21. Februar 2019, 13:00 Uhr

UN-Simulationsspiel

Warum eine Lindenerin in der UN-Vollversammlung Botswana vertritt

Vanessa Seipp wird am 19. April im großen Saal der UN-Generalversammlung in New York Platz nehmen. Die 23-Jährige Lindenerin vertritt Botswana im bedeutendsten Simulationsspiel der Vereinten Nationen.
21. Februar 2019, 13:00 Uhr
Stefan_Schaal
Von Stefan Schaal
Vanessa Seipp verbringt ihr Auslandsstudium in Shanghai, hat dabei auch Städte wie Hongkong und Tokio besucht.

Nervös und mit großer Vorfreude wird Vanessa Seipp am Morgen des 19. April mitten in Manhattan aufwachen. Blickt sie durch ein Fenster des Hilton Hotels in Richtung Norden, wird sie den 500 Meter entfernten Central Park sehen können. Wenig später spürt sie eine Brise des East River und läuft an der berühmten überdimensionalen Skulptur einer verknoteten Pistole vor dem Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York vorbei. Dann schreitet die 23-Jährige aus Linden-Forst in den großen Saal der UN-Vollversammlung. Bis sie an einem Tisch stehen bleibt, auf dem ein Schild liegt: Botswana.

Wir studieren fast alle Management. Wir wollen uns aber nicht nur auf Erträge fokussieren

Vanessa Seipp

Seipp vertritt das afrikanische Land im Rahmen des weltweit bedeutendsten Simulationspiels, in dem Teilnehmer die Rolle von Staaten der Vereinten Nationen einnehmen. Die Lindenerin und 5000 weitere Studenten aus der ganzen Welt treffen sich dazu im April für eine Woche in New York. Seipp gehört einer Delegation der International School of Management (ISM) in Frankfurt an. Sie und die elf Kommilitonen ihrer Delegation haben eine Vision für den Gipfel im formuliert: Man wolle offen für alle Standpunkte und für friedliche Lösungen sein. »Wir studieren fast alle Management«, erklärt Seipp ihre Motivation, an dem Planspiel teilzunehmen. »Wir wollen uns aber nicht nur auf Erträge fokussieren. Sondern auf Ideen und Strategien, das Leben auf der Erde zu verbessern.«

»Ready to go«, spricht Seipp in ihr Telefon. Sie erzählt von ihren Vorbereitungen für die Reise nach New York. Weit entfernt von ihrer Heimat Linden ist sie schon jetzt. Sie verbringt derzeit zwei Auslandssemester in Shanghai, jobbt dort außerdem in einer Bank. Hin und wieder organisiert sie für die anstehende Reise nach New York Telefonkonferenzen mit den übrigen Mitgliedern ihrer Gruppe. »Ganz gut klappt es, wenn es in Deutschland 18 Uhr ist. Bei mir ist dann 1 Uhr in der Nacht. Und für einen Kommilitonen in Boston schlägt es gerade Mittag.«

 

Leben ohne Facebook

Am 14. April geht es los, dann wird Seipp in die Rolle einer UN-Botschafterin schlüpfen. Zunächst wird sie in simulierten Ausschüssen der Vereinten Nationen sitzen, bis sie schließlich am 19. April in den großen Saal der UN-Generalversammlung schreitet. Dass sie den Staat Botswana vertritt, wurde ausgelost. Seipp nimmt ihre Aufgabe allerdings an. Wenn sie über das afrikanische Land spricht, ist ein Hauch von Patriotismus zu spüren. »Botswana ist ein oft unterschätztes Juwel im Süden Afrikas«, sagt sie. Das Bildungsniveau sei hoch, die Wirtschaft aufstrebend. »Wir könnten eine tragende Rolle für Afrika übernehmen.« Eine Idee sei, sich während des UN-Spiels mit anderen Ländern zusammenzuschließen, »um mehr Macht zu vereinen«. Schwierig sei das Verhältnis zu Russland, aufgrund von Abhängigkeiten in der Diamantenindustrie. »Da könnte es zu Problemen kommen.«

Umweltverschmutzung wird ein Schwerpunkt in den Gremien des Simulationsspiels sein – ein Thema, mit dem Seipp auch in ihrem Alltag zu tun hat. Sie muss nur in den diesigen Himmel Shanghais schauen. Und auf den Nebel, der über der 23 Millionen Einwohner zählenden Stadt liegt. »Heute liegt die Luftverschmutzung bei mehr als 150 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Ab 100 soll man keinen Sport machen.« In Deutschland wird über den Grenzwert von 40 Mikrogramm diskutiert. »In Shanghai trage ich oft Mundschutz«, berichtet Seipp.

In der chinesischen Stadt stößt sie auf Schwierigkeiten durch Zensur. Online kann man auf zahlreiche westliche Seiten nicht zurückgreifen, muss die Verbindung per VPN außerhalb von China umleiten. »Ohne Facebook und Instagram kann ich leben«, sagt Seipp. »Aber wenn ich per Google Maps nach dem Weg schauen will, merke ich, dass es an Grundlegendem fehlt.«

 

Traum von der Europäischen Zentralbank

Dennoch genießt die Lindenerin, deren Mutter die Vorsitzende der TSG Leihgestern ist, ihr Auslandsstudium: »Abends gehen wir in Bars auf Dachterrassen von Wolkenkratzern.«

Derzeit schreibt Seipp an der Abschlussarbeit ihres Masterstudiums, sie untersucht die Regulation von Bankensystemen in Asien, Europa und den USA. In diesem Themenfeld will sie beruflich auf internationaler Ebene für Banken arbeiten. Und sie hat einen Traum: Irgendwann möchte sie für die Europäische Zentralbank tätig sein. Die 23-Jährige ergänzt: »Das ist noch ein langer Weg.«

27 000 Euro kostet die Teilnahme von Seipp und den anderen elf Frankfurter Studenten am Simulationsspiel in New York. Einen großen Teil zahlen Sponsoren der Hochschule. Gleichzeitig aber sammeln die Studenten Spenden. Weiter Informationen unter: www.nmunism.wixsite.com.



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