18. September 2019, 10:00 Uhr

Kinder- und Jugendhilfe

Warum Burg Nordeck für manche Jugendliche die letzte Hoffnung ist

Die Jugendhilfeeinrichtung Burg Nordeck bietet für schwierige Fälle wie Schulverweigerer Perspektiven für die Zukunft. Nun erklärt die Leiterin, warum man im Dorf wenig von der Burg hört.
18. September 2019, 10:00 Uhr
Stefanie Wiesenberg ist als Einrichtungsleiterin für zurzeit 20 Kinder und Jugendliche auf Burg Nordeck verantwortlich. (Foto: jwr)

Der erste Eindruck war überwältigend. »Ich dachte: Wow, geil - was gibt es hier für Möglichkeiten!«, blickt Hagen Lubig auf seinen ersten Besuch auf Burg Nordeck zurück. Ein knapp 50 000 Quadratmeter großes, grünes Gelände und die Burg, die gerade die jungen Bewohner an die Welt von Harry Potter erinnern dürfte. Andererseits: »Räume sind auch Pädagogik.« Dem heutigen pädagogischen Leiter der Einrichtung wurde schnell klar, dass es viel Arbeit bedarf, bis das alte Gemäuer zu den Anforderungen zeitgemäßer Kinder- und Jugendhilfe passt. Er sollte recht behalten.

20 Kinder und Jugendliche leben dort zurzeit in Wohngruppen. Betrieben wird die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung von der Lebenshilfe-Tochter proLiberi, einer gemeinnützigen GmbH. Ab kommendem Jahr soll auf der Burg selbst eine Intensivgruppe untergebracht werden - mit einem besonders hohen Personalschlüssel. Bislang wohnen die Gruppen in kleineren Gebäuden am Fuß der Burg.

Das Konzept zielt auf Härtefälle ab: Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefiziten oder Sozialphobien sowie »Systemsprenger« kommen unter anderem hierher. In aller Regel stammen sie nicht aus dem Kreisgebiet. Jugendämter aus ganz Deutschland fragen auf der Burg an, ob sie junge Menschen dort unterbringen können, berichtet Einrichtungsleiterin Stefanie Wiesenberg. Die Bewohner kämen sowohl aus Akademiker-Haushalten als auch aus bildungsfernen, teils prekären Familienverhältnissen. Und in fast allen Fällen lebten die Eltern getrennt. 85 Jugendliche wurden seit der Eröffnung 2015 in der Einrichtung betreut und waren durchschnittlich anderthalb Jahre hier - unter ihnen zahlreiche unbegleitete minderjährige Geflüchtete.

90 Prozent der Anfragen, schätzt Wiesenberg, betreffen Menschen, die durch das Raster des Schulsystems gefallen sind: Schulverweigerer. Einige besuchen nun die Sophie-Scholl-Schule in Gießen, wo auf Inklusion und jahrgangsübergreifenden Unterricht gesetzt wird, oder berufliche Schulen. Andere werden von »Lerncoaches« an der Burg unterrichtet, in einer Lerngruppe sind höchstens vier Schüler. Sie arbeiten mit Materialien, die ihnen zugesandt werden - ein Konzept, das laut Wiesenberg ursprünglich für deutsche Kinder im Ausland oder längere Krankenhaus-Aufenthalte entwickelt wurde. Ziel sei, Sozialkompetenz und Selbstvertrauen der Heranwachsenden zu stärken und sie möglichst wieder fit für die Regelschule zu machen.

»Wir sind für einige die letzte Hoffnung, bevor sie ein Fall für den Jugendknast oder eine geschlossene Einrichtung sind«, sagt der pädagogische Leiter Lubig. Hier dagegen genießen sie Freizügigkeit, können sich auf dem Burg-Gelände oder außerhalb frei bewegen. Man habe sich bewusst gegen ein geschlossenes Konzept entschieden. Doch nicht jedem kann das Team helfen: »Wir hatten auch schwierige Kinder, die wir rauswerfen mussten«, sagt Einrichtungsleiterin Wiesenberg - vor allem, um andere Bewohner zu schützen.

Konzeptionell habe sich die Jugendhilfeeinrichtung seit 2015 weiterentwickelt, erläutert sie: Da es auch Anfragen für Mädchen mit Missbrauchserfahrungen gebe, habe man vor knapp einem Jahr eine Mädchengruppe eingerichtet. Diese biete einen besonderen Schutzraum. Außerdem wurde die Altersgrenze herabgesetzt. Nun können schon Kinder ab sechs Jahren in Nordeck betreut werden. Gerade für sie sei das naturnahe Gelände interessant, während ältere sich oft ein städtisches Umfeld wünschten.

Noch immer ist die Burg eine Baustelle. Von den engen Gängen gingen bislang kleine Zimmer ab - eher ungünstige Voraussetzungen. Denn so sei es schwer, in einer Wohngruppe den Überblick zu behalten, »und es entsteht keine geborgene Atmosphäre«, sagt Wiesenberg. Die Zimmer sind inzwischen neu zugeschnitten, um die gesetzlich geforderten zehn Quadratmeter pro Bewohner vorweisen zu können. Doch noch erinnert das ehrwürdige Gebäude von innen an einen Rohbau. Auch ein Wasserschaden Anfang 2018 und Verhandlungen mit der Denkmalschutzbehörde hätten die Arbeiten in die Länge gezogen, berichtet Wiesenberg.

Bauliche Änderungen stehen auch an anderen Stellen an: Unter dem Verwaltungstrakt befindet sich das Hallenbad. Früher waren hier regelmäßig Schulkassen zu Gast, viele Nordecker und Allendorfer haben hier Schwimmen gelernt. Doch das ist vorbei. »Die ganze Technik rostet, das können wir uns nicht mehr leisten«, sagt Wiesenberg. Das Bad soll zurückgebaut werden und dann als Fitnessraum dienen.

Auch vier Jahre nach der Übernahme des insolventen Landschulheims durch proLiberi gibt es kaum Austausch zwischen Dorf und Burg. Manche Nordecker würden gerne mehr darüber erfahren, was sich auf dem Gelände tut. Auf eine offensichtliche Veränderung wurde man außerhalb schnell aufmerksam, berichtet Wiesenberg: »Seit zwei Jahren gibt es keinen Tannenbaum mit Beleuchtung mehr auf dem Burgturm.« Der leuchtende Blickfang war vorher bis ins Tal zu sehen gewesen. Hinter dieser Veränderung steht ein simpler Grund: Als die Burg zur Baustelle wurde, habe man den Strom dort abgeschaltet.

Sie verstehe den Wunsch, Einblick zu erhalten, sagt die Einrichtungsleiterin. »Aber das konnte ich bisher schwer erfüllen, weil wir uns erst einmal um uns selbst kümmern mussten.« Nicht zuletzt habe sie die Pflicht, die Privatsphäre der Bewohner zu wahren. Wiesenberg hofft jedoch, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft dosierte Einblicke geben kann. Einen Tag der offenen Tür könne sie sich gut vorstellen - wenn die Burg keine Baustelle mehr ist.

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