20. Juli 2019, 18:00 Uhr

Bürgerversammlung

Vorbehalte gegen geplantes Baugebiet in Ruttershausen

Rund 300 Bürger waren am Donnerstagabend ins Gemeinschaftshaus in Ruttershausen gekommen. Es gab neue Informationen, aber es wurden auch viele Vorbehalte gegen das Großprojekt laut.
20. Juli 2019, 18:00 Uhr

Das mögliche Neubaugebiet am Ortsrand nördlich der Wißmarer Straße ist beherrschendes Thema in Ruttershausen - und sicher auch Thema bei der Burschenkirmes am Wochenende. Im Rahmen einer Bürgerversammlung wurde am Donnerstag die Machbarkeitsstudie zur Erschließung der künftigen Baugebietsflächen in Ruttershausen und Odenhausen vorgestellt.

Dann diskutierte man ausgiebig und kontrovers. Stadtverordnetenvorsteher Horst Klinkel hieß knapp 300 Zuhörer im Gemeinschaftshaus Ruttershausen willkommen. Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek stellte fest, der Saal sei proppenvoll wie zum Karneval. Das Thema habe den Nerv der Zeit getroffen. Es trage gesamtkommunale Bedeutung.

Mathias Wolf vom Planungsbüro Fischer informierte ausführlich. Der Regionalplan Mittelhessen 2010 des Regierungspräsidiums Gießen habe für Lollar für die Zeit von 2002 bis 2020 einen Wohnsiedlungsflächenbedarf von 21 Hektar ermittelt. Bedingt durch bauliche Entwicklung im Innenbereich und die Teilnahme am Dorfentwicklungsprogramm (untersagt die Ausweisung neuer Baugebiete) seien momentan noch 11,8 Hektar verfügbar. Anlässlich der momentanen Fortschreibung des Regionalplans wird Lollar bis 2030 noch einmal 21 Hektar an Wohnsiedlungsfläche zugestanden.

Erstes Abschnitt mit 32 Plätzen

Wieczorek sagte, dass wöchentlich mindestens fünf Anfragen für Bauplätze das Rathaus erreichten. Viele Leute aus Ruttershausen und von woanders her wollten explizit in Ruttershausen ein Haus errichten. Die angedachte Fläche am westlichen Ortsrand von Ruttershausen und Odenhausen sei der einzige zusammenhängende Bereich für Bauland im Stadtgebiet. Zufällig ist die Gesamtfläche 21 Hektar groß. Planer Wolf stellte in Frage, dass der gegenwärtige Bauboom noch jahrelang andauern werde. Gleichzeitig werde das Ausweisen von Bauland immer teurer. Für 21 Hektar kalkulierte er ein Zeitfenster von 20 bis 30 Jahren ein.

Ein erster Bauabschnitt könne in der Verlängerung der Querspange von der Wißmarer Straße aus westlich des Rosenwegs bis zum asphaltierten Feldweg erschlossen werden. 30 bis 32 Bauplätze in der Größe zwischen 600 und 750 Quadratmeter würden auf diese anderthalb bis zwei Hektar Fläche passen, und zwar Einfamilien- und Doppelhäuser.

Martina Karber rechnete in Gedanken durch wie viele Bauplätze und neue Bewohner bei 21 Hektar auf Ruttershausen zukämen und stellte fest, das würde zu groß. Man solle eine Obergrenze setzen, vielleicht nur einen Bauabschnitt verwirklichen. Manfred Abendroth sprach vom »Flächenfraß vor der Haustür«. Das Baugebiet gehe zu Lasten der Landwirtschaft, gegen die Natur im allgemeinen. Die Bürgermeister führten einen Wettbewerb um das schönste Baugebiet.

Landwirt Ernst Geißler stellte sich als Hauptbetroffener vor. »Seit 30 Jahren sind wir ein Demeter-Betrieb. Das Baugebiet beeinträchtigt uns«. Außerdem fühlte er sich durch die Stadt schlecht informiert. Geißler fragt: »Wo sind denn die versprochenen Ausgleichsflächen?«. Der Saal applaudierte geräuschvoll. Wolf teilte mit, das sei tatsächlich ein Knackpunkt.Seit einigen Jahren würden nicht mehr automatisch landwirtschaftliche Flächen zum Ausgleich herangezogen, sondern auch Wald, Gewässer oder Verbuschung sowie Ökokontomaßnahmen. Reiner Kopp nannte das Bauland »klimaschädlich« (Applaus). Er bezweifelte den Bedarf an Bauplätzen. Ältere Gebäude im Innenbereich kämen bald auf den Markt (demografische Entwicklung).

Ein junger Mann stellte sich vor: Er habe in Staufenberg und Lollar Klinken geputzt auf der Suche nach einem Bauplatz aus privater Hand - vergeblich. Kopp brachte den zusätzlichen Individualverkehr ins Spiel. Bei 32 Bauplätzen kämen wohl doppelt so viele Fahrzeuge zusammen. Damit steige die Verkehrsdichte auf der ohnehin überlasteten Ortsdurchfahrt in der Kernstadt. Hartmut Wirth kündigte Widerstand im Ortsbeirat und den städtischen Gremien an. Dr. Jens-Christian Kraft wusste, allein das Suchen der Ausgleichsfläche für das relativ kleine Baugebiet hinter der AWO sei schwierig gewesen.

Steffen Breitbarth, Sachbearbeiter beim Amt für Bodenmanagement Marburg, erläuterte das Umlegungsverfahren der aktuell landwirtschaftlich genutzten Fläche zu Bauland. Die Aufregung in Ruttershausen dürfte abschwellen, wenn man bedenkt, dass jeder etwaige Bauabschnitt durch die Kommunalpolitik zu beschließen wäre, man Ausgleichsflächen findet und die Grundeigentümer ihre Äcker tatsächlich verkaufen würden. »Enteignung ist Quatsch«, sagte der Bürgermeister vorsorglich.

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