16. Januar 2019, 18:00 Uhr

»Aufstehen«

Was Anhänger der Bewegung »Aufstehen« in Mittelhessen bewegt

Bundesweit hat die Initiative »Aufstehen« rund 170 000 Anhänger. Sie will für soziale Gerechtigkeit werben. Jochen Reinhardt, Hungener Mitbegründer einer entstehenden Ortsgruppe, spricht über die Motive.
16. Januar 2019, 18:00 Uhr
Auch an die Proteste der »Gelbwesten« in Frankreich will »Aufstehen« anknüpfen. Das Foto zeigt eine Veranstaltung auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde zum Gedenken an die 1919 ermordeten Kommunistenführer Luxemburg und Liebknecht. (Foto: dpa)

Den Sozialstaat stärken, Privatisierungen stoppen, eine gerechtere Weltwirtschaft – das sind einige Anliegen der Sammlungsbewegung »Aufstehen«, die die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht im vergangenen Jahr federführend gegründet hat.

Auch in Mittelhessen hat die Bewegung Anklang gefunden, wenn auch in überschaubarem Maß. Bei einem offenen Treffen in Nidda (Wetteraukreis) hatten sich im November etwa 15 Sympathisanten getroffen. Jochen Reinhardt aus Hungen hatte zu diesem ersten informellen Austausch eingeladen.

Beruflich ist der studierte Physiker in der Datenverarbeitung tätig, hilft nebenher ehrenamtlich in einem Naturkostladen in Nidda aus. Vor knapp 40 Jahren sei er gegen den NATO-Doppelbeschluss, der mit Aufrüstung einher ging, auf die Straße gegangen, erzählt Reinhardt.

 

"Interessen des Großkapitals"

Doch seit 15 Jahren habe er, außer im Kommunalen, nicht mehr gewählt, gehöre damit zu einer »starken Fraktion«. Reinhardt wettert gegen die Parteien im Bundestag. Die verträten doch nur noch »Interessen des Großkapitals und der Eliten, Stichwort Automobilindustrie und Diesel-Skandal«. Am ehesten, sagt Reinhardt, stehe er noch der Linken nahe, »aber die sind auch schon sehr angepasst, machtbesessen«.

Nun hat der Hungener sein Engagement wiederentdeckt. Dass »Aufstehen« nicht parteipolitisch gebunden sei, habe ihm das Mitmachen erleichtert. Da es laut der Internetseite noch keine Gruppe in Mittelhessen gab, machte sich Reinhardt selbst daran, eine zu gründen.

Die Motivation der Teilnehmer, sich »Aufstehen« anzuschließen, ist laut Reinhardt sehr unterschiedlich. »Von Kriegsangst bis zu Erfahrungen aus Pflegeberufen«, sagt er. Und einige Menschen auf dem Treffen seien ganz unmittelbar von Armut betroffen – etwa ein Ehepaar, das wegen Krankheit in eine eine prekäre Situation gefallen sei.

Der gemeinsame Nenner war, den sozialen Zusammenhalt zu stärken

Jochen Reinhardt über das erste Treffen in Nidda

»Der gemeinsame Nenner war, den sozialen Zusammenhalt zu stärken«, fasst Reinhardt zusammen. Auch für ihn persönlich sind sozialpolitische Baustellen die Haupttriebfeder des Engagements.

 

"Bloß nicht mit der Wagenknecht!"

Der Startschuss für die Bewegung war im Sommer 2018 gefallen. Im Vorfeld hatte Sahra Wagenknecht, Co-Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, dafür geworben. Auch andere prominente Politiker wie die Ex-Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) haben sich angeschlossen, doch noch immer wird »Aufstehen« vor allem mit Wagenknecht verbunden.

Eignet sich eine solche Gallionsfigur als Zugpferd – oder ist sie eher ein Bremsklotz? Die Rückmeldungen seien unterschiedlich, sagt Reinhardt: »In meinem eher grün geprägten Bekanntenkreis sagen einige: ›Bloß nicht mit der Wagenknecht!‹ Und meine Mutter, eher konservativ eingestellt, meinte ›Die ist doch nett!‹ Man sollte die Person nicht überbewerten.«

Wagenknecht hat sich kürzlich in gelber Weste vor dem Kanzleramt filmen lassen – eine Anspielung auf die Proteste in Frankreich. Die »Gelbwesten« hätten gezeigt, wie aus Kritik eine Bewegung entstehen könne, findet Reinhardt. Natürlich müsse das aber friedlich bleiben.

Doch dass die Demonstrationen im Nachbarland vor allem mit Krawall verbunden würden, sei auch ein Problem der medialen Darstellung: »Man sieht hier nur: Die haben gelbe Westen und es brennt und raucht. Idioten, die Ärger machen und sich dranhängen, gibt es immer.«

 

Direkte Beteiligung stärken

Zwar ist die Bewegung »von oben« gegründet worden, doch Reinhardt plädiert dafür, dass nun Impulse von der regionalen Ebene nach oben hin wirken. Er versteht »Aufstehen« als eine Graswurzelbewegung, die aus der Bevölkerung heraus wächst. Lokale Initiativen, zum Beispiel Nachbarschaftshilfe, könnten ein Anfang sein, um das Profil der Bewegung zu schärfen.

So könne man im Kleinen anstoßen, was es im Großen zu bewegen gelte: »Ein auskömmliches Leben für alle«, prekäre Lebenssituationen aufheben, direkte Beteiligungsformen stärken, das nennt er als seine Hauptanliegen.

Manche Kritiker befürchten, dass die Initiative die Linke als Partei spalten könnte. Reinhardt will das nicht ausschließen, doch es hänge davon ab, ob die Sammlungsbewegung in Zukunft bei Wahlen antreten werde – und das sehe er noch nicht.

 

"Aufstehen" war zeitweise offline

Für das nächste Treffen (siehe Infokasten) hofft der 63-Jährige auf ein paar mehr Teilnehmer. Wie viel Potenzial es in der Region gibt, wie viele Menschen aus dem Kreis Gießen sich online schon solidarisch erklärt haben, weiß er nicht. »Seit ein paar Wochen herrscht Funkstille«, sagt Reinhardt, der Internet-Auftritt von »Aufstehen« sei zwischenzeitlich offline gewesen.

Er teile den Eindruck, dass es in den vergangenen Wochen recht ruhig um »Aufstehen« geworden ist, »zumindest in der Tagesschau«. Die Treffen dienten zurzeit auch der Vernetzung, dem Austausch von Ideen. »Das ist auf höherer Ebene noch verbesserungswürdig. Es frustriert ein Stück weit, aber in der Anfangszeit ist es auch schwierig.«

Momentan ist die »Aufstehen«-Gruppe in Nidda also noch weitgehend auf sich allein gestellt. Vielleicht ist das ja eine gute Übung, um wie Graswurzeln zu gedeihen. Die wachsen schließlich auch von unten her.

Info

Treffen in Nidda am Freitag

Am Freitag, 18. Januar, findet ein Treffen von Unterstützern der Sammlungsbewegung »Aufstehen« im Bürgerhaus Nidda statt (20 Uhr, Clubraum I). Neue Teilnehmer, so erklären die Organisatoren, seien herzlich willkommen. (pm)

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