05. Dezember 2017, 20:17 Uhr

Wenn der Elefant kokelt

05. Dezember 2017, 20:17 Uhr
Nicht alle Werke Kreislers passen in einen Abend. Martin Gärtner hat eine Auswahl im Gepäck. (Foto: vh)

Das Klavier bebt, Martin Gärtners Stimme überschlägt sich beinahe und die Zuhörer lauschen gebannt. Auf der improvisierten Bühne im Alten Schulsaal von Odenhausen werden gerade Tauben vergiftet oder, schlimmer noch, im Mordrausch Messer geschliffen. Man könnte meinen, alle Schlechtigkeit dieser Welt passt in einen Abend hinein im sonst beschaulichen Dorf an der Lumda. Gärtner gibt auf Einladung der Kulturinitiative Odculture ein Gastspiel, hat »Kreisleriana« mitgebracht, ein Programm zu Ehren des 2011 gestorbenen Georg Kreisler. Der geborene Wiener galt schwerpunktmäßig in den 1960er und 1970er Jahren als Meister des kabarettistischen Chansons voll hintergründiger Satire und schwarzen Humors.

Fiktion billiger als Realität

Kreislers Humor ist meistens sehr speziell und verwirrend dicht, was wiederum den Zuhörer ziemlich fordert. Der Komponist, Sänger und Dichter hatte für die kleinen und großen Macken seiner Zeitgenossen ein gutes Gespür und sah sich selbst in der Rolle des Anarchisten. Von dieser Warte aus wetterte Kreisler gegen die Macht der Mächtigen und nahm kein Blatt vor den Mund.

Gärtner hatte das Kreisler-Programm schon vor langer Zeit zusammengestellt und es jetzt wieder ausgegraben. Es gestaltete einen Abend voll intensiver Momente. Einmal, wenn etwa der Zirkus in Flammen stand, der Elefant eine Stunde lang vor sich hin kokelte, liefen dem Publikum regelrechte Schauer über den Rücken. Dann wiederum, beim romantisch-verklärten Lied für Barbara, wurde der Saal zum Träumen verführt. Denn Barbara, die Schöne, ist nur eine Fiktion, deshalb gemäß Kreisler »am einfachsten und billigsten«.

Gärtner studierte Gesang, Klavier und Dirigieren und lud ein Kapellmeisterstudium obendrauf. Durch vielfältige künstlerische Arbeitspraxis hat er den Bogen raus wie man dramaturgisch geschickt sein Publikum bei Laune hält. Ob düsterer Klimbim oder makabre Katastrophen, es sollte schließlich herzhaft gelacht werden, obgleich die Pointe einem hin und wieder fast im Halse stecken blieb. Selten hat sich ein Lästerziel überlebt, so wie etwa das Heimatlied. In den 60er Jahren besang Kreisler Gelsenkirchen noch als eine »Brennstoffdemokratie«, weil jeder den Kohlenstaub atmen musste.

Gärtner gab eine ausführliche Kostprobe, etliche Zugaben und musste dennoch eingestehen, alles an einem Abend, das sei unmöglich. Viele Zuhörerwünsche blieben unerfüllt. Der Hunger nach Kreislers launiger Weltsicht konnte nur halb erfüllt werden, sodass die Programmfortsetzung wohl »Kreisleriana II.« heißen wird.

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