnungsbauförderung sind immer noch nicht eingegangen. Nachdem der Erstantrag aus 2013 verfallen war, hatte man eine neuen gestellt, worauf das Land aber zunächst ein 25 000 Euro teures Wirtschaftlichkeitsgutachten forderte. Das liegt seit Jahresbeginn vor, bescheinigt dem Projekt Tragfähigkeit. Längst liegt Wiesbaden auch der Verwendungsnachweis vor - beider Prüfung aber dauert und dauert. Häbel hofft auf Abschluss im Sommer, wonach man umgehend die Finanzspritze von 173 000 Euro an die Stadtwaldstiftung zurückerstatte.

Wegen der Miete unverzichtbares Standbein ist die ambulante Tagespflege. Auch dieses Angebot eines privaten Unternehmens mit seinen 15 Plätzen sei ausgebucht, freut sich Häbel. Ein immenser Gewinn für die ärztliche Versorgung sei die im Vorjahr erst eingerichtete Außensprechstunde.

Zur »prima Bilanz« zählen auch die Arbeitsplätze: acht in der Tagespflege, vier im Laden. Ist somit von der inhaltlichen Seite, »von der Sache her«, alles erreicht, wiederum abgesehen von der finanziellen Seite? Dass man jüngst die zweiten 10 000 Euro - eine von 60 Jahresraten, die an die Stadt zwecks Kreditabtrag zu zahlen sind - überwiesen habe, schickt Häbel voraus. Um dann seinen großen Wunsch zu äußern: »Eine Werkstatt, wo Kinder und Senioren als Teil des Alltags und nicht nur an Weihnachten zusammenkommen.«

Nicht vergessen seien am Ende die kulturellen Termine der Dorfschmiede, für die sich auch ein Dutzend Ehrenamtler engagieren. Konzerte, Lesungen, Erzählabende gehören dazu. Ein weiterer Höhepunkt: HR2 produziert derzeit in Freienseen ein Hörspiel, führt Interviews mit Bewohnern. Motto: »Ein Dorf erzählt.« Das 50-Minuten-Stück wird zum Jahreswechsel ausgestrahlt. Sicher ein weiterer Anlass für eine Begegnung in der Dorfschmiede.

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