04. Juni 2019, 13:00 Uhr

Missverständnis

Warum Ludwig Bodenbender aus Salzböden bis jetzt als Grundgesetz-Vater galt

Ein Platz in Salzböden ist nach dem früheren SPD-Landespolitiker und Minister Ludwig Bodenbender benannt - mit Verweis auf seine Mitarbeit am Grundgesetz. Nun kam heraus, dass Bodenbender wohl doch kein Verfassungsvater war. Woher rührt das Missverständnis?
04. Juni 2019, 13:00 Uhr
Ursula Rolshausen, Ortsvorsteherin von Salzböden, am Ludwig-Bodenbender-Platz. Das Schild verweist, wohl nicht zutreffend, auf Bodenbenders Mitarbeit am Grundgesetz. (jwr)

Eigentlich sollte dieser Text von einem Vater des Grungesetzes handeln; einem von insgesamt 77 Männern und Frauen, die die bundesdeutsche Verfassung geschrieben haben. Daraus wurde nichts - doch dazu später. Die Geschichte von Ludwig Bodenbender ist trotzdem erzählenswert, denn er hat das damals noch junge Land Hessen geprägt wie kaum ein anderer Politiker aus dem Gießener Land. Ein sozialdemokratisches Urgestein, das sich stets treu geblieben ist.

Nachfahren von Bodenbender leben noch heute in seiner Heimat Salzböden, unter anderem seine Enkelin Ursula Rolshausen. Sie kam 1949 auf die Welt, gehört zum gleichen Jahrgang wie das Grundgesetz. Ihr Großvater starb, als sie 13 war. Was kommt ihr als erstes in den Sinn, wenn sie an ihn zurückdenkt? »Dass er ein stattlicher Mann war - und dass es in seinem Haus viele politische Diskussionen gab.« Sie berichtet von einem liebevollen Großvater, einem Mann, »der sehr überlegt gesprochen hat«.

Rolshausen trat um 1968 in die SPD ein, sitzt seit vielen Jahren in der Stadtverordnetenversammlung und ist Ortsvorsteherin von Salzböden. Als Genossin führt sie damit eine Familientradition fort, die ihr Großvater einst begründet hatte: Bereits mit 18 Jahren hob Ludwig Bodenbender den SPD-Ortsverein in Salzböden mit aus der Taufe. Damals, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, prägte die Partei die junge Republik von Weimar entscheidend. Sie war eine treibende Kraft dafür, dass aus einer Monarchie eine Demokratie wurde.

Heute erprobt sich der sozialdemokratische Nachwuchs häufig in der Parteijugend, Politikerkarrieren fußen auf Kontakten, werden geplant und vorbereitet. Ludwig Bodenbender hatte einen ganz anderen Hintergrund, kannte die Sorgen und Nöte der Arbeiter aus eigener Erfahrung nur allzu gut: Sein Vater war, wie damals viele Menschen auf dem Dorf, Kleinbauer. Die Familie sei zuvor nicht politisch engagiert gewesen, berichtet Rolshausen.

Auch Bodenbenders Sohn Werner, Rolshausens Onkel, lebt in Salzböden. Der 88-Jährige sitzt bei einer Tasse Tee in seinem Wintergarten und berichtet mit leiser Stimme über den Werdegegang seines Vaters: Ludwig Bodenbender war nach der Volksschule Hilfsarbeiter bei einem Eisenwarenhändler in Gießen, dann Bergmann in der Lindener Grube Fernie. »Er hat sich mit der Geschäftsleitung in die Haare gekriegt, weil er sich für die Belegschaft engagiert hat«, sagt sein Sohn. In Nordhessen war der spätere Minister in der Gewerkschaft aktiv. Mitte der 1920er wurde Bodenbender dann zum ersten sozialdemokratischen Gemeindevorsteher von Salzböden gewählt, quasi zum Bürgermeister.

