30. Januar 2019, 13:00 Uhr

Jazz

Warum Konzerte von Mount Meander einzigartig sind

Seine ersten Versuche mit den Drum-Sticks machte er in Lich. Heute gibt Thomas Sauerborn Jazz-Konzerte auf der ganzen Welt. Sein Ding ist die Improvisation. Seine Band heißt Mount Meander.
30. Januar 2019, 13:00 Uhr
Keine Absprachen. Musik machen, wie es einem gerade einfällt: Improvisation ist das, was Mount Meander – v. l.: Thomas Sauerborn ( Schlagzeug), Lucas Leidinger (Klavier), Tomo Jacobson (Kontrabass), Karlis Auzins (Saxophon) – ausmacht. (Foto: Malwa Grabowska)

Mount Meander ist ein Berg in New Hampshire. Wieso gab sich Ihre Band diesen Namen?

Thomas Sauerborn: Wir haben dabei nicht an den Berg gedacht. Der Name ist vielmehr aus unserer Liebe zu Natureindrücken entstanden. Er beschreibt keinen konkreten Platz auf der Erde, sondern einen geheimnisvollen Ort in jedem von uns Menschen, den wir mit dem Erklingen unserer Musik betreten.

Ihre Konzerte sind reine Improvisation. Wie läuft das genau ab?

Sauerborn: Wir gehen ohne jegliche Absprache auf die Bühne. Die einzige Vorgabe ist, dass wir die Klänge der Natur, die uns beispielsweise beim Waldspaziergang oder Verweilen am Meer berührt haben, einfließen lassen. Es ist aus dem Moment geborene Musik. Und das Publikum ›mäandert‹ (engl.: to meander, Anm. der Redaktion) mit uns auf dieser Klangreise.

Dann ist also jeder Auftritt anders?

Sauerborn: Genau.

Wir gehen ohne jegliche Absprachen auf die Bühne. Es ist aus dem Moment geborene Musik

Thomas Sauerborn

Wie bereiten Sie sich darauf vor? Einzelne Titel so lange spielen, bis sie sitzen, ist ja nicht möglich.

Sauerborn: Indem wir Zeit miteinander verbringen und versuchen, in diesen Momenten etwas entstehen zu lassen. Außerdem studiert jeder von uns täglich sein Instrument. Und natürlich sind wir alle noch in anderen Ensembles unterwegs und proben.

Ihre Musik lebt von der Improvisation. Sind Sie im Privatleben auch eher spontan?

Sauerborn: Als Musiker ist man gezwungen, spontan zu leben, weil es keine wirkliche Form von Alltag gibt. Natürlich muss man organisatorisch fit sein, Termine unter einen Hut bringen. Aber es bedeutet eben auch, dass man spontan einen Plan B zur Hand haben und umsetzen muss.

Bleibt neben der Musik noch Zeit für andere Leidenschaften?

Sauerborn: Wir reisen gerne, und es bietet sich bei unserem Beruf natürlich an, das eine mit dem anderen zu verbinden. Darüber hinaus haben meine Hobbys eher mit Bewegung zu tun.

Ich war schon immer ein sehr körperlicher Mensch und das kann ich am Schlagzeug ausleben

Thomas Sauerborn

Quasi als Ausgleich?

Sauerborn: Ja. Ich spiele gerne Fußball oder Tennis, um die Birne frei zu bekommen.

Sie leben in Köln und bereisen Konzertbühnen auf der ganzen Welt. Wie ist es für Sie, ins kleine Lich zu kommen?

Sauerborn: Das ist für mich etwas ganz Besonderes. Mit Lich verbinde ich sehr viel, was meine Musik und musikalische Ausbildung angeht. Im Kino Traumstern habe ich früher bei den Vorspielen des Schlagzeug-Ensembles mitgemacht. Unter der Leitung von Andreas Kühr, der mich sehr geprägt hat. Und das Traumstern ist zwar irgendwie in Lich, aber es hat einen nationalen Ruf, ist eine Kulturinstanz, die weit über die Grenzen der Region hinaus geht. Dort spielen zu dürfen ist unglaublich toll für uns.

Mit sechs Jahren Klavier, mit neun Jahren Schlagzeug. Bis heute sind die Drums Ihr Instrument. Was fasziniert Sie daran?

Sauerborn: Ich war schon immer ein sehr körperlicher Mensch und das kann ich am Schlagzeug ausleben. Es ist das einzige Instrument, bei dem man alle vier Gliedmaßen benutzt. Von der Kirchenorgel abgesehen. Das in Kombination mit Rhythmus fasziniert mich total.

