28. Januar 2019, 15:00 Uhr

Besondere Predigt

Warum ein Pfarrer auf der Kanzel Verse schmiedet

Wenn Rolf Klingmann am Faschingssonntag in Annerod auf die Kanzel steigt, muss sich die Gemeinde auf eine besondere Predigt gefasst machen.
28. Januar 2019, 15:00 Uhr
So bekommen die Anneröder Rolf Klingmann nur einmal im Jahr zu sehen: An Faschingssonntag schlüpft der Pfarrer im Ruhestand ins närrische Outfit. (Foto: bf)

Fast eine kleine Tradition, liebe Leute, ist es schon: de Pärner, der sich nicht geniert, manch Ungereimtes produziert. Besagter Pfarrer war Rolf Klingmann, der am Faschingssonntag 2008 mit diesen Worten seine Predigt begann. Gereimt und in Versform. Damals im dritten Jahr in Folge und bei wachsender Beliebtheit. Mittlerweile ist Klingmann im Ruhestand. Aber am 3. März wird er wieder auf der Kanzel in der Anne-röder Kirche stehen und auf diese besondere Weise predigen. Zum zwölften Mal. Weil es ihm Spaß macht. Weil er Lachen wichtig findet. Und weil er mit seinen Versen bei der Gemeinde gut ankommt . »Ich habe von Anfang an positive Rückmeldungen bekommen«, sagt Klingmann. »Inzwischen warten die Leute förmlich darauf.« Und weil darüber hinaus in der Vergangenheit immer wieder nach seinen früheren Reden gefragt wurde, hat der 72-Jährige sie jetzt in einem kleinen Büchlein veröffentlicht.

Schon früh ein Hang zum Dichten

Einen Hang zum Dichten hatte Klingmann bereits als Jugendlicher, hat früh zu den verschiedensten Anlässen seine Gedanken zu Papier gebracht. »Mein erstes Gedicht habe ich wohl zum Muttertag geschrieben«, erzählt er. Auch mit dem Karneval ging der Anneröder früh auf Tuchfühlung. Als Zehnjähriger stand er bei einer Fremdensitzung – Klingmann stammt aus Höchst im Odenwald – gemeinsam mit dem Mundharmonika-Quartett seines älteren Bruders auf der Bühne und sang. Und auch andere Familienmitglieder haben offenbar eine Leidenschaft für die Narretei. »Mein jüngerer Bruder war Karnevalsprinz und hat regelmäßig Büttenreden gehalten«, sagt Klingmann. Der Sohn ist in seine Fußstapfen getreten. »Irgendwie liegt mir der Narr wohl im Blut«, scherzt der ehemalige Dekan, stellt aber klar: »Ein Fassenachter im exzessiven Sinn bin ich nicht.« Dennoch hat Klingmann, der drei Jahrzehnte lang Pfarrer in Annerod war und auch nach seiner Pensionierung 2010 noch Gottesdienste hält, früher selbst in der Bütt gestanden. Vor seiner Zeit in Fernwald, als er noch in Büdingen predigte. »Anfangs haben die Leute mit dem Kopf geschüttelt«, erinnert er sich an seinen ersten Auftritt. Doch am Ende habe das Publikum stürmisch applaudiert und eine Zugabe gefordert. Die gab es an jenem Abend nicht mehr, dafür in den darauffolgenden Jahren. Klingmann: »Das hat mir großen Spaß gemacht.«

Ohne moralischen Zeigefinger

Wichtig ist ihm bei seinen gereimten Predigten, die biblische Botschaft von einer anderen Seite zu beleuchten. Zeitkritisch, aber nicht mit dem moralischen Zeigefinger. Augenzwinkernd. Dafür braucht es laut Klingmann Humor, Selbstironie und Gelassenheit. Wichtige Eigenschaften, denn das Leben sei oft ernst genug. Meist stehen biblische Figuren im Fokus von Klingmanns Versen, manchmal so bekannte wie Martin Luther, manchmal weniger bekannte wie der Prophet Bileam. Aber auch dem Fußball hat sich der Anneröder schon gewidmet. Im WM-Jahr 2014.

Bis so eine gereimte Predigt steht, gehen ein paar Monate ins Land. »Im Sommerurlaub suche ich mir in der Regel ein Thema«, so Klingmann. In der Folgezeit kommen ihm dazu Ideen, die er niederschreibt. Mal bei der Zeitungslektüre, mal wenn er nicht einschlafen kann, manchmal sogar auf dem stillen Örtchen. Drei Wochen vor Faschingssonntag beginnt er seine Notizen in Form zu gießen. Wovon die nächste Rede handeln wird, will er noch nicht verraten. Sicher ist aber, dass er seine Worte in gewohnter Weise beschließend wird: In Gottes Namen, nur mit Helau anstatt mit Amen.

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Gereimte Predigten

45 Seiten umfasst das Büchlein »Gereimte Predigten«, das Rolf Klingmann mit Unterstützung seines Freundes Klaus Pflänzel herausgebracht hat. 125 Stück hat er auf eigene Kosten drucken lassen. Alle sind bereits vergriffen. Abgegeben hat er sie allerdings nicht gegen Geld, sondern gegen eine Spende. Für das Hilfsprojekt »Musik statt Straße«. Wer Interesse an einem Exemplar hat, kann sich an den Pfarrer im Ruhestand wenden: klingmann.fernwald@web.de

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