20. Dezember 2016, 12:00 Uhr

»Weder originell noch neu«

Hungen (kjg). Die Kunsthistorikerin Dr. Gertrud Roth-Bojadzhiev aus Augsburg referierte im Blauen Saal des Hungener Schlosses zum Thema »Kitsch as Kitsch can« und untermalte ihren Vortrag mit anschaulichen Bildern. Renate Hampel vom Freundeskreis Schloss Hungen begrüßte die Gäste und stellte die Referentin als geniale Briefeschreiberin und Expertin vor, die mit ihrem Taschenbuch »Die Entwicklung der Landschaftsdarstellung in der oberdeutschen Tafelmalerei des 15. Jahrhunderts« im Jahr 1978 den Doktorgrad erhalten habe und schon häufiger in Hungen gewesen sei.
20. Dezember 2016, 12:00 Uhr
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Von Karl-Josef Graf
Gertrud Roth-Bojadzhiev

Mit ihrem ersten Bild stellte Roth-Bojadzhiev eine »niedliche kleine Engelwelt« vor, wie man sie auch auf Friedhöfen antreffe. »Kitsch oder kein Kitsch« ist hier die Frage. Unter Kitsch versteht man im Gegensatz zu Kunst etwas Sentimentales, Triviales oder Minderwertiges. Es geht dabei um die einfache Herstellung von Dingen, die man ohnehin bereits kennt, und die keine besondere Originalität haben. Kitsch ist leicht reproduzierbar, eine Massenware. »In jedem von uns steckt ein Tropfen Kitsch, weil Kitsch der kürzeste Weg zur Versöhnung mit den Lebensumständen ist«, zitierte sie den Künstler Burkhard Schmidt.
Es gehe darum, aufmerksam zu sein, und kritisch anzuschauen, was die Geschäftswelt uns anbiete, sagte Roth-Bojadzhiev und stellte weitere, allen gut bekannte, Produkte vor: Gartenzwerge, Walt Disney’s Figuren, Hummel-Engel, Mäuse, Nippes, Barbie- und Elsa-Puppen mit und ohne Feeenkostüm sowie die Jugendzimmergestaltung der 60er/70er Jahre. Souveniers seien ebenfalls gute Beispiele für Kitsch. In der Malerei seien der röhrende Hirsch im Wohnzimmer, die kleinen Katzen, das bäuerliche oder klösterliche Milieu Beispiele für Kitsch. Das, was gezeigt werde, sei weder originell noch neu, dafür aber leicht herzustellen oder zu reproduzieren.
Im weiteren Verlauf arbeitete Roth-Bojadzhiev an gleichen Produkten und Bildern, die sie gegenüberstellte, heraus, was Kitsch ist und was nicht. Faschistoide Systeme leben von einem hohen Kitsch-Faktor. Patriotismus und Kitsch seien nahe beieinander. Die Geranien auf den bayerischen Balkonen seien ursprünglich zur Abwehr der Fliegen angebracht worden. Auch das sei Kitsch, wenn ein Teil zweckentfremdet für andere Aufgaben benutzt wird, wie die Kuhglocke als Klingel. (Foto: kjg)


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