09. April 2019, 05:00 Uhr

Amtsgericht Gießen

Was darf der Informatiker in der Arztpraxis?

Dunkelfeld-Diagnostik und Skalarwellen-Messungen - das liegt im Bereich der alternativen Untersuchungsmethoden jenseits der Schulmedizin. Bei einem heimischen Arzt wurde das angeboten.
09. April 2019, 05:00 Uhr
Amtsgericht Gießen. (Foto: ep)

Es geht um die Frage, ob ein Informatiker als Heilkundiger gearbeitet hat und damit gegen das Heilpraktikergesetz verstoßen hat. Und es geht um ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis. Nämlich das zwischen Patient und Arzt. Gleich mehrfach betonten gestern Patienten im Zeugenstand vor dem Amtsgericht, zu dem in einer Kreisgemeinde praktizierenden Facharzt vollstes Vertrauen zu haben.

Insofern hinterfragten sie auch nicht, als eben jener erfahrene und renommierte Mediziner einen neuen Mitarbeiter in seiner Praxis für alternative Untersuchungsmethoden empfahl: Dunkelfeld-Diagnose und Skalarwellen-Messungen etwa. »Bei mir wird alles immer gut, wenn ich beim Herrn Doktor war«, versichert eine seniore Patientin im Brustton tiefster Überzeugung.

 

Wurde auch behandelt?

Just das versuchen Amtsrichterin Elnaz Rezaian und die Staatsanwaltschaft zu ergründen: Ob und in welchem Umfang Max N., nach eignener Aussage Informatiker und von Sommer 2015 bis Anfang 2017 Angestellter der Praxis, Diagnosen erstellt oder gar Behandlungen vorgenommen hat.

Angeklagt sind zehn ausgewählte Fälle; die tatsächliche Zahl dürfte um einiges höher liegen. Neben Max N. ist der Betreiber der Arztpraxis der Beihilfe angeklagt.

 

Praxisteam und Patienten befragt

Nach dem Prozessauftakt in der vergangenen Woche wurden diesmal zahlreiche Mitarbeiterinnen der Arztpraxis als Zeugen befragt, zudem mehrere Patienten. Mehrfach sagten Patienten aus, dass der Arzt ihres Vertrauens den Mitarbeiter regelrecht empfohlen habe: Dieser mache »etwas Neues, Tolles«, man solle es doch unbedingt ausprobieren«, erinnert sich eine an Multipler Sklerose erkrankte Frau.

Wobei die Rolle von Max N. in der Praxis nicht ganz klar war. Das zeigten die Aussagen von Arzthelferinnen und weiteren Mitarbeiterinnen. So sollte er zum einen für das Management verantwortlich sein. Denn die Praxis soll vor dem wirtschaftlichen »Aus« gestanden haben, nachdem ein dort für drei Jahre mitpraktizierender Mediziner ausgeschieden war. »Die Praxis kämpfte damals ums Überleben«, sagte eine langjährige Mitarbeiterin.

 

Welche Rolle spielt der Informatiker?

Mit rund100 Patienten am Tag laufe der Betrieb gut. Das Problem sei »der private Bereich von Herrn Doktor« gewesen, der zeitweise nicht mal mehr über ein Konto verfügt habe, weil er wirtschaftliche Fragen hintenangestellt haben soll. Doch das erörterte das Gericht nicht, sondern hinterfragte vielmehr das Tun von Max N. Er soll sich als Informatiker oder IT-Manager vorgestellt haben, sollte ein Konzept erarbeiten, damit der Betrieb weitergehen könne. Dazu hatte er das Computersystem überarbeitet, Verträge mit den Mitarbeiterinnen angepasst und eine neue Telefonanlage installieren lassen.

 

Diagnose oder Therapie?

Der Praxisinhaber, ein Heilpraktiker-Kollege und der Hauptangeklagte selbst hätten den Eindruck vermittelt, letzterer habe medizinische Kenntnisse, hieß es vor Gericht. In akribischer Kleinarbeit versuchen Richterin Rezaian und Staatsanwalt Rouven Spieler nun herauszufinden, inwieweit Max N. nur Ergebnisse seiner Messgeräte ausgewertet hat oder ob er darüber hinaus auch therapeutische Empfehlungen gab. Letzteres ließen Praxismitarbeiterinnen anklingen. Und Patienten sagten klar aus: N. habe Infusionen angeordnet, habe in Einzelfällen auch versucht, diese selbst zu legen.

Arzt und Mitarbeiter haben unterstrichen, sich bei Therapien beraten zu haben; der Arzt übernahm die Verantwortung. Der Prozess wird fortgesetzt.

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