16. August 2018, 10:00 Uhr

Teure Bauprojekte

Wer ist schuld, wenn öffentliche Bauvorhaben mal wieder länger dauern?

Es ist ein Problem, das öffentliche Bauträger umtreibt: Auf Ausschreibungen bewerben sich kaum Firmen – und wenn, dann oft mit teuren Angeboten. Das liegt nicht nur an vollen Auftragsbüchern.
16. August 2018, 10:00 Uhr
Jonas_Wissner
Von Jonas Wissner
Die Bergstraße in Staufenberg bräuchte dringend einen neuen Belag. Doch mangels Angeboten hat die Stadt die Arbeiten nun erneut ausgeschrieben. (Foto: dcg)

Eigentlich sollten in der Ortsdurchfahrt von Odenhausen (Lahn) längst Bagger rollen. Ursprünglich für Juni geplant, wurde der Beginn der Landesstraßen-Grundsanierung samt Kanalarbeiten auf August verschoben, doch auch daraus wurde nichts. Nun sollen die Arbeiten im kommenden Frühjahr beginnen. Der Grund für die Verzögerung: Die vorgelegten Angebote lagen deutlich über der Kostenschätzung. Hessen Mobil und der Zweckverband Lollar-Staufenberg wollen zum Jahreswechsel erneut ausschreiben.

Eine Recherche im Landkreis ergibt: In vielen Orten werden Bauprojekte der öffentlichen Hand verschoben, weil sich entweder keine Firmen auf die Ausschreibungen bewerben oder die Angebote den vorgesehenen Kostenrahmen deutlich übersteigen. Ein Problem, mit dem Kommunen, der Kreis und das Land zu kämpfen haben – je nachdem, wer für die jeweilige Baustelle verantwortlich ist. Die Situation ist nicht neu, doch die Lage scheint sich zu verschärfen.

 

Dezernentin Schmahl: "Handwerkerleistungen sind sehr viel teurer geworden"

 

Doch woran liegt es, dass Straßensanierungen, Schulbauten oder auch kleinere Arbeiten nicht selten erheblich teurer als ausgeschrieben umgesetzt werden? Kreisbaudezernentin Dr. Christiane Schmahl, unter anderem zuständig für Schulgebäude, erläutert die Lage anhand eines Beispiels aus Linden.

2,8 Millionen Euro sind im Kreishaushalt für den Neubau der Turnhalle der Anne-Frank-Schule vorgesehen, doch das preisgünstigste Angebot für die Umsetzung liegt bei 3,6 Millionen. »Die Handwerkerleistungen sind in der letzten Zeit sehr viel teurer geworden, ebenso die Materiallieferungen. Das gibt ein Bieter, der für die Fertigstellung des ganzen Baus als Generalübernehmer bietet, natürlich an uns weiter«, äußert sich Schmahl.

Zwar gebe es auch »Punktlandungen«, also Angebote, die im Kostenrahmen bleiben. Allerdings lägen die Kosten immer häufiger über dem Plan. Der Baumarkt sei mittlerweile »völlig überhitzt«.

 

40 Prozent teurer - das ist keine Seltenheit

 

Das Baugewerbe hat alle Hände voll zu tun. Die Auftragsbücher sind üppig gefüllt, die Konjunktur brummt. »Die Firmen können ja auch nicht mehr tun als zu arbeiten«, kommentiert Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller. Die Nachfrage übersteige das Angebot, also stiegen auch die Preise.

Am Ende 30, 40 Prozent mehr als ursprünglich veranschlagt aus der Stadtkasse zu bezahlen, sei keine Seltenheit. Sein Busecker Amtskollege Dirk Haas bestätigt, dass es oft zu Mehrausgaben in dieser Höhe komme.

 

Handwerker sehen Ursache bei Handel und Industrie

 

Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, schildert die Situation aus Unternehmersicht: »Es sind nicht unbedingt die Handwerker, die an der Preisschraube drehen, sondern der Handel und die Industrie.«

Die Stundensätze seien in jüngster Vergangenheit »kaum gestiegen«, aber natürlich gäben Unternehmen erhöhte Material- und Transportkosten weiter. Es gebe Firmen, die gern und häufig an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen – aber auch einige, die das bewusst nicht tun. Teils auch, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht hätten, sagt Hendrischke.

Öffentliche Bauvorhaben müssen in Ausschüssen und Parlamenten beraten und beschlossen werden. Für die öffentlichen Ausschreibungen gelten, verständlicherweise, strikte Vorschriften. Der »Dienstweg« wird dadurch länger, als wenn ein privater Investor oder Häuslebauer ein passendes Bauunternehmen sucht.

»Bei der öffentlichen Hand sind die Planungsintervalle sehr lang«, sagt der Kreishandwerkerschafts-Geschäftsführer. »Und es gibt auch Beispiele, wo Zahlungen nicht so schnell kommen wie bei privaten Auftraggebern.« Das sei ein Punkt, der manche Baufirmen abschrecke, Angebote einzureichen. Nicht zuletzt mangle es insgesamt an Fachkräften. Hendrischke schätzt, dass »über alle Gewerke hinweg« Unternehmen im Kreis angesichts der Auftragslage im Schnitt zehn Prozent mehr Mitarbeiter beschäftigen könnten – wenn sie denn verfügbar wären.

 

Schmahl: Berlin und Wiesbaden könnten zur Entspannung beitragen

 

Die vollen Auftragsbücher der Unternehmen tragen dazu bei, dass sich mitunter gar keine Firmen auf die Ausschreibungen hin melden. Kreisbaudezernentin Schmahl: »Mittlerweile bauen eben alle: Die Privatleute wegen der niedrigen Zinsen, die Firmen ebenfalls, die öffentliche Hand wegen der Kommunalinvestitionsprogramme (KIP) 1 und 2 sowie der Hessenkasse.« Daraus ergibt sich insgesamt eine Nachfrage, die die Kapazitäten des Handwerks übersteigt. Es ist eine Situation, aus der kein einfacher Ausweg gangbar scheint.

Aus Sicht von Baudezernentin Schmahl könnten Berlin und Wiesbaden aber zu einer Entspannung beitragen: »Statt der Förderprogramme, die solche Marktüberhitzungen hervorrufen, sollte eine regelmäßige, gleichmäßige Förderung von Bund und Land für alle kommunalen Bauträger kommen. Das täte allen gut.«



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