Er blieb in diesem Amt - bis 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernahmen. Ursula Rolshausen zückt Briefe, die ihr Großvater damals erhalten hat. Im Juni 1933 wurde er aufgerufen, »111 Bücker marxistischen Inhalts« abzuliefern - wahrscheinlich wurden sie danach verbrannt. Im gleichen Jahr enthob das Regime den Bürgermeister seines Amtes. Das betreffende Schriftstück verweist auf Paragrafen und Erlasse, gibt diesem Unrecht so einen Anstrich vermeintlicher Legalität. Die zwölfjährige NS-Herrschaft war für Bodenbender eine düstere Epoche. Es gab Hausdurchsuchungen, er wurde für vier Wochen inhaftiert. Das Geld war knapp. »Er hat überhaupt nicht über diese Zeit gesprochen«, sagt sein Sohn.

1945 war der SPD-Mann plötzlich erneut gefragt. Die amerikanischen Besatzer setzten ihn wieder als Bürgermeister ein. Dann nahm die zweite Karriere des Ludwig Bodenbender rasch Fahrt auf: Er war Mitglied der »Verfassungsberatenden Landesversammlung Groß-Hessen«, Mitglied des Landtags, von 1949 bis 1953 sowie 1955 bis 1958 SPD-Fraktionsvorsitzender im Hessischen Parlament. Dazwischen (1953 bis 1955) trug Bodenbender außerdem als Staatsminister für Landwirtschaft und Forsten Verantwortung. Die Entwicklung des ländlichen Raums, Bildung, soziale Gerechtigkeit - diese Themen hätten ihm besonders am Herzen gelegen, berichten sein Sohn und seine Enkelin. Ganz konkret habe er sich auch dafür eingesetzt, dass die aus den ehemals deutschen Gebieten Vertriebenen Unterkünfte fanden. Mitgründer eines SPD-Ortsvereins, Gewerkschafter, Bürgermeister, Landtagsabgeordneter, Minister, Fraktionsvorsitzender, Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern: Die Liste von Bodenbenders Verdiensten und Ämtern ist lang. Besonders stolz war Ursula Rolshausen aber stets darauf, dass ihr Großvater am Grundgesetz mitgeschrieben hat. 2010 wurde ihm zu Ehren der »Ludwig-Bodenbender-Platz« in der Nähe des Dorfgemeinschaftshauses in Salzböden eingeweiht. Das hatte der Ortsbeirat beantragt, der Magistrat stimmte zu.

Doch an welchen Artikel des Grundgesetzes hat Bodenbender mitgewirkt? Weder seine Enkelin noch sein Sohn wissen dazu Genaueres. Merkwürdig ist, dass Bodenbenders Name auf offiziellen Listen der Grundgesetzväter und -mütter, also der Mitglieder des Parlamentarischen Rats, nicht auftaucht. Zum Glück gibt es Archive, auch beim Deutschen Bundestag. Doch die Anfrage an das Parlamentsarchiv bleibt ohne Ergebnis, unter dem Namen Bodenbender können die Mitarbeiter dort nichts finden. Schließlich kommt eine Antwort aus der Redaktion eines Datenhandbuchs, das die Protokolle des Parlamentarischen Rats aufgearbeitet hat: »Herr Ludwig Bodenbender hat nicht jenem ›Parlamentarischen Rat‹ angehört, der in Bonn das Grundgesetz erarbeitete.« Stattdessen sei er Mitglied des »Parlamentarischen Rats des Länderrats des amerikanischen Besatzungsgebietes« gewesen. Offenbar hat sich in Salzböden ein Missverständnis irgendwann fortgeschrieben.

Lollars Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek sagte nun, man »sollte prüfen«, ob das Schild am Bodenbender-Platz mit Verweis auf das Grundgesetz geändert werden müsse. Verfassungsvater hin oder her: Bodenbenders Nachfahren haben in jedem Fall allen Grund, stolz auf ihn zu sein.

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