Natürlich sind wir keine Stars, die im Fernsehen zu sehen sind

Thomas Sauerborn

Mit 13 Jahren sammelten Sie erste Band-Erfahrungen. Wann stand für Sie fest, dass Sie Berufsmusiker werden wollten?

Sauerborn: Während des Abiturs am Laubach-Kolleg hat sich das irgendwann herauskristallisiert. Dort hatte Wolfgang Schult, ein wundervoller Musiklehrer, großen Einfluss auf mich. Außerdem spielte ich zu dieser Zeit im Landesjugendjazzorchester, wo ich ältere Musiker kennenlernte, die bereits studierten. Es machte mir total viel Spaß und ich dachte, das ist es, was ich ›twenty-four seven‹ machen möchte. Ich spielte am Conservatorium in Amsterdam vor und es hat sofort geklappt.

Mount Meander ist multikulturell, die Mitglieder stammen aus Deutschland, Lettland und Polen. Wie fanden Sie zusammen?

Sauerborn: Beim Studium in Kopenhagen. Wir trafen uns nach dem Unterricht zufällig im Foyer und hatten Lust zu spielen. Weil wir nicht wussten, welchen Background die anderen haben, legten wir einfach los. Da kam diese Art von Musik zustande. Ganz intuitiv.

Und Sie merkten sofort, dass das passt?

Sauerborn: Ja. Für mich war es eine Art Schlüsselerlebnis, weil ich bis dato mit der reinen Improvisation ohne jegliche Absprachen nichts zu tun hatte. Und den anderen ging es auch so. Dass wir uns alle vier auf Augenhöhe begegnen und einen Moment entstehen lassen, das war so stark, dass wir dachten, das müssen wir unbedingt wiederholen.

Und das taten sie.

Sauerborn: Kurz darauf haben wir uns ein Wochenende geblockt, zwei Tage lang durchgespielt, alles aufgenommen und daraus unsere erste CD gemacht. Seit dem gehen wir regelmäßig auf Tour und geben fünf bis zehn Konzerte im Jahr.

Die Suche nach dem Klang, der die Menschen berührt, das hat mich beeindruckt

Thomas Sauerborn

Als Musiker sind Sie auch in anderen Ensembles engagiert. Ihr Fokus liegt auf dem Jazz. Warum nicht Rock, Pop oder Volksmusik? Damit wird man doch heute berühmt.

Sauerborn: Natürlich bin ich mit Rock’n’Roll aufgewachsen. In meiner Jugend habe ich Deep Purple oder Led Zeppelin gehört, die ganz viel improvisiert und experimentiert haben. So wie die Jazzmusiker. Die Suche nach einem Klang, der die Menschen berührt – das hat mich beeindruckt und daher kommt meine Leidenschaft. Volksmusik finde ich langweilig, weil da seit Jahrzehnten nichts neues passiert ist.

Kann man davon leben?

Sauerborn: Ja, ich lebe (lacht). Natürlich sind wir keine Stars, die im Fernsehen zu sehen sind. Aber der Großteil der Musiker in Deutschland, die Kultur schaffen, die Konzerte auf die Beine stellen, lebt von einer Vielzahl von Projekten. Vom Unterricht. Von Workshops. So wie ich.

In Lich konzertieren Mount Meander vor dem Dokumentarfilm Milford Graves Full Mantis. Welche Rolle spielt der Pionier des Free-Jazz für Sie?

Sauerborn: Wenn man experimentiert und Klänge sucht, gibt es immer wieder Menschen oder Richtungen, die wegweisende Einflüsse in die Musik gebracht haben. Menschen, die einen inspirieren. Milford Graves ist so ein Mensch. Ein Schlagzeuger, der mir die Augen geöffnet hat.

Wie meinen Sie das?

Sauerborn: Er geht über eine sehr philosophische, emotionale Ebene an Musik heran. Hat eine eigene Vorstellungskraft über Dinge, die man in sie hinein projizieren kann. Das hat mich sehr beeindruckt. Und tut es noch.

Was erwartet das Publikum am 6. Februar?

Sauerborn: Auf jeden Fall ein sehr besonderer Abend. Zum einen ein Film u¨ber diesen Menschen Milford Graves, der sein Herz offen legt und zeigt, womit er sich bescha¨ftigt hat, wofür er lebt. Ein vergleichsweise irrationaler, aber ebenso wundervoller Lebensentwurf. Zum anderen ein außergewöhnlicher musikalischer Moment. Wer vor Ort ist, wird Teil eines Konzertes sein, das nicht reproduzierbar ist. Das Publikum erwartet vier junge, total nette Menschen, die aus Leidenschaft Musik machen. Fu¨r alle, die sich darauf einlassen wollen.